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Mallorca-Anekdoten

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Blog Mallorca-Anekdoten - Thomas Fitzner

Thomas Fitzner

Der Journalist und Autor Thomas Fitzner war stellv. Chefredakteur der MZ und hat mehrere Mallorca-Romane veröffentlicht. Noch mehr Anekdoten gibt es in "Wo zum Kuckuck sind die Palmen?"

Über diesen Blog | Gesellschaft

Anekdoten vom Mittelalter bis in die Gegenwart: Schwedische Könige kommen genauso vor wie Pornos schauende Fußballer, Superhelden in der Tramuntana oder eine Präsidententochter im Rotlichtviertel.


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  • 12
    September
    2017

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    Mallorca Gesellschaft

    Polterabend am helllichten Tag

    Gotische Kathedrale, aufblasbarer Riesen-Penis: Sahraui-Kinder machen Blitzkurs in westlichen Werten.

     

    Mallorca ist bekannterweise ein Treffpunkt der Kulturen, ein Schnittpunkt zwischen Nord und Süd, geografisch ziemlich genau zwischen Barcelona und Algier angesiedelt, ein strategisches Eiland, um das früher auch viel gestritten worden ist und das Handelsschiffen aus dem gesamten Mittelmeerraum bei den Überfahrten als Etappe oder Umschlagplatz diente.

     

     

    Heutzutage findet die Kollision zwischen Zivilisationen zwar überall statt, doch auf Mallorca hat sie Tradition. Damit ist nicht nur der tägliche Wettstreit zwischen deutschen und britischen Urlaubern um die Liegestühle am Hotelpool gemeint oder ähnliche Konflikte zwischen unvereinbaren Lebensentwürfen. Manche Kollisionen haben eine exemplarische visuelle Qualität. Eines Sommers genoss ich das Privileg, einen solch beispielhaften Zusammenprall persönlich mitzuerleben. Schauplatz war die alte Festung vor der Kathedrale von Palma de Mallorca, Ses Voltes genannt, früher eine in die Festungsmauern integrierte Kavalleriekaserne, heute ein Kultur- und Happening-Hotspot.

     

     

    Dortselbst fand das Begrüßungsfest für mehr als hundert Kinder aus der Westsahara statt, die alljährlich einen Sommerurlaub bei mallorquinischen Familien verbringen. Die Kinder, zwischen acht und zwölf Jahre alt, waren wenige Tage zuvor aus den Flüchtlingslagern der Polisario in der algerischen Wüste abgereist und per Charterflug direkt nach Palma gekommen. Da spielten sie also und rannten in der Gegend herum und schrien und lachten, aufgeregt natürlich, denn viele waren zum ersten Mal in ihrem Leben aus der Wüste herausgekommen, auch zum ersten Mal einer fremden Kultur ausgesetzt. Neugierig erklommen sie die Rampen der Festung und betrachteten ein absolut fremdartiges Panorama, ganz ohne Sand und Minarette, stattdessen eine gotische Kathedrale, nicht irgendeine, sondern eine der größten des Mittelmeerraums. Dazu das Meer – so viel Wasser! – den Hafen, die Schiffe, den Park, die Menschen, und … einige rieben sich die Augen … eine Prozession junger Spanierinnen, alle im gleichen gelben Rüschenkleid mit schwarzen Punkten.

     

     

    Mein Blick folgte dem der jungen Sahrauis, und noch glomm in mir die Hoffnung, dass die -wandelnde Kostümparty lediglich schrill und originell war, jedoch einigermaßen jugendfrei und somit für das frisch eingeflogene, kulturfremde und sehr junge Publikum noch minimal verdaulich geraten würde. Doch je näher die Señoritas kamen, umso mehr schrumpfte die Hoffnung und weiteten sich meine Augen, denn allmählich schälten sich die Details heraus: Die Dingerchen, die den Mädchen vom Hals baumelten, waren Gummipenisse, komplett mit Hodensäckchen. Und erst mit Verspätung erkannte ich, dass die zentrale Figur des Pulks, nämlich die Dame mit dem Schild „me caso“ (ich heirate), nicht eine zwei Meter lange aufblasbare Schwimmhilfe unter dem Arm trug, sondern einen ebenso aufblasbaren, ebenso langen Penis, auch dieser mit allem Zubehör.

     

     

    So stöckelte also ein Dutzend Frauen mit expliziten Fruchtbarkeitssymbolen an mehreren frisch in Europa gelandeten nordafrikanischen Kindern vorbei. Die hatten Mühe, das Gesehene einzuordnen. Die Frage ist, was die Kleinen nach ihrer Rückkehr in die Sahara, in ihre von einem konservativen Islam bestimmte Kultur, so alles erzählen würden über ihre Abenteuer im „zivilisierten Norden“. Ich konnte nur hoffen, dass die Grundwerte der westlichen Zivilisation – Freiheit, Freizügigkeit und Gleichberechtigung – im Lauf des Sommers auch nochmal sanfter und subtiler rübergebracht wurden.

     

     

    Andererseits symbolisiert die Anekdote die atemberaubende Geschwindigkeit, mit der sich auf Mallorca, aber auch in ganz Spanien ein moralischer Wandel durchgesetzt hat. Nur wenige Jahrzehnte ist es her, da die Touristen der Wirtschaftswunderjahre noch von den Moralwächtern des Franco-Regimes und der katholischen Kirche streng überwacht wurden. Küssen in der Öffentlichkeit? Geldstrafe! Bikini am Strand? Aufruhr und Verhaftung!

     

     

    Mittlerweile haben sich die Spanier an die Spitze des moralischen Wandels gestellt. Seien es Homo-Hochzeiten, seien es Nackedeis am Strand, seien es extravagante Polterabende auch – und vor allem – für Frauen. Allerdings habe ich nie mehr eine Penis-Parade wie die bei Ses Voltes gesehen. Die Sahrauis wahrscheinlich auch nicht.

     

    Noch mehr Anekdoten in: Thomas Fitzner, Wo zum Kuckuck sind die Palmen? 101 Anekdoten aus Mallorca. Verlag Fabylon, 2017, 14,90 Euro.

     

     

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