Wie fühlt es sich an, auf Mallorca zu leben?

Der Bildband „Sol – At Home in Mallorca“ von Nic Holden und Lucía Gorostegui stellt 15 einzigartige Wohnhäuser vor. Um klassischen Luxus geht es dabei nicht

Fenster im Gebäude Ca'n Rei in Banyalbufar.

Fenster im Gebäude Ca'n Rei in Banyalbufar. / Lucía Gorostegui

Patrick Schirmer Sastre

Patrick Schirmer Sastre

Übers Wohnen zu schreiben, ist dieser Tage auf Mallorca vor allem von Polemik geprägt. Es geht um Luxusbauten und aberwitzige Mieten, es geht um Immobilienmakler und Zwangsräumungen. Es geht um diejenigen, die den Hals nicht vollkriegen – und jene, die ums Überleben kämpfen. Insofern ist es vielleicht kein revolutionärer, aber doch ein zumindest erfrischender Zugang, sich mal die Häuser genauer anzuschauen, in denen die Menschen auf der Insel leben.

Die aus Neuseeland stammende Autorin Nic Holden widmet sich in ihrem soeben erschienenen Buch „Sol. At Home in Mallorca“ genau dem. Sie stellt 15 Häuser auf der Insel vor. Manche von ihnen sind jahrhundertealt und wurden sorgfältig restauriert, bei anderen handelt es sich um Neubauten, die sich respektvoll in die Landschaft einfügen oder es zumindest versuchen. Und nicht zuletzt erzählt Holden die Geschichte der Bewohner.

Dass die Sonne – auf Spanisch sol – der Titel des Buches ist, mag auf den ersten Blick wie ein Klischee wirken. Die Absicht sei aber eine andere, sagt Holden im MZ-Gespräch. Die Sonne sei es, die viele Menschen, die sich hier ein Haus kaufen, als Erstes anziehe. Zudem sorge sie für das besondere Licht, das die Menschen auf Mallorca fasziniere. Im Moment des Hausbaus aber versuche man, Orte zu schaffen, um sich vor ihr zu schützen. „Man braucht dicke Wände, tiefe Schatten, gerade, wenn es keine Klimaanlage gibt.“

Zeitlose Bilder

Nic Holden zeigt ein Foto aus dem Landhaus in der Gemeinde Campos, in dem die Künstler Adriana Meunié und Jaume Roig leben und arbeiten. Darauf ist die Küche zu sehen. Auf der Arbeitsfläche stehen hölzerne Brettchen und eine Keramikschüssel mit Zitronen. Von der Decke hängen getrocknete Chilischoten. „Das ist mein Lieblingsfoto aus dem Buch. Es ist von jetzt, könnte aber auch von vor 50 oder sogar 200 Jahren sein. Es ist zeitlos.“

Küche der Künstler Anriana Meunié und Jaume Roig in Campos.

Küche der Künstler Anriana Meunié und Jaume Roig in Campos. / Lucía Gorostegui

Zentral für das Verständnis des englischsprachigen Projektes ist die Doppelbedeutung des Wortes home, das sich im Deutschen sowohl mit Zuhause als auch mit Heimat übersetzen lässt. Holden sagt, in den Gesprächen mit den Bewohnern und den Architekten dieser besonderen Häuser sei es häufig um die Frage gegangen, wie sie zu diesem Zuhause auf Mallorca kamen und wie die Insel zur Heimat wurde. Die Autorin sagt, die Bereitschaft, die privaten Räume zu zeigen, sei durch diese Herangehensweise gestiegen. „Sie haben verstanden, dass es mir nicht um reine Architektur ging.“

Ein Großteil der Bewohner dieser Häuser ist nicht auf der Insel geboren. Manche stammen von der Insel, sind irgendwann mal aus dem Ausland zurückgekommen. Andere haben immer hier gelebt. Es sind unterschiedliche Perspektiven und Herangehensweisen, aber immer mit dem Ziel, ein Zuhause auf dieser Insel zu schaffen. „In gewisser Weise trägt man die Heimat immer mit sich, auch wenn man viel reist“, sagt Holden, die selbst seit vier Jahren auf der Insel lebt. „Ein Zuhause beginnt da, wo man anfängt, sich wirklich zu kümmern. Ich glaube, home ist eine Mischung aus Vorsätzen, Aufmerksamkeit, Liebe und Fürsorge.“

Das Bestreben, etwas Eigenes zu schaffen

Manche der Häuser sind in einem sehr rustikalen Stil erhalten, andere stellen eher eine moderne Interpretation der mallorquinischen Bauweise dar. Manche bieten Blick aufs Meer, manche scheinen wie in einem Wald versteckt. Sie stehen in der Tramuntana oder auf den weiten Flächen der Inselmitte. Manche sind mit Kunstwerken dekoriert, in anderen werden traditionelle Werkzeuge aus der Landwirtschaft als Gestaltungselement genutzt. Was sie gemeinsam haben, so Holden, ist das Bestreben, etwas Eigenes zu schaffen „Und sie haben alle größten Respekt vor der traditionellen Bauweise und den traditionellen Baumaterialien.“

Etwas Eigenes schaffen: Wohnbereich in Can Well in Fronalutx.

