Mallorca im Klimawandel: Immer mehr Hitzetage machen Sommerurlaub unattraktiver
Studien zeigen, dass extreme Hitze die Rückkehrbereitschaft von Touristen verringert, während kühlere Ziele an Attraktivität gewinnen

Wie lange hält man es im Sommer noch am Strand auf Mallorca aus? / Manu Mielniezuk
Auch wenn Urlauber in einer Studie der Balearen-Universität kürzlich etwas anderes behauptet haben: Auf Mallorca mehren sich die Anzeichen dafür, dass die immer heißeren Sommer das touristische Verhalten verändern könnten. Hitzewellen, tropische Nächte und Rekordtemperaturen im Mittelmeer machen Juli und August zunehmend belastend.
Während die Insel weiterhin Besucherrekorde verzeichnet, könnte ausgerechnet das Klima langfristig dazu führen, dass sich ein Teil der Nachfrage stärker auf Juni, September und Oktober verlagert.
Aktueller Bericht der OECD
Die OECD weist in einem aktuellen Bericht darauf hin, dass klassische Mittelmeerziele in den heißesten Sommermonaten an Attraktivität verlieren könnten. Immer mehr Reisende suchten kühlere Regionen in höheren Lagen oder nördlicheren Breiten – sogenannte „Coolcations“. Davon könnten etwa Nordeuropa, Kanada oder Alpenregionen profitieren.
Noch spiegeln die Mallorca-Zahlen diesen Trend allerdings nicht wider. Zwischen Januar und Juli nutzten 19,59 Millionen Passagiere den Flughafen Palma, 2,2 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.
Extreme Hitze senkt die Rückkehrbereitschaft
Eine Untersuchung von CaixaBank Research kommt zu dem Ergebnis, dass 13,8 Prozent der Urlauber, die während ihres Spanien-Aufenthalts eine extreme Hitzewelle erleben, später nicht wiederkommen. Als extrem gelten dabei Temperaturen, die mehr als acht Grad über dem historischen Tagesmittel liegen. Für Mallorca ist das relevant: Die Insel hat in diesem Jahr bereits vier solcher Episoden erlebt.

Noch ist kein Urlauberrückgang im Sommer festzustellen. / Manu Mielniezuk
Die Studie zeigt zudem, dass hitzegeplagte Stammgäste nicht unbedingt Spanien oder den Mittelmeerraum ganz meiden, sondern häufiger auf kühlere Orte innerhalb derselben Urlaubstypologie ausweichen.
Auch international gibt es erste Hinweise auf eine Verschiebung: Laut Trivago stiegen die Buchungen britischer Urlauber für Juli und August nach Schweden um 57 Prozent, nach Norwegen um 55 und nach Dänemark um 29 Prozent. Booking.com registrierte ebenfalls deutlich mehr Suchanfragen für Städte in Schweden und Norwegen. Noch bleibt der Mittelmeerraum dominant, doch kühlere Ziele gewinnen im Hochsommer an Boden.
Mehr Reisen im Frühjahr und Herbst
Die OECD erwartet nicht nur geografische, sondern auch zeitliche Veränderungen. Klassische Badeziele könnten in Juli und August Nachfrage verlieren, wenn Komfort- und Sicherheitsgrenzen überschritten werden. Gleichzeitig dürften sich Reisen stärker in Frühling und Herbst verschieben. Das könnte die Saison entzerren und die touristischen Einnahmen gleichmäßiger über das Jahr verteilen.
Pau Vílchez vom Klimaforschungslabor LINCC der Universität der Balearen nennt drei zentrale Folgen des Klimawandels für die Inseln: steigende Temperaturen und häufigere Hitzewellen, den Meeresspiegelanstieg sowie weniger verfügbares Trinkwasser.
Emissionen wirken zeitversetzt
All das werde direkte Auswirkungen auf den Tourismus haben. Zudem wirkten die heutigen Emissionen zeitversetzt: „Was wir jetzt erleben, ist Folge dessen, was wir vor rund 20 Jahren ausgestoßen haben.“

