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Wohnungsnot auf Mallorca: Hausbesetzer lösen das Problem auf ihre Weise

Opfer oder Täter? Zwei Geschichten zeigen, wie vielschichtig das Problem der Hausbesetzungen auf Mallorca ist

Seit sechs Monaten besetzt María Rosario Amaya mit ihrem Freund und den vier Kindern eine Wohnung in Son Gotleu. Sie kämpft für einen Mietvertrag. Nele Bendgens

Okupas, wie Hausbesetzer in Spanien genannt werden, haben auf Mallorca gewiss keine Lobby. Oft werden sie für Sozialschmarotzer gehalten, die in Wohnungen einbrechen, dort eine Weile verbleiben und beim Auszug eine ausgeraubte Ruine hinterlassen. „Die Sympathien liegen dann immer bei den armen Eigentümern“, sagt Joan Segura. Der Mallorquiner ist eine Art Robin Hood für Okupas, Hypotheken- und Mietschuldner – die Grenzen sind oft fließend.

Mit dem Verein „Stop Desahucios“ (Zwangsräumungen stoppen) kämpft er für Schuldner und Hausbesetzer gegen Banken, Rathaus und Polizei. Eine Festnahme und zwei Strafanzeigen entmutigen ihn dabei nicht. „Ich streite nicht ab, dass es auch kriminelle Okupas gibt. Die meisten sind aber Familien, die einfach nur eine Bleibe suchen. Und die Besitzer sind oft Geierfonds und gierige Banken“, sagt Joan Segura.

Plötzlich Hausbesetzerin auf Mallorca

María Rosario Amaya ist so jemand, der einfach nur eine Bleibe sucht. Die 32-Jährige empfängt die MZ im Passatge Pic d’Aneto, mitten im Herzen von Palmas sozialen Brennpunktviertel Son Gotleu. „Es ist ein vierter Stock ohne Aufzug“, entschuldigt sich die junge Frau und grüßt beim Treppensteigen freundlich die Nachbarn. Einmal eingetreten, lässt sich kein Unterschied zwischen einer besetzten Bleibe und einer Mietwohnung feststellen. Es ist sauber, auf dem großen Fernseher läuft „Tom and Jerry“. „Ich bin eine Okupa“, versichert Amaya. „Mein größter Traum ist, eine Miete zahlen zu dürfen.“

Politische Besetzungen sind auf Mallorca die Ausnahme. Foto: Nele Bendgens

Kein Glück in Argentinien gefunden

2013 wanderte die gitana, wie die Mitglieder der Roma in Spanien genannt werden, mit ihrem Freund nach Argentinien aus. „Ich konnte mir kaum vorstellen, wie schlecht es der Wirtschaft dort geht“, sagt sie. Sechs Jahre später kehrte sie mit neuem Freund und drei Kindern zurück auf die Insel. Bei ihrer Mutter, die in Inca lebt, fand die Familie vorübergehend eine Bleibe. „Mein Freund hat keine Arbeitserlaubnis bekommen. Dann erwischte uns noch die Pandemie“, sagt Amaya. „Ich konnte als Reinigungskraft in Krankenhäusern arbeiten, bekam als Vertretung aber immer nur befristete Verträge für wenige Wochen und Monate. Von 900 Euro im Monat kann auf Mallorca schlecht eine ganze Familie leben.“

Nach einem Streit mit der Mutter suchte Amaya 2021 ein neues Zuhause. Die 32-Jährige fand ein lukratives Angebot. „Ein Mann zeigte uns eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Inca.“ 500 Euro kalt sollte die Miete kosten. „Wir haben die Nachbarn gesprochen, und es sah alles gut aus.“ 1.500 Euro – zwei Monate Kaution und die erste Miete – zahlte die Familie vorab. Das Geld lieh die Mutter. „Nachdem wir die Schlüssel erhielten, verschwand der Mann. Einen Vertrag haben wir nicht bekommen“, sagt Amaya. „Unwissentlich wurden wir zu Okupas.“

