26. Juli 2020
26.07.2020
Mallorca Zeitung

Haltestellen-Kunst in Palma: Ein wunderliches Projekt von Javier Peñafiel

Der Künstler möchte uns zum Nachdenken verführen, während wir auf den Bus warten

26.07.2020 | 01:00
Eine Szene aus einem der animierten Videos der Ausstellung „Alrededores exentos de adultocentrismo?.

Wer in Palma de Mallorca, insbesondere außerhalb des Zentrums, dieser Tage auf den Bus wartet und den Blick auf die Werbetafeln der Haltestellen schweifen lässt, macht unter Umständen Bekanntschaft mit rätselhaften Wesen: diffusen Nebelflecken aus bunter Farbe, mit schwarz skizzierten Gliedmaßen und Gesichtern.

Sie sind gekommen, um drei Monate lang auf insgesamt 20 Werbetafeln der Stadt zu bleiben. Und sie stellen sich mit poetischen Sätzen vor, zum Beispiel: „FF tanzt, seit sie zwei Monate alt ist, eine Nachfahrin von Melanie Klein (eine Pionierin der Kinderpsychoanalyse, Anm. d. Red.), hatte nie auch nur ein einziges Spielzeug" (FF baila desde los dos meses, descendiente de Melanie Klein, nunca tuvo un solo juguete) oder „Er verleugnete seine Kindheit so sehr, dass ihm die Rasur unmöglich ist. Das Aufflammen seiner Farben ist tödlich." (Negó tanto su niñez que le resulta imposible el afeitado. Sus brotes de color son mortíferos.)

Irritation und Nachsinnen ist erwünscht

Wer irritiert zweimal hinschaut und einen Moment lang über die Worte nachsinnt, hat Jaume Reus damit bereits glücklich gemacht. Reus kuratierte die Casal-Solleric-Ausstellung „Alrededores exentos de adultocentrismo" („Vom Erwachsenenzentrismus ausgenommene Umgebungen") des Künstlers Javier Peñafiel (Zaragoza, 1964). „Es ist eine Einladung zum Nachdenken, auf einer Werbefläche, die uns normalerweise zum Kauf verführen will und mit Imperativen arbeitet", sagt Reus.

Ist es Werbung oder nicht? Sind das Fake News? Oder ist es etwas Offizielles vom Rathaus? Man habe bewusst Zweifel säen und etwas Seltsames kreieren wollen. „Wo sonst superklare Botschaften zu lesen sind, ist das hier genau das Gegenteil", so Reus.

Eine Hybrid-Ausstellung

Die Ausstellung ist eine „Hybrid-Ausstellung", die sich aus mehreren analogen und digitalen Teilen zusammensetzt. Die Werbetafeln sind nur eins davon. Zum analogen Part zählen im Übrigen ein Buch mit Illustrationen von Peñafiel, der in Barcelona und Mallorca lebt und arbeitet, sowie ein Workshop für 20 Jugendliche zwischen 15 und 23 Jahren, der vom 23. bis 25. September in verschiedenen Räumen des Casal Solleric stattfinden soll.

Der Löwenanteil des Kunstprojekts passiert im Netz: Auf palmaculturaoberta.com hat die Ausstellung an prominenter Stelle eine eigene Kategorie bekommen. Dort gibt es das Buch des Künstlers zum Durchblättern am Bildschirm, mehrere kurze animierte Videos, die auch über soziale Netzwerke verbreitet werden sollen, Erklär-Clips des Kurators und „Adulto Zen", ein sogenanntes „Confedrama" („dramatisierte Konferenz") von Peñafiel – eine Performance-Form, die er seit mehreren Jahren pflegt und die in diesem Fall visuell und inhaltlich von den Erfahrungen der Ausgangssperre geprägt ist.

Subtile Gesellschaftskritik

Das beherrschende Thema all dieser Bausteine ist eine kritische Auseinandersetzung damit, dass Erwachsene ihre Meinungen und Bedürfnisse dem Rest der Bevölkerung (also den Kindern) aufzwingen. Peñafiel erklärt bei der Präsentation des Projekts im Casal Solleric, was er bei den Tintenklecks-Figuren vor Augen hatte: „Ich wollte schon immer etwas mit Marionetten ohne Fäden machen. Die animierten Figuren habe ich behandelt, als seien sie schnurlos. Es gibt nichts Zerbrechlicheres."

Sie stehen für verschiedene Schwierigkeiten Heranwachsender: Für manche von ihnen endet die Kindheit viel zu früh, sie bekommen nicht genug Aufmerksamkeit oder werden von öffentlichen Institutionen vertreten, wie etwa „Sponsor. Ein Kind, dass das Leben ohne systematische Hilfe für andere nicht versteht, wird schon als Jugendlicher unter sorgfältiger Kontrolle leiden."

Andere wie „lenteja de avellana", das „Kind mit dem Geschmack von Eis" sind eher vom Team Greta Thunberg und kämpfen für eine bessere Zukunft, haben Wünsche, Träume und Hoffnungen, lachen, reflektieren und entsprechen so gar nicht dem Bild von Teenagern, die ihre Freizeit mit Alkohol und Einkaufszentren füllen.

Widersprüchliche Ansprüche

Das Problem ist: Reus und Peñafiel wollen einerseits einen lyrisch-subtilen, künstlerischen Stil pflegen, der einiges an intellektueller Auseinandersetzung erfordert – der Kurator zieht etwa einen Vergleich zwischen Peñafiel und Goya, der mit seinen druckgrafischen Serien ebenfalls ein Beobachter und Kommentator seiner Zeit war. Andererseits wollen sie aber mit Gesellschaftskritik gerade diejenigen erreichen, die oft übersehen werden: Jugendliche und Bewohner der Randbezirke von Palma de Mallorca.

Wenn Reus erklärt, man habe bewusst das Portal TikTok nutzen wollen, um den banalen „Ich-mache-eine-Tortilla"-Videos anspruchsvollere Inhalte entgegenzusetzen, kommt man nicht umhin, eine gewisse Ironie zu bemerken: Trotz des guten Willens nutzen hier Erwachsene eine Trend-Plattform von Jugendlichen, um ihnen von außen vermeintlich bessere Themen vorzugeben. Spannend wird es, wenn junge Menschen dann im Workshop die Chance bekommen, selbst mitzureden.

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