Etwas Eigenes schaffen: Wohnbereich in Can Well in Fronalutx. / Lucía Gorostegui

Nic Holden blättert zu den Seiten, auf denen die Bilder der Casa Amarilla (gelbes Haus), einem Dorfhaus in Sóller, zu sehen sind. Die niederländischen Eigentümer haben den Namen zum Programm gemacht. Die gelben Elemente sind überall in der Einrichtung verteilt, in unterschiedlichen Tönen und Schattierungen. Von den gelb-weißen Sonnenliegen am Pool bis hin zu den Kerzen auf dem Esstisch und den sorgsam drapierten Skulpturen im Wohnzimmer. „Gelb ist eine fröhliche Farbe“, erklären sie der Autorin im Interview. „Sie passt hervorragend zu den sandfarbenen Tönen der Insel.“

Keinerlei Vorgaben

Die Bilder der Fotografin Lucía Gorostegui strahlen vor allem Ruhe aus. Menschen sind hier keine zu sehen. Dennoch wirken die gezeigten Räume nicht menschenverlassen. Man spürt, dass dies hier belebte und gelebte Orte sind. Nic Holden erzählt, sie habe den Bewohnern keinerlei Vorgaben gemacht, wie die Häuser auszusehen hatten. Die einzige Bedingung: Die Fotografin und die Autorin wollten einen ganzen Tag in dem Haus verbringen – vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang, um so die unterschiedlichen Schattenspiele und Lichteinfälle wahrnehmen und darstellen zu können. „Man sieht sie Räume so, wie die Bewohner sie uns zeigen wollten.“

Die Häuser, die Nic Holden vorstellt, sind auf ihre ganz eigene Weise bescheiden.

Die Häuser, die Nic Holden vorstellt, sind auf ihre ganz eigene Weise bescheiden. / Lucía Gorostegui

Die Recherche, diese besonderen Häuser überhaupt zu finden, habe bei Instagram begonnen. „Ich habe mit sechs Häusern angefangen, die mich interessiert haben.“ Manchmal sei sie über die Websites der Architekten ihrer Lieblingshäuser auf weitere Gebäude gekommen. In anderen Fällen seien es die Bewohner der dargestellten Häuser gewesen, die ihr Tipps gegeben hätten. „Nicht alle haben es ins Buch geschafft, weil sie nicht dem Stil entsprachen, den wir für die Bilder suchten.“

Pau und Vito, so erzählt es das Buch, waren in Norwegen, als sie die Idee für die Gestaltung ihres Wochenendhäuschens in Son Serra de Marina hatten. Inspiriert von den skandinavischen Hütten, bauten der Architekt und sein Partner ein Ein-Raum-Haus. Hier ist alles möglichst von der Insel. Die Wände sind aus Marès-Steinen, die Möbel aus Kiefernholz. Eine Klimaanlage gibt es nicht. Für den Winter gibt es einen Kamin. Für den Sommer ist das Haus so gebaut, dass der Wind an der mallorquinischen Nordküste für ausreichend frische Luft sorgt. Vom früh am Morgen bis in den Abend hinein wird das Häuschen durch die strategisch ausgerichteten Fenster durchleuchtet.

Wie fühlt sich dieser Ort an?

Das Buch sei vor allem für diejenigen geschrieben, „die sich die Frage stellen: Wie fühlt es sich an, auf Mallorca zu leben?“, sagt Holden. „Es ist eine Frage, die ich nicht nur meinen Interviewpartnern gestellt habe, sondern auch mir selbst: Okay, ich lebe jetzt auf Mallorca – was bedeutet es wirklich, hier zu Hause zu sein? Wie fühlt sich dieser Ort an?“

Autorin Nic Holden.

Autorin Nic Holden. / Lucía Gorostegui

Die Frage nach dem Wahnsinn auf dem Wohnungsmarkt sei übrigens während der Gespräche immer wieder aufgetaucht, erzählt Nic Holden. Etwa, wenn Künstler ihr erzählten, wie schwierig es ist, ein Haus zu finden. Gleichzeitig aber seien die Häuser, die hier gezeigt werden, häufig schon seit Jahrzehnten in Besitz einer Familie. „Mallorca war ja nicht immer überteuert. In vielen Fällen zeigen wir die Häuser von Menschen, die nicht unbedingt reich waren, als sie ihre Grundstücke hier erworben haben – und die mit der Zeit etwas Außergewöhnliches geschaffen haben. Ich habe keine Villen porträtiert, die viele Millionen Euro kosten. Viele der Gebäude sind minimalistisch eingerichtet. Auf gewisse Art sind sie ziemlich bescheiden.“

Buchcover von "Sol - At home in Mallorca"

Buchcover von "Sol - At home in Mallorca" / Hardie Grant Books

Sol - At home in Mallorca von Nic Holden und Lucía Gorostegui, Hardie Grant Books, englischsprachig, 256 S., 45 Euro

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