Wie sich herausstellte, hatte die Bank, der die Wohnung gehörte, den selbst ernannten Besitzer kurz zuvor rausgeworfen. „Wir wissen nicht, ob er zur Miete wohnte oder selbst ein Besetzer war. Wobei ich in dem Fall nicht von einem Okupa, sondern von einem Betrüger sprechen würde“, sagt Segura, der mittlerweile die Familie betreut. „Ich hätte María auf jeden Fall von einem Auszug abgeraten und sie dazu gedrängt, für einen Mietvertrag zu kämpfen.“ Die 32-Jährige, zu dem Zeitpunkt zum vierten Mal schwanger, ließ sich auf einen Handel mit der Bank ein. Nach sechs Monaten ohne Miete stimmte das Finanzunternehmen zu, dass die Familie drei weitere Monate bleiben dürfe, wenn sie 1.500 Euro zahlt. Im Anschluss verließen sie ohne zu murren die Wohnung.

Okupas bezahlen sich gegenseitig

Über Mundpropaganda erfuhr sie, dass in Son Gotleu eine zuvor besetzte Wohnung frei wird. „Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass dort die meisten Okupas auf Mallorca leben. Aber die Dichte ist gewiss am höchsten“, sagt Segura. Wenn eine Wohnung von Okupa zu Okupa geht, ist in der Regel eine Ablöse fällig. „Es ist eine Art Kreislauf“, sagt Amaya. „Die Eigentümer bezahlen meist die Besetzer, damit sie eine Wohnung oder Finca räumen. 2.000 bis 3.000 Euro sind gängige Beträge. Mit dem Geld zieht man dann weiter und zahlt an einen anderen Okupa, der seine Wohnung verlassen will, eine Ablöse. Je nach Zustand der Wohnung betrage sie 500 bis 3.000 Euro.

In ihrem Fall hatte sie Glück, dass die Familie, die die Wohnung besetzte, kein Geld haben wollte. „Ich musste die Wände streichen und die Zimmer etwas herrichten. Die Nachbarn haben mir dabei geholfen.“ Küche und Waschmaschine waren vorhanden. Den Schlüssel zur Tür bekam sie vom Vorbesetzer.

Ich lebe ständig mit der Angst, dass mir Wasser oder Strom abgedreht werden.

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Selbst Wasser und Strom sind angeschlossen, obwohl die Rechnungen nicht beglichen werden. Amaya verhandelt derzeit mit den Stadtwerken, um zumindest für das Wasser aufzukommen. Die Beiträge an die Eigentümergemeinschaft zahlt sie bereits. „Ich bin die einzige Okupa im Haus, was in Son Gotleu eher selten ist“, sagt sie. Segura sind Fälle bekannt, in denen eine Besetzerin sogar zur Vorsitzenden der Eigentümergemeinschaft gewählt wurde. Doch so sehr die Wohnung nach einem Glücksfall klingt, ist der Stress hoch. „Ich lebe ständig mit der Angst, dass mir Wasser oder Strom abgedreht werden“, sagt sie. Auch diese Immobilie gehört einer Bank, die gerade mit einem Geierfonds verhandelt. Sechs Monate lang hält die Familie die Wohnung bislang besetzt. Ein Verantwortlicher des Fonds wurde schon vorstellig. „Er bot mir Geld, um mich zum Auszug zu bewegen. Ich habe mir die Summe nicht einmal angehört. Darauf drohte er mit dem Jugendamt, um mir meine Kinder wegnehmen zu lassen.“ Die Familie zur Miete wohnen zu lassen, ist offenbar keine Option.

Wobei fraglich ist, wie viel Geld die Eltern aufbringen könnten. „Ich beziehe Sozialhilfe und putze hin und wieder. Mein Partner bekommt ab und an einen Job zur Schwarzarbeit. Ansonsten zieht er mit meinem Vater los, um Wertsachen im Schrott zu suchen. 30 Euro kommen da pro Tag zusammen“, sagt Amaya.

