09. März 2021
09.03.2021
Mallorca Zeitung

Dieser Künstler auf Mallorca versetzt Berge und zerlegt Kathedralen

Originelle Welten mit Wertekodex: Der Adrián García zeigt simultan zwei Kunstprojekte in Valldemossa

09.03.2021 | 01:00
Adrián García demonstriert die praktische Bauweise seiner Kunstobjekte

Wenn man sich ein Stück Natur ins Haus holen möchte, denkt man normalerweise zuerst an eine Topfpflanze. Doch Adrián García reicht das nicht: Er versetzt ganze Berge. Für eines seiner Projekte lässt der multidisziplinäre Künstler, der sich vor sechs Jahren in Palma de Mallorca niedergelassen hat, die Giganten der Natur schrumpfen und neue Räume erobern.

Entweder malt er sie als Mitbewohner in menschliche Wohnungen – eine Gebirgskette türmt sich neben einer Fensterfront, auf einem rosa Kachelboden sitzt ein Mont Blanc wie ein etwas zu groß geratenes Sitzkissen –, oder die Berge werden als Miniaturen aus Kunstharz selbst zu Gebäuden, teils mit surrealen Apartments ohne Zugangswege. Einige dieser Werke sind bis zum 8. April in der Ausstellung „Escenas Domésticas" in der Fundació Cultural Coll Bardolet in Valldemossa zu sehen.

Die transformative Kraft der Natur


Nun sollte man meinen, jemand, der Berge „domestiziert", müsse ein ausgewiesener Naturbursche sein. Doch García erzählt beim MZ-Besuch, dass es eine Freundschaft ist, die erst langsam wachsen musste: 1969 in Marokko als Sohn eines Bildhauers geboren, lebte er seit dem fünften Lebensjahr ein Großstadtleben in Madrid, machte dort den Abschluss in Malerei.

Irgendwann verlegte er sein Haus und Atelier aufs Land, in die Peripherie der Metropole. „Als ich dort anfing zu leben, hatte die Natur etwas Invasives, Unbequemes und war so etwas wie der Feind", sagt García. Ein stetiger Kampf mit Mäusen im Haus und Staub überall wandelte sich erst mit der Zeit zu einer „sehr schönen Beziehung". So entstand die Ausgangsidee für diese Werkserie: die transformative Kraft der Natur und ihr Potenzial, uns zu besseren, harmonischeren Menschen zu machen.

Den Akt, für diesen Effekt Berge aus ihrem Kontext zu reißen, sie an kleine Zeppeline zu hängen oder neben einer Miniversion von Picassos „Guernica" zu handlichen Museumsexponaten zu machen, sieht der Künstler nicht als Widerspruch dazu: „Unsere eigene Kraft, Dinge zu verändern, ist Teil unserer Natur", gibt er zu bedenken. „Diese Fähigkeit ist wie ein Gewitter, weder gut noch schlecht. Wir kritisieren das oft, aber ich glaube, es ist eine Waffe, mit der wir umgehen lernen müssen."

Ein Spiel aus Beschützen und Beschütztwerden


Die „Naturalisierung" der menschlichen Umgebung ändert auf jeden Fall unsere Perspektive: Wir betrachten unseren Schoßhund kaum mit den gleichen Augen wie einen majestätischen Gipfel. Ist dieser aber so klein, dass er in unser Wohnzimmer passt, weicht zwar die Ehrfurcht, dafür weckt er den Beschützerinstinkt: Es ist ein Spiel aus Beschützen und Beschütztwerden. Die Natur kümmert sich stets um uns, nun sind wir an der Reihe. Garcías Gedanken zum Projekt sind teilweise von der Lektüre des Daodejing, der Gründungsschrift des Taoismus, und seinen regelmäßigen Meditationen beeinflusst.

