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Blog Ansichten vom Balkon - Juan Jose Millás

Juan Jose Millás

Juan José Millás (Valencia, 1946) ist einer der bekanntesten Autoren Spaniens. Etliche seiner Bücher sind auch ins Deutsche übersetzt. Für die MZ-Verlagsgruppe Prensa Ibérica schreibt er regelmäßig Kolumnen.

Über diesen Blog | Leben

Spanische Betrachtungen abseits des Mainstreams: mal kritisch und wütend, mal verspielt und absurd - aber stets überraschend und brillant. Ins Deutsche übersetzt von Hella Strehlke.


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  • 28
    September
    2017

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    Mallorca Leben

    Wir befürchten das Schlimmste

    Spanien ist eine Nation, die mit sich selbst verheiratet ist, ich weiß nicht, ob aus Liebe oder aus Vernunft. Sie ist wie ein altes Ehepaar, das sich, wenn der Wecker klingelt, nicht guten Morgen sagt. Manchen Singles geht es ebenso. Theoretisch ist einer der Vorteile, allein zu sein, dass man sich nicht über die Eigenarten seines Partners ärgern muss, aber in der Praxis stört sich mancher an sich selbst. "Ich habe schon wieder den Toilettendeckel offen gelassen!" Wenn wir eine Kamera bei einem Junggesellen installieren würden, wären wir überrascht über die Flüche, die er ausstößt, wenn er sieht, dass die Zahnpastatube in der Mitte zusammengequetscht ist, obwohl er es selbst gemacht hat. Das Zusammenleben mit sich selbst ist kompliziert, man muss Eigenarten tolerieren, deren man sich nicht bewusst ist. Und seine Vorlieben kennen, obwohl einem die Abneigungen vertrauter sind, denn sie schützen vor Enttäuschung. "Ich befürchte das Schlimmste." Das ist der Lieblingssatz des Junggesellen, der mit sich selbst verbandelt ist. Wenn der Kühlschrank nicht mehr funktioniert, rechnet er damit, dass er sich nicht reparieren lässt.

    Spanien steht dieser Tage auf und befürchtet das Schlimmste. Egal, welchen Radio- oder Fernsehsender Sie anstellen: Alle Experten befürchten das Schlimmste. Es gibt Familien-Therapien für eine einzige Person, weil manche Singles auf der Couch für sieben reden. Auf der anderen Seite gibt es Großfamilien, die beim Psychoanalytiker verstummen. Spanien hat sich ein Leben lang erfolglos selbst analysiert. Man muss nur schauen, wie kurz die Zeiten der Stabilität währen. Das Problem ist, dass Spanien nicht eins ist, sondern viele und alle mit sich selbst verheiratet sind, ein wenig in sich selbst versunken und ziemlich überdrüssig ihrer selbst. Mit anderen Worten, wir befürchten das Schlimmste.

     

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