Jean Marie del Moral: "Kunst ist heute häufig ein Marketinginstrument"

Der 63-Jährige fotografiert Ateliers. Und das seit 1978

28.11.2015 | 17:55
Der Beginn eines fotografischen Lebenswerkes: Joan Miró in seinem Atelier, 1978.

Ein guter Fotograf muss gebildet sein. Kino, Kunst und Literatur. Darauf komme es an, sagt Jean Marie del Moral, der Künstlerporträtist. Als Sohn von republikanischen Exilierten aus dem spanischen Bürgerkrieg wuchs er in Frankreich auf. Seit drei Jahren lebt der 63-Jährige in Ses Salines.

Er bevorzugt die leisen Töne. Fotografien, denen ein Geheimnis innewohnt, die Ruhe ausstrahlen. Diskretion ist ein Wort, das im Gespräch immer wieder fällt. Er beschreibt diese Atmosphäre mit den Werken des spanischen Schriftstellers Luis Landero. Werke, die nicht atemberaubend sind, aber in denen ein einziger Satz den Leser in eine Szene abtauchen lasse.

Vielleicht ist es auch diese Faszination für die Introver­sion, die ein Besuch im Atelier von Joan Miró auf Mallorca im Jahr 1978 zu einem Schlüsselmoment für seine fotografische Karriere werden lassen sollte. Im Auftrag der Zeitung „L´Humanité" sollte er spanische Intellektuelle nach der Franco-Diktatur porträtieren. „Ich wusste gar nicht, dass Miró nicht besonders gut auf Journalisten zu sprechen war. Ich habe ihn mit meinem jugendlichen Eifer angesprochen und er hat zu meiner Überraschung ja gesagt."

Der Fotograf war angefixt. Fortan spezialisierte sich Del Moral darauf, Künstler und ihr Atelier zu fotografieren – schließlich sei ihr Arbeitsraum eine Art Selbstporträt. Jahre später kam er wieder zurück ins Studio von Miró und fotografierte ein Jahr lang die Objekte, die der Künstler in seinem Atelier gesammelt hatte. Er hat diese Bilder dieses Jahr im Buch „El ojo de Miró" veröffentlicht. Am vergangenen Donnerstag (12.11.) gab Del Moral eine Masterclass im Museum Es Baluard.

An diesem Tag, 1978, als Sie das Atelier von Joan Miró in Cala Major betraten. Was ist da passiert?
Zum einen ist es ein unglaubliches Gebäude. Es ist von einem ganz besonderen Licht erfüllt, es strahlt Ruhe aus. Und dann die Anspruchslosigkeit, die Schlichtheit in der Person Mirós. Ich habe in diesen Raum geblickt, mit der Kunst und den ganzen Gegenständen, die Miró zur Inspiration gesammelt hat, und dachte mir: Ja, so kann man die Welt betrachten. Das war vielleicht naiv, aber ich war auch jung.

Wie viel Ahnung von Kunst hatten Sie, als Sie ihn besuchten?
Eigentlich hatte ich den ersten richtigen Kontakt mit Kunst, als ich Mitte der 70er in New York lebte und ins Museum of Modern Art (MoMA) ging. Ich war natürlich als Kind im Louvre gewesen. Aber das ist sinnlos. Kein Kind hat jemals was über Kunst gelernt, weil es in ein Museum geschleppt wurde. In den USA habe ich auch mein Faible für den abstrakten Expressionismus entwickelt, etwa für Motherwell oder Pollock. Als ich zu Miró ins Atelier kam, war ich also nicht komplett ungebildet. Aber ich war mit seinem Werk und vor allem seiner Person nicht sehr vertraut, auch wenn ich Bilder von ihm im MoMa gesehen hatte. Seine Arbeit eröffnet eine ganze Welt.

Seither haben Sie auf der ganzen Welt Ateliers fotografiert. Kommt da nicht Monotonie auf?
Nein, vor allem weil ich ja nebenbei auch noch gearbeitet habe, um Geld zu verdienen. Aber auch, weil jedes Studio eine Welt für sich ist. Man findet Unordnung oder Ordnung, Chaos oder Besessenheit. Es gibt aber auch kuriose Gemeinsamkeiten: In praktisch jedem Atelier, egal wo auf der Welt, findet man eine Postkarte entweder mit einem Gemälde von Rembrandt oder mit einem Porträt von Picasso. Viele Künstler stehen auf antike Möbel, auf Popkultur oder auch auf afrikanische Kunst. Es ist wie ein gemeinsames kulturelles Alphabet.

