06. April 2019
06.04.2019

Die faszinierende Welt des Nando Esteva

Der mallorquinische Fotograf ist noch keine 40 – und hat schon über 90 internationale Preise angehäuft. Jetzt will er lernen, einen Gang zurückzuschalten

06.04.2019 | 01:00
Die faszinierende Welt des Nando Esteva
Damenschuhe an der Fleischertheke: aus der vielfach ausgezeichneten Serie „250 g de tacón" (250 g Absatz).

Egal, ob er im Flugzeug sitzt oder irgendwo an einem Strand in der Karibik ein Fotoshooting macht: Wenn es auf Mallorca 21 Uhr ist, macht Nando Esteva einen Videoanruf, um seiner Frau und seinen Kindern eine gute Nacht zu wünschen. Es ist eines dieser kleinen Rituale, mit denen er sich daran erinnert, worauf es wirklich ankommt. „Die Familie ist sehr wichtig für mich", sagt er. Und doch sieht er sie selten.

Nando Esteva ist der derzeit wohl erfolgreichste mallorquinische Fotograf. Er fotografiert internationale Werbekampagnen, etwa für Braun oder Teka, hat sich als Kunstfotograf einen Namen gemacht und wird auch häufiger für Architekturfotografie angefragt. Am bekanntesten aber sind seine Food-Fotografien. Er wird dafür mit Preisen förmlich überhäuft.

Leben aus dem Koffer

Sein Job bedeutet viele Reisen. Beim Interviewtermin hat er gerade mal fünf Tage auf Mallorca verbracht. Zuvor war er in Jamaika und in Miami gewesen. Tags drauf geht es in die Dominikanische Republik. Zwei Wochen werde er da verbringen. Seine Fotoshootings beginnen früh. „In Lateinamerika liebe ich das Licht um 6 Uhr morgens. Das heißt, die acht bis zehn Mitarbeiter des Teams stehen um Viertel nach vier bereit. Wir arbeiten dann meist bis 19 Uhr durch." Nando Esteva ist in Palma geboren und wird in diesem Jahr 40. Er arbeitet schon mehr als die Hälfte seines Lebens. „Mit 16 erklärte ich meiner Mutter, dass ich ausziehen würde, um Fotograf zu werden."

Sieben Jahre lang arbeitete er als Assistent eines US-amerikanischen Fotografen. Die Sache ging schlecht aus, Nando Esteva nennt den Namen seines Mentors seither nicht mehr. Als er sich selbstständig machte, war er nicht mal Mitte 20. „Es war eine komplizierte Zeit. Die Fotografie befand sich im Übergang von analog zu digital." Esteva setzte früh auf digital, viele hätten ihn damals dafür kritisiert. „Ich habe gelernt, dass man sich davon nicht ablenken lassen darf. Man muss seinen eigenen Weg gehen", sagt er.

Ursprünglich habe er Architektur fotografieren wollen. Erst im Laufe der Zeit sei er zur Gastronomie gekommen. Unter Instagrammern und Hobbyfotografen wohl eine der beliebtesten Spielarten der Fotografie. Und gleichzeitig eine der schwersten. Warum ist es so schwer, Essen gut zu fotografieren? „Weil das Essen 'lebendig' ist. Es ist immer einzigartig. Und das macht es sehr launenhaft. Häufig gibt es nur einen einzigen Winkel, aus dem man ein Gericht auf einem Teller fotografieren kann. Von der richtigen Beleuchtung ganz zu ­schweigen."

Liebling der Sterneköche

Nando Esteva fotografiert Mallorcas Spitzengastronomie, arbeitet für Macarena de
Castro, Marc Fosh, Tomeu Arbona oder Santi Taura. Die Fotos macht er in der professionellen Küche, die er im Keller seines Studios eingerichtet hat – einem fensterlosen und nicht gekennzeichneten Ladengeschäft in Palmas Stadtviertel Santa Catalina.

Wie ist das, wenn ein Künstler die Arbeit des anderen in Szene setzen soll? „Das Wichtigste ist Ehrlichkeit. Und ein Feeling für den Kunden", sagt Esteva. Nicht selten käme es vor, dass sich ein Gericht aufgrund seines Fotos ändert. „Der Blick aufs Bild gibt dem Koch ein neues Verständnis für die Optik seines Gerichts. Nach dem Shooting ändert er es dann entsprechend."

Jeden Tag eine Prüfung

Esteva redet schnell, als ob er versucht, möglichst viele Gedanken in einen Zeitraum zu verpacken. „Etwas zu erschaffen, ist wie ein Drogenrausch", sagt er. Jedes Shooting sei für ihn „wie eine Abschlussprüfung an der Universität": „Ich muss bestehen, denn sonst werde ich nicht wieder verpflichtet." Der Druck sorgt dafür, dass Nando Esteva sich ständig weiterbildet, immerzu auf der Suche ist. Aber er setzt ihm, dem „sich selbst ausbeutenden Chef", auch zu. „Ich habe mehrmals vor ­Erschöpfung Pausen einlegen, Reisen und Aufträge absagen müssen." Er lerne langsam, mit dem Druck umzugehen: „Rausgehen, einen Kaffee trinken und das auch zu genießen – früher hätte mich das nur fertiggemacht."

