Zum Hauptinhalt springenZum Seitenende springen

Drei Prozent lokale Produkte in Hotels auf Mallorca: Wie funktioniert das Gesetz und wird die Regelung eingehalten?

Laut Gesetz muss eine Mindestmenge der Lebensmittel in Mallorcas Hotels und Restaurants von der Insel stammen. Die MZ ist der Richtlinie auf den Grund gegangen

Produkte von den Balearen gibt es zuhauf. Nur ist die Frage, ob sie wirklich als lokale Erzeugnisse gelten, nicht immer so einfach zu beantworten.

Produkte von den Balearen gibt es zuhauf. Nur ist die Frage, ob sie wirklich als lokale Erzeugnisse gelten, nicht immer so einfach zu beantworten. / Aisha Bonet

Folgen Sie uns bereits?Marken Sie uns als bevorzugte Medien
Hinzufügen zu Google
Johannes Krayer

Johannes Krayer

Auf den Balearen müssen laut dem Tourismus-Gesetz in touristischen Betrieben, also Hotels und Restaurants, mindestens drei Prozent der Lebensmittel von den Inseln stammen. Bei Hotels mit vier Sternen sind es vier Prozent und bei Fünf-Sterne-Häusern und agroturismos müssen es fünf Prozent sein.

Das ist eine feine Sache, da sind sich im Kern Politik, Hoteliers und Bauern einig. Doch der Teufel liegt im Detail. Und die Landwirte sind höchst unzufrieden mit der Durchsetzung der Regelung. So sehr, dass sie Ende Juli auf die Barrikaden gingen und öffentlich anzweifelten, dass die Hoteliers und Gastronomen ihren gesetzlichen Verpflichtungen wirklich nachkommen.

Bauern verkaufen 2026 deutlich weniger

Im Vergleich zum Vorjahr habe man in den ersten Monaten des Jahres 2026 etwa 30 Prozent weniger landwirtschaftliche Erzeugnisse verkauft. Da könne etwas nicht mit rechten Dingen zugehen, wetterte der Bauernverband Unió de Pagesos.

Und auch im Gespräch mit der MZ zeigt sich Landwirt Joan Gaià, ebenfalls bei der Unió de Pagesos, aufgebracht: „Das kann doch niemand ernsthaft glauben, dass die Hoteliers ihre Vorgaben einhalten, wenn wir einen derartigen Rückgang bei unserem Absatz hatten. Die Urlauberzahlen sind ja nun alles andere als drastisch zurückgegangen“, schimpft Gaià.

l Der Ziegenzüchter Joan Gaià stellt seinen eigenen Käse her.  l Auf einem Gemüsefeld nahe Manacor.  l Ein Bauer auf einem Traktor nahe Inca.  l Frische Tomaten, eines der typischen Erzeugnisse auf Mallorca.    | FOTOS: NELE BENDGENS

Der Ziegenzüchter Joan Gaià stellt seinen eigenen Käse her. / Nele Bendgens

Wie funktioniert die Regel?

Wer sich in die Untiefen der Gesetzeslage begibt, merkt, dass die Sache nicht schwarz oder weiß ist, sondern recht komplex. Wobei die Ausgangssituation im Prinzip einfach scheint: Drei Prozent der Summe, die Hotels und Restaurants für den Einkauf ihrer Lebensmittel ausgeben, müssen in Produkte von den Balearen fließen.

Die drei Prozent gelten für die Gesamtheit aller Lebensmittel, also auch Getränke, erklärt gegenüber der MZ der für die lokalen Erzeugnisse zuständige Generaldirektor der Balearen-Regierung, Joan Llabrés. Er spricht dabei von einem „bescheidenen Prozentsatz“, den man aber bewusst niedrig gewählt habe – zum einen, weil es sonst Konflikte mit der Freizügigkeit in der Europäischen Union geben könnte, zum anderen auch, damit zumindest dieser kleine Anteil wirklich eingehalten werde. Wer nun einige teure Weinflaschen im Sortiment führt, hat den Prozentsatz relativ schnell erfüllt. Sollte man zumindest meinen.

Die Position der Bauern

Schön wär’s, sagen die Landwirte. Denn nicht einmal das werde erreicht. „Es gibt natürlich Hoteliers, die wollen es richtig machen, aber ich bin überzeugt, dass ein großer Teil der Unterkünfte in den klassischen Urlauberhochburgen nicht auf die drei Prozent kommt“, sagt Landwirt Joan Gaià, der nahe Manacor Ziegenkäse herstellt.

