"Incerta Glòria": ein Kriegsfilm ohne viele Schüsse

Der mallorquinischen Regisseur Agustí Villaronga möchte mit seinem neuen Film zum Nachdenken anregen - und stellt das Blutvergießen dabei in den Hintergrund

25.03.2017 | 02:30
"Incerta Glòria": ein Kriegsfilm ohne viele Schüsse
Sein Interesse gilt den Konsequenzen des Krieges für die Zivilbevölkerung: der mallorquinische Regisseur Agustí Villaronga.

So eine Promotiontour für einen Film kann ganz schön schlauchen. Es ist Donnerstagabend, 19 Uhr. Das letzte Pressegespräch nach vier Tagen Interviews. Der mallorquinische Regisseur Agustí Villaronga entschuldigt sich am Telefon für seine Müdigkeit. Als es aber ans Gespräch geht, wirkt der 64-Jährige hellwach. Der in Palma geborene Villaronga ist einer der erfolgreichsten spanischen Filmemacher der Gegenwart und seit Mitte der 70er-Jahre, zunächst vor allem als Schauspieler, im Geschäft. Sein erster Spielfilm kam 1987 in die Kinos: In dem Horrorfilm „Tras el cristal" geht es um einen ehemaligen KZ-Arzt und sein Opfer. Weitere bekannte Filme von ihm sind „El Mar" (2000), nach einem Roman des Mallorquiners Blai Bonet, „Pa negre" (2010) und zuletzt „El Rey de La Habana" (2015). Gerade ist sein neuer Film „Incerta Glòria" (Ungewisser Ruhm) in die Kinos gekommen. Er basiert auf dem gleichnamigen Roman des Katalanen Joan Sales und erzählt eine Liebesgeschichte über mehrere Ecken in Zeiten des Spanischen Bürgerkrieges. Zurzeit lebt Villaronga in London, wo er an seinem nächsten Film arbeitet.

Herr Villaronga, „Incerta Glòria" ist ein Kriegsfilm, in dem kaum ein Schuss fällt. Warum?
Nun, er spielt an der Ebrofront, aber zu einem Zeitpunkt, als es dort kaum Frontbewegungen gab. In dem Film erzähle ich vom Alltag der Menschen, der Liebe und den Freundschaften. In der Romanvorlage gab es zwar auch Kriegsszenen. Aber das Buch hat über tausend Seiten. Irgendwas musste ich für den Film weglassen. Also habe ich darauf verzichtet, weil ich sie als nicht nötig für die Geschichte empfand. Genauso übrigens wie auf die langen philosophischen Passagen, die das Buch kennzeichnen.

Es ist nach „El mar" und „Pa negre" Ihr dritter Film, der im Krieg oder in der Nachkriegszeit angesiedelt ist.
Es ist eine ungewollte Trilogie geworden. Geplant war das nicht. Aber mich interessieren die Konsequenzen, die der Krieg für die Zivilbevölkerung hat, nicht so sehr die Schlachten und das Blutvergießen.

Ihr Vater wurde im Alter von 15 Jahren als Soldat eingezogen. Spielt die Familiengeschichte eine Rolle für Ihr Interesse an diesem Krieg?
Nein. Meine Eltern haben zwar beide den Krieg erlebt. Aber keiner von ihnen hat je ein Wort darüber verloren. Ich glaube, dass Menschen, die den Krieg hautnah erlebt haben, nicht gerne darüber reden. Höchstens im Alter mit den Enkeln.

In Spanien werden generell viele Filme über den Spanischen Bürgerkrieg gedreht.
Das ist ein Klischee. Es sind wenn überhaupt­ einer oder zwei pro Jahr. Und sie müssen eins bedenken: Wenn ich einen Film über den Krieg drehe, dann geht es nicht so sehr um die ideologischen Auseinandersetzungen oder das Töten. Es geht um das Schicksal von Menschen. Und das findet man nicht nur in der Vergangenheit. Schauen Sie nach Syrien und wie der Umstand, dass Menschen von dort flüchten müssen, von Rassisten und Rechtsradikalen ausgenutzt wird, um mit ihrer Hetze Wählerstimmen zu gewinnen. Ich wünschte, dass meine Filme über den Krieg darüber nachdenken lassen, was es noch für andere Wege gibt, um Konflikte zu lösen.

Sie sollen mit 14 beschlossen haben, Regisseur zu werden. Wie hat sich Ihr Blick auf den Beruf in diesen 50 Jahren verändert?
Ich glaube, die größte Erkenntnis für mich war zu erkennen, dass das Publikum nicht eine graue Masse ist, sondern aus sehr vielen unterschiedlichen Menschen besteht. Und dass man, um sie zu erreichen, einen gewissen gemeinsamen Nenner finden muss. Dann wird der Film vielleicht nicht ganz so cool, wie man es gerne hätte. Aber sonst würde man viele Leute gar nicht erreichen. Gerade wenn man ein bisschen mehr Erfolg hat, sollte man nicht das Gespür für das Interesse der Leute verlieren.