Wichtig, um einen Gang zurückzuschalten, sei auch die Kunst, also jene Projekte, die Nando Esteva für sich selbst macht. Wobei es angesichts der fantasievollen Arbeiten, die er für seine kommerziellen Kunden macht, ein wenig absurd ist, nur einen Teil seines Werkes als Kunst zu bezeichnen. Auch die Themen überschneiden sich. Das Essen etwa spielt in seinen persönlicheren Arbeiten ebenfalls eine Rolle. Bei „Paint It Black" zum Beispiel: Nando Esteva malte verschiedene Gemüsesorten schwarz an, fotografierte sie vor dunklem Hintergrund. „Keine Artischocke ist wie die andere", sagt er. „Durch die schwarze Farbe und das Licht, das daraufscheint, wird die Einzigartigkeit ihrer Oberfläche deutlich."

Er sei immer auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen, sagt er, verfolge die Arbeit anderer renommierter Fotografen, experimentiere viel, zuletzt mit chemischen Bindemitteln. Vieles von dem, was auf den Fotos zu sehen ist, fertige er selbst, etwa die aus Reisnudeln gebastelten geometrischen Gerüste in der Serie „White Food Structure".
Zudem arbeitet er immer wieder mit anderen Inselkreativen zusammen, etwa mit dem Schuhdesigner José Miró, der ihm für das vielfach preisgekrönte Projekt „250 g de tacón" Damenschuhe überließ, die Esteva dann an einer Fleischtheke auf einem Markt in Palma fotografierte. Ähnlich gelagert ist die Serie „Food and Foot", bei der acht Köche für acht Paar Schuhe ein Gericht kochten und Esteva dann beides fotografierte.

Begegnung mit dem Tod

Auslöser für die künstlerische Arbeit des Werbefotografen waren zwei Todesfälle. Als Nando Esteva 26 Jahre alt war, starb sein Vater an Krebs. Kurz darauf seine beste Freundin, eine junge Mutter, gerade mal 29 Jahre alt, ebenfalls an Krebs. Er habe damals „schneller erwachsen werden müssen, als es sonst vielleicht nötig gewesen wäre", sagt Esteva. Kurz darauf begann er die die Serie „Rostros" (Antlitze), in der er an Krebs erkrankte Menschen porträtiert, die sich die Hände vor das Gesicht halten.

Sein persönlichstes Kunstprojekt ist aber wohl „Pelea de gallos" (Hahnenkampf), das er sowohl als Video als auch in Fotografien festgehalten hat. In der leer stehenden Wein­kooperative Es Sindicat in Felanitx ließ er als Hähne verkleidete Tänzer eine Performance aufführen: eine dunkle Metapher auf das Leben als ewiger Kampf, als Verteidigung des eigenen Territoriums, der Intimsphäre. Darin stecke auch dieses Gefühl der Einsamkeit, des Sich-behaupten-Müssens nach dem Tod des Vaters, sagt Nando Esteva.

Neun Auszeichnungen pro Jahr

Und letztlich ist es auch die Kunst, die ihm den Weg zu den Fotopreisen geebnet hat. Vor fast zehn Jahren bekam er seinen ersten für „Rostros". Mittlerweile sind es über 90 Auszeichnungen. Neun pro Jahr. Aus Indien,
China oder Frankreich. Die Urkunden hängen an einer Wand im Erdgeschoss des Fotostudios. „Die Preise sind für mich wie ein aufmunterndes Schulterklopfen. Eine Bestätigung, damit ich weitermache."

Nur auf Mallorca, da hat es lange mit der Anerkennung gedauert. Esteva fischt einen Brief vom Schreibtisch. Absender: Ministerpräsidentin Francina Armengol. Er liest vor: „Für die Balearen ist es eine Ehre, mit Ihnen einen Fotografen zu haben, dessen Werk so viel nationale und internationale Anerkennung findet." Er legt den Brief beiseite. „Na ja, so was schreibt dann irgendein Sekretär. Ist ja ganz nett. Aber mir wäre es lieber, wenn mir die Möglichkeit gegeben würde, eine Ausstellung zu machen."

Diese Klage, dass man erst im Ausland Anerkennung bekommen muss, bevor man auf Mallorca bemerkt wird, hört man häufiger von Leuten, die international für ihre Arbeit bekannt sind. Nando Esteva versucht, dem einen positiven Dreh zu geben: „Vielleicht kann man es so lesen, dass wir eine Insel mit einer großen Geschichte sind – und hier muss man halt wirklich erst mal etwas leisten. An anderen Orten wird man mit weniger berühmt."

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