Fällt es Ihnen schwer, in einen so privaten Raum einzudringen?
Man muss sehr zurückhaltend sein. Ich habe nie etwas angefasst. Lieber mache ich das Foto nicht, als etwas zu verrücken. Und natürlich kommt es auch auf das Feeling an, das man mit dem Künstler aufbaut. Mit manchen habe ich keine drei Worte gewechselt. Andere, wie Miquel Barceló, sind Freunde geworden. Komischerweise hatte ich aber nie Probleme, in ein Atelier gelassen zu werden. Auch wenn es früher einfacher war, mit Künstlern in Kontakt zu kommen.

Im Ernst? In Zeiten globaler Kommunikation?
Auf jeden Fall. Künstler funktionieren heute wie Firmen. Mit vier Assistenten und einer Sekretärin. Früher gab es eine Telefonnummer, da hat man angerufen und einen Termin ausgemacht. Heute ist alles Marketing. Das wirkt sich auch auf die Künstler aus.

Inwiefern?
Leute wie Ai Weiwei, Maurizio Cattelan oder Damien Hirst kann man nicht mit Picasso, Braques, Miró oder sogar Barceló vergleichen, weder körperlich noch in dem, was sie durch ihre Persönlichkeit vermitteln. Sie sind durchsichtiger. Was nicht heißt, dass sie nicht clever sind. Man kann aber kaum mit ihnen über Kunst reden, weil sie sich hinter Humor und Ironie verstecken.

War das früher anders?
Früher gab es einen Austausch zwischen den Künstlern, heute gibt es Konkurrenz.

Geben Sie bitte ein Beispiel.
Ich war einmal in China, um die fünf bekanntesten Künstler des Landes zu porträtieren. Ich war mit einer Journalistin unterwegs. Wir wollten – vielleicht etwas romantisch – über Kunst reden und fragten, ob es Kontakte zu anderen Künstlern oder Schriftstellern gebe. Fast alle sagten uns, dass sie das nicht interessiert. Sie wollten ausstellen und verkaufen, das war´s.

Spiegelt sich dieser Wandel auch in den Ateliers wieder?
Es gibt kaum noch Ateliers im klassischen Sinne. Wenn man Hirst oder Ai Weiwei besucht, sieht man nur ihre Schüler, die an einem Laptop sitzen und an einem Werk arbeiten. Und der Künstler selbst gibt ein paar Hinweise. Wenn man zu Miquel Barceló früher ins Studio gekommen ist, roch es nach Farbe. Er selbst bereitete die Mischung vor und bearbeitete die Leinwand.

Interessiert es Sie dann überhaupt noch, Ateliers zu fotografieren?
Auf jeden Fall. Nur weil da ein paar Kinder an Rechnern sitzen, heißt es ja nicht, dass es nichts zu zeigen gibt.

Sind die Künstler heute weniger gebildet?
Es gibt zumindest eine andere Kultur. Es entsteht ein Paradoxum: Wie bei den Architekten, die hässliche Glastürme in die Städte setzen, selbst aber in Schlössern aus dem 18. Jahrhundert leben. So ist es mit der Kunst. Ich verstehe eigentlich nicht, wie ein Jeff Koons eine Sammlung mit Gemälden aus dem 15. und 16. Jahrhundert haben kann. Aber gleichzeitig ist Koons ein Produkt unserer Zeit. Nichts ist bedeutend, alles hat ein Verfallsdatum. Man kann ein kleines Plastikobjekt nehmen und es vier Meter groß imitieren. Das spiegelt unsere Einstellung zur Welt wieder. Insofern muss man Koons´ Schaffen respektieren.

Das klingt nicht gerade optimistisch.
Ich sage nicht, dass es gut oder schlecht ist. Aber wir leben heute anders. Die Kommunikation hat sich verändert. Heute müssen wir das Hotelzimmer vorher im Internet sehen, bevor wir es buchen. Die jungen Leute haben kaum noch Zeit, um sich zu verlieben. Sie wollen gleich miteinander schlafen. Das war in meiner Generation anders. Und das war hart, aber es gab auch gute Momente. Ich glaube, wir haben heute keinen Sinn mehr für Frustration. Wir wollen alles auf einmal und sofort. Dabei ist ein wenig Frustration nicht verkehrt, um eine Persönlichkeit auszubilden.

Welche Rolle spielen Künstler in so einer Gesellschaft?
Die Mode hat die Kunst gekapert. Karl Lagerfeld soll mal gesagt haben: „Die Künstler wollen in Mode sein, und die Mode will Kunst sein." Und es stimmt. Die Modewelt sucht sich eine bestimmte Art Künstler aus und interessiert sich für nichts anderes. Kunst ist heute häufig ein Marketinginstrument.

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