Klimaforscher Pau de Vïlchez. / GUILLEM BOSCH
Mehr tropische und extrem heiße Nächte könnten den Hochsommer zusätzlich unattraktiver machen. Zugleich erwärmen sich auch die Herkunftsländer vieler Urlauber, sodass der Anreiz sinken könnte, allein wegen der Wärme nach Mallorca zu reisen.
Allerdings bleiben Schulferien und klassische Urlaubszeiten ein wichtiger Faktor. Viele Familien können weiterhin nur im Juli und August verreisen.
Auch die Natur gerät unter Druck
Eine immer längere Saison bringt zudem ökologische Nachteile. Monate mit weniger Besuchern sind wichtig, damit sich Ökosysteme und Grundwasserreserven erholen können. Gleichzeitig bedrohen steigender Meeresspiegel und das ungewöhnlich warme Mittelmeer die Küsten.
Vílchez warnt insbesondere vor den Folgen für die Seegraswiesen, die Posidonia: Bleiben die Wassertemperaturen länger über 28 Grad, kann das Seegras geschädigt werden. Damit würde auch ein wichtiger natürlicher Schutz der Strände vor Erosion und Stürmen geschwächt.
Hoteliers warnen vor Hektik
Die mallorquinische Hoteliervereinigung FEHM warnt allerdings vor voreiligen Schlüssen. Bislang gebe es keine belastbaren Daten, die kürzere Aufenthalte oder eine Verschiebung von Buchungen direkt auf die Temperaturen zurückführten. Reiseentscheidungen hingen ebenso von Preisen, Erreichbarkeit, Wirtschaftslage, Ferienkalendern und veränderten Konsumgewohnheiten ab.
Gleichzeitig bestätigt die Branche, dass Juni, September und Oktober an Bedeutung gewinnen. In den vergangenen rund 15 Jahren hätten die Hotels mehr als vier Milliarden Euro investiert, um ihre Häuser aufzuwerten und länger im Jahr geöffnet zu halten. Ziel sei jedoch nicht, „das ganze Jahr in Juli und August zu verwandeln“, sondern gerade die Spitzenmonate zu entlasten.
Hitze verändert Urlauberverhalten vor Ort
Schon jetzt passen Urlauber ihre Tagesplanung an. Laut Pedro Fiol, Präsident des Reisebüroverbands AVIBA, wurden in diesem Sommer weniger Kultur- und Aktiv-Ausflüge gebucht, vor allem wenn sie körperliche Anstrengung und längere Aufenthalte im Freien erfordern. Besser liefen Wasserparks, Katamaranfahrten und Höhlenausflüge.
Hotels würden zunehmend zum „Klimaschutzraum“, sagt Fiol. Viele Gäste blieben während der heißesten Stunden lieber dort. Gleichzeitig verschiebe sich die Nachfrage: Die erste Septemberhälfte werde voraussichtlich stärker als jede Augusthälfte und könne inzwischen sogar teurer sein.
Fiol sieht die langfristige Gefahr allerdings weniger in einzelnen Hitzewellen als in der schleichenden Zerstörung der natürlichen Grundlagen. „Wenn es kein Wasser gibt, werden die Menschen nicht kommen.“ Mallorca vermarkte schließlich seine Landschaft und Natur. Gehe diese verloren, könne die Insel irgendwann ihre Wiedererkennbarkeit einbüßen.

Füllen sich immer später am Tag: die Bars und Restaurants der Insel. / Nele Bendgens
Restaurants reagieren bereits
Auch die Gastronomie passt sich an. Nach Angaben von Juanmi Ferrer, Präsident von Restauración CAEB Mallorca, verzichten immer mehr Betriebe auf den Mittagsservice, während sich das Geschäft wieder stärker auf die Abendstunden konzentriert. „Die Mittagshitze ist ganz klar nicht attraktiv. Die Leute gehen immer später aus.“
Zugleich investieren Restaurants in leichtere Arbeitskleidung und suchen nach besseren Lösungen für Terrassen, die über klassische Sonnenschirme hinausgehen.
Der Tourismus wird sich an die Hitze anpassen. Die entscheidende Frage ist jedoch, wie weit diese Anpassung reicht – und ob am Ende ausgerechnet die Einwohner Mallorcas diejenigen sind, für die Juli und August immer schwerer erträglich werden.
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