Doch trotz all der tiefgründigen Anklänge ist der Künstler bodenständig und nimmt sich nicht zu ernst: Reflexionen sind bei ihm keine geschlossenen Konstrukte. Er sagt: „Ein Problem in meiner Generation ist, dass man immer alles erklären muss. Wenn du kein superkomplexes Konzept hast, bist du kein guter Künstler." Er aber sei kein Konzeptkünstler: Ihm gehe es weniger um intellektuelle Jonglierkunst als um Dinge, die man nachvollziehen könne. Und seine Kunst sei für ihn ein Prozess persönlicher Weiterentwicklung. García will gewissermaßen das „Projekt Mensch" erforschen und der Frage nachspüren, was wir seltsamen Wesen hier auf dieser Welt tun.

Hybride aus Campingzelten und Kathedralen


In Valldemossa hat García jetzt die Gelegenheit zu zeigen, wie divers und eklektisch seine Arbeitsweise ist, denn zeitgleich hat er dort im gegenüberliegenden Raum noch eine zweite Ausstellung: „Proyecto Marvel". Sie zeigt Objekte verschiedener Materialien und Größen, Mischwesen aus schiefen Kirchtürmen, Filmkulissen, Ruinen und einsturzgefährdeten Baustellen. An den Wänden sind einige zweidimensionale Varianten montiert, etwa Scherenschnitte ihrer plastischen Pendants.

„Meine Idee war hier, Hybrid-Konstruktionen zu zeigen, die sich zwischen Campingzelten und gothischen Kathedralen bewegen", erklärt der Künstler. Das Provisorische in direkter Konfrontation mit dem Dauerhaften hat auch eine symbolische Ebene: einstmals solide Kathedralen im Zerfall als Sinnbilder für den Niedergang, die Krise und den Werteverfall in unserer modernen Gesellschaft.

Die „höheren Werte" – García denkt dabei an Solidarität, Mitgefühl, Aufrichtigkeit oder Großzügigkeit – seien immer weniger interessant, weil sie kein gutes Geschäft darstellten. Zugleich beobachte er einen sehr seltsamen Mechanismus: die Banalisierung und Vergegenständlichung der Werte. „Aus der edlen Sache wird ein Objekt, das sich verkauft. Man ist schon solidarisch, nur weil man einen entsprechenden Button am Hemd trägt."

Superhelden aus dem Comic-Universum


Die dreidimensionalen Werke aus der Serie sind allesamt demontierbar, wie der Künstler direkt beweist, indem er Hand anlegt: „Mich hat die Idee einer Kathedrale gereizt, die man so schnell wieder zerlegen kann wie einen Stand mit Hippie-Schmuck", sagt García. Sein Faible für Objekte, die sich wie nach Plänen eines schwedischen Möbelhauses zusammensetzen lassen, kommt noch aus seiner Zeit als Kunstschüler: Zu oft habe er gesehen, wie Kollegen im Atelier eindrucksvolle Skulpturen schufen, die dann am Ende nicht durch die Tür passten.

In seine maßgeschneiderte Werkreihe hat García noch ein weiteres Element eingebaut: die titelgebenden Superhelden aus dem Comic-Universum von Marvel, die als Cartoonstreifen wie Kinoplakate an den futuristisch-düsteren Gebäuden montiert sind. Sie sind Garcías treue Begleiter seit der Kindheit und haben als klassische Hüter der Werte auch eine offensichtliche Daseinsberechtigung im Projekt. „Ich denke, dass wir selbst die Superhelden sind. Das glaube ich wirklich aufrichtig", sagt García. „Aber um den Helden in uns zu erwecken, müssen wir anders leben, als wir es tun: entschleunigen, Ruhe finden, uns selbst kennenlernen." Die Natur könne dabei eine Verbündete sein. Wer nicht gern rausgeht, muss sich dann wohl einen Hausberg zulegen.

Fundació Coll Bardolet, Carrer Blanquerna, 4, Valldemossa, Di.–Sa. 10–16 Uhr, So. 10–15 Uhr, bis 8.4., Preise: 700–10.000 Euro

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