Dieser kommt nach seiner Darstellung gerade bei deutschen Residenten und Mallorca-Liebhabern generell sehr gut an. „Sie fahren von weit her, um meine Produkte zu kaufen, aber die meisten Partyurlauber sehen in ihrem Hotel an der Playa de Palma den ganzen Urlaub über kaum Lebensmittel von der Insel.“ Das sei früher ganz anders gewesen. Zu Beginn des Massentourismus in den 1960er- und 1970er-Jahren seien fast alle Produkte von der Insel gekommen und auch vor 20 Jahren sei der Anteil der Erzeugnisse von den Balearen in den Hotels noch viel höher gewesen.

Wie viel wird kontrolliert?

Die Inspektionen sind eine Achillesferse. Wie der Tourismusdezernent des Inselrats, Guillem Ginard, im Interview mit der MZ einräumt, wurden 2025 gerade einmal 120 Inspektionen in Hotels oder Restaurants in Bezug auf die Drei-Prozent-Regel durchgezogen. „Das kann man jetzt für wenig halten, aber wir haben momentan nur 26 Inspekteure zur Verfügung, die ja unter anderem auch die illegale Ferienvermietung eindämmen sollen“, verteidigt sich Ginard.

"Wir sind gar nicht darauf aus, dass möglichst viel kontrolliert wird."

Joan Gaià, Landwirt

Zumal die Häufigkeit der Kontrollen in den kommenden Jahren kontinuierlich ausgebaut werden soll. Die reine Zahl der Inspektionen allein ist ohnehin nicht das, was die Landwirte stört. „Wir sind nicht darauf aus, dass möglichst viel kontrolliert wird. Wir wollen, dass die Hoteliers die Regelung von sich aus umsetzen“, sagt Gaià. Und schon gar nicht unter Androhung von Strafen. Wobei diese offensichtlich quasi inexistent sind. „Im vergangenen Jahr haben wir keine einzige Sanktion ausstellen müssen, weil alle kontrollierten Betriebe die Regelung umgesetzt haben“, sagt Ginard.

Betriebe haben lange Zeit, um Papiere zusammenzustellen

Da kann sich Joan Gaià ein Lachen nur mühsam verkneifen. „Wie glaubwürdig ist das, dass niemand einen Fehler macht?“ Wobei diese Ergebnisse kein Wunder seien: Wenn man den Hotels und Restaurants vorher Bescheid gebe, dass eine Kontrolle anstehe, könnten diese sich ja darauf vorbereiten. Ginard bestätigt das: „Die Betriebe haben ihre detaillierten Rechnungen und Papiere nicht alle bei sich im Büro herumliegen, sondern häufig bei den Dienstleistern, die ihre Buchhaltung stemmen, und müssen diese erst anfordern.“

Zwischen zehn und 15 Tagen Zeit gebe man den Betrieben, um die Papiere herbeizuschaffen. Er könne nicht einfach nach Lust und Laune mehr Inspektionen anordnen, stellt Guillem Ginard klar. „Ich muss da meinen Sachbearbeitern im Inselrat vertrauen, dass sie die Zahl der Kontrollen je nach Anforderungen richtig kalkulieren.“

Wie stellt man fest, ob ein Produkt von den Inseln stammt?

Das ist ein weiterer Punkt aus dem Kleingedruckten. Bei verarbeiteten Lebensmitteln ist das recht einfach herauszufinden. Wenn etwa für die Feigenmarmelade Feigen von Mallorca verwendet wurden, ist die Sache klar. Bei der Sobrassada ist es schon ein wenig kniffliger. Die Streichwurst mag zwar etwa in Felanitx hergestellt sein, das Fleisch kann aber vom Festland stammen. Dann wäre es im Prinzip ungültig.

Im Fall der Sobrassada allerdings greift der Sonderfall, dass es sich um eine geschützte Herkunftsbezeichnung von Mallorca handelt und somit wieder okay ist. Bei Erzeugnissen mit nicht geschützter Herkunftsbezeichnung gilt diese Auslegung nicht. So können beispielsweise Oliven der Firma Rosselló aus der Inselmitte hier verarbeitet und eingelegt sein, wenn die Oliven allerdings überwiegend vom Festland stammen, handelt es sich dabei nicht um ein Produkt von den Inseln.