89 Prozent Frauen und Kinder

Das Rathaus von Palma hat eine Einheit, die bei Zwangsräumungen vermitteln soll. „Die Sozialarbeiter geben keine Interviews“, heißt es auf MZ-Anfrage. 720 Zwangsräumungsverfahren gab es in Palma im vergangenen Jahr. Auffällig ist der hohe Anteil an Frauen (61 Prozent) und Paaren mit Kindern (28 Prozent), die auf die Straße gesetzt werden sollen. 477 Zwangsräumungen konnten verhindert werden, rühmt sich das Rathaus in einer Pressemitteilung. Eine Rolle spielt dabei auch „Stop Desahucios“. Zwei- bis dreimal pro Woche protestiert Joan Segura gegen die Behörden. „2022 wurden auf Mallorca nur sechs Zwangsräumungen vollstreckt“, sagt der Mallorquiner. Um die Unterstützung von dem Verein zu bekommen, ist ein monatlicher Mitgliedsbeitrag in Höhe von 50 Cent bis vier Euro fällig. Davon werden die Handys der Verantwortlichen finanziert, um Leute zusammentrommeln zu können und Strafen zu bezahlen, bei denen bei Nichtbeachtung schlimmere Konsequenzen drohen.

María Rosario Amaya Horrach mit Mann und ihren vier Kindern in der besetzten Wohnung. Nele Bendgens

Segura gibt dem Rathaus mit die Schuld am Problem. „Sie wollen nicht für die Mieten der Sozialhilfeempfänger bürgen. Dabei ist genügend Geld vorhanden“, sagt er. Das Rathaus schiebt den Kreditinstituten den Schwarzen Peter zu. „Die meisten der betroffenen Immobilien gehören Banken“, lässt sich Stadträtin Neus Truyol in einer Pressemitteilung zitieren. „Wir rennen gegen eine Wand an.“ Außer der Caixa sei keine Bank bereit, mit den Okupas Verträge auszuhandeln. Dabei verstoße das den Ethik-Kodex der Finanzbranche.

Okupa rastet aus

Dass das harmonische Miteinander mit einem Okupa schnell kippen kann, zeigt der Fall einer deutschen Teilzeitresidentin in einem anderen Stadtteil von Palma. „Im Erdgeschoss des Hauses befinden sich zwei geschlossene Läden, in die schon vor Corona eine mallorquinische Familie eingezogen ist“, berichtet die Deutsche. Die Immobilie gehört der Santander-Bank und wird immer mal wieder in den gängigen Portalen zum Verkauf angeboten. „Sie haben damals am helllichten Tag Sofas reingetragen. Nachbarn vermuteten, dass sie das Geschäft gekauft hatten.“ Da man aber nicht ohne Weiteres in einem Ladenlokal wohnen darf, war das ausgeschlossen. „Als ein Wasserschaden auftrat, wollte die Familie, dass die Eigentümergemeinschaft dafür aufkommt. Dem kamen wir natürlich nicht nach“, sagt die Deutsche. Den Okupas wurde es schließlich zu ungemütlich, weswegen sie auszogen. Während der Pandemie sind dann immer mal wieder Leute ein- und ausgezogen, ehe Anfang 2021 ein etwa 30-jähriger Mallorquiner mit seinem Hund kam.

Am Anfang war er nett

„Er hat sich nett vorgestellt und wollte den Beitrag für die Hausgemeinschaft zahlen, was er im Endeffekt aber nicht tat“, sagt die Anwohnerin. Den Wasserschaden ließ er reparieren, und knapp zwei Jahre gab es keine Probleme mit dem Mann, der sich selbst als den besten Okupa der Welt bezeichnete. Ein Streit mit einer Anwohnerin, die ihm Geld geliehen hatte, änderte das Verhältnis. „Er weitete den Konflikt auf das ganze Haus aus. Ich war mittlerweile zur Präsidentin der Hausgemeinschaft gewählt worden und alle Probleme wurden mir vorgetragen“, erzählt die Deutsche.

Jeden Morgen bin ich mit einem mulmigen Gefühl aus meiner Wohnung getreten, um zu schauen, welchen Schaden er diesmal angerichtet hat.

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Der Besetzer sah sich dabei stets in der Opferrolle, auf ihm könne man ja herumtrampeln. Dabei habe doch auch er Recht auf eine Unterkunft. Als der Streit weiter eskalierte, warf er Hundekot ins Treppenhaus und beschmierte damit die Gegensprechanlage. „Er hat den Kasten mit dem Antennenanschluss aufgebrochen und alles geklaut, sodass im ganzen Haus kein Fernsehen mehr lief.“ „Er drohte, dem Haus den Wasser- und Stromanschluss zu kappen. Zum Glück konnten wir den Stromkasten mit einem Schloss versehen, das er nicht geknackt bekam“, sagt die Deutsche. „Jeden Morgen bin ich mit einem mulmigen Gefühl aus meiner Wohnung getreten, um zu schauen, welchen Schaden er diesmal angerichtet hat.“

Die Polizei konnte nichts tun

Die Anwohner wurden bei der Polizei vorstellig. „Sie meinten, dass sie ohne Beweise nicht tätig werden können“, sagt die Deutsche. Es kam noch schlimmer. Der Okupa zerstach einer Nachbarin die Autoreifen, brach die Türen auf, warf Hundekot in den Wagen und stahl das Radio. „Am nächsten Tag kam die Policía Local und stellte ein Bußgeld aus, da das Auto in keinem fahrtüchtigen Zustand war.“

Ende Januar konfrontierte die Deutsche den Okupa. „Ich hämmerte gegen die Ladentür, doch niemand öffnete. Als sie ansetzte, die Schrauben der Jalousie zu lösen, reagierte er. Der vorher so freundliche Mann zeigte sich nun wenig kooperativ. „Er schrie mich an und stieß mich heftig zurück.“ Die Deutsche gab nicht klein bei. Der Lärm lockte Anwohner auf die Straße. „Ich habe alle meine Wut rausgelassen und zurückgeschrien.“ Der Mann packte die Frau erneut und schubste sie zurück. „Das war für uns Grund genug, die Polizei zu rufen. Diesmal hatten wir auch Augenzeugen.

Wir bekommen dadurch oft Probleme mit den Nachbarn, da die denken, dass wir tatenlos zuschauen.

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Der Okupa riss vor der drohenden Ankunft der Beamten aus. „Seitdem ist er nicht wiedergekommen. Wie ich später erfahren habe, saß er wegen Gewalt gegen seine Ex-Freundin bereits sechs Jahre lang im Gefängnis. Angeblich wurde er wieder eingesperrt“, sagt die Deutsche. Das Ladenlokal steht im Augenblick leer, ist aber möglicherweise verkauft worden. „Den Hauseingang haben wir mit besseren Schlössern versehen und lassen ihn per Kamera überwachen“, sagt die Deutsche.

Das sagen die Banken zum Okupa-Problem

Die Banken möchten ungern über das sensible Thema sprechen. „Es ist ein unnötiger Imageschaden. Wir sind Opfer der Straftat, die die Besetzung darstellt“, sagt eine Sprecherin, die darum bittet, den Namen ihrer Bank nicht zu nennen. Die Vorgehensweise sei bei den Okupas immer gleich. Die Besetzer werden angezeigt und es wird gewartet, bis die juristischen Mühlen sich in Gang setzen. Die 2018 eingeführte Expressräumung gilt nur für Privatbesitzer und öffentliche Einrichtungen. „Binnen zwei Wochen steht dann die Zwangsräumung an“, sagt Segura. Banken und Immobilienagenturen müssen auf ein langwierigeres Verfahren zurückgreifen, dass sich ein Jahr lang hinziehen kann. „Wir bekommen dadurch oft Probleme mit den Nachbarn, da die denken, dass wir tatenlos zuschauen“, sagt die Bank-Sprecherin.

Die Anzeige gegen die Okupas sei alternativlos. „Wir machen uns als Eigentümer haftbar. Vor wenigen Wochen hat es in einer unserer leer stehenden Filialen gebrannt. Die Besetzer haben das Feuer gelegt. Hätten wir sie zuvor nicht angezeigt, wären wir unter Umständen für jeglichen Schaden verantwortlich gewesen“, so die Sprecherin. Das Gleiche gelte für handgreifliche Auseinandersetzungen oder Drogenverkäufe in den leer stehenden Immobilien. „Eine Anzeige ist zudem fair gegenüber den Familien, die sich an die Gesetze halten und auf eine Sozialwohnung warten.“

Der fehlende bezahlbare Wohnraum auf Mallorca sei ein Problem, das die Bank alleine nicht lösen kann, sagt die Sprecherin. „Dafür müssen alle an einem Strang ziehen, besonders die Behörden.“ Solange das nicht geschehe, werden weiter Wohnungen besetzt und wird weiter gegen die Räumungen demonstriert.

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