"Wir müssen die Angaben auf der Rechnung glauben, wir können nicht auch noch die Lieferanten überprüfen."

Guillem Ginard, Tourismusdezernent im Inselrat

Bei Obst oder Gemüse im Stückverkauf muss nachgewiesen werden, dass es auf den Inseln angebaut wurde. Im Prinzip genügt dafür, dass auf der Rechnung etwa „Tomate von Mallorca“ steht. Dass die Lieferanten hier teilweise die Balearen-Herkunft etwas großzügiger auslegen, das hält auch der zuständige Generaldirektor aus dem Landwirtschaftsministerium für möglich.

Und Guillem Ginard vom Inselrat sagt dazu nur: „Wir müssen die Angaben auf der Rechnung glauben, wir können nicht auch noch die Lieferanten überprüfen.“ Trickserei will man diesen also zwar nicht unbedingt unterstellen, falls sie allerdings vorkäme, würde sie wohl niemand entdecken. Zumal für die Überprüfung der Lieferanten wieder das Landwirtschaftsministerium zuständig ist.

Wird auf den inseln überhaupt genügend hergestellt?

Bei dieser Frage sind sich zwar Landwirtschaftsministerium und Bauern ziemlich einig, dafür haben die Hoteliers Zweifel. An Erzeugnissen von der Insel mangelt es nicht, sagt Joan Llabrés aus dem Ministerium. Produziert werde genügend. „Wir sprechen ja nicht über riesige Mengen. Wenn ein Hotel im Jahr eine Million Euro für Lebensmittel ausgibt, müssen es 30.000 Euro für Erzeugnisse von den Inseln sein, das ist machbar.“

Und auch Joan Gaià ist überzeugt davon, dass die Landwirte der Nachfrage nachkommen können. „Wir können ja reagieren und einfach mehr anpflanzen, sollte mehr benötigt werden. Da sind wir auf den Balearen flexibel genug“, ist sich Gaià sicher.

Was sagen die Hoteliers?

Inés Batle, Hotelierin aus Cala Millor und bei der Hoteliersvereinigung Fehm aktiv, sieht Probleme bei der Versorgung. „Es werden ohnehin schon nur 15 Prozent der Lebensmittel, die auf den Balearen konsumiert werden, hier produziert“, wirft sie ein. Im Prinzip findet Batle die Auflagen richtig und wichtig, ihre Eltern waren selbst Landwirte. Sie kämpft aber nach eigenen Angaben damit, den Prozentsatz erfüllen zu können.

„Wenn eine Ensaimada hier gebacken wurde, das Mehl als Hauptzutat aber vom Festland stammt, gilt sie nicht als Balearen-Produkt. Das ist wenig zielführend.“

Inés Batle, Hotelierin aus Cala Millor

„Das ist für uns vor allem seit der Schließung der Molkerei Agama nicht mehr so einfach. Vorher haben wir da die gesamte Milch eingekauft“, erklärt Batle. Und die Richtlinien seien zu streng. „Wenn eine Ensaimada hier gebacken wurde, das Mehl als Hauptzutat aber vom Festland stammt, gilt sie nicht als Balearen-Produkt. Das ist wenig zielführend.“

Trotzdem ist sie aufgrund von Gesprächen mit ihren Hotelierskollegen sicher, dass nahezu alle versuchen, die Auflagen zu erfüllen – auch wenn es eine Herausforderung sei. Denn die Ernte sei nicht jedes Jahr gleich ergiebig. „Wir kämpfen auf den Inseln schon viele Jahre mit Trockenheit“, sagt Batle.

Gibt es positive Beispiele?

Ja, findet Joan Gaià. Viele Hoteliers redeten zwar pausenlos von Nachhaltigkeit und der Verantwortung für die Inseln, das sei aber viel heiße Luft. Bei der Hotelkette Riu sehe das anders aus. „Riu hat einen lokalen Produzenten von Tomaten und Zucchini, von dem sie den kompletten Bedarf beziehen.“

Die Kette praktiziere tatsächlich Kreislaufwirtschaft und lasse aus den Abfällen Kompost herstellen, den der Produzent dann wieder auf dem Feld einsetzt. „Ich denke, wir werden deshalb ab sofort bei einzelnen Hoteliers vorsprechen und ihnen die Vorteile der lokalen Produktion ans Herz zu legen, statt über die Hoteliersvereinigung zu gehen“, sagt Gaià.

Abonnieren, um zu lesen

Tracking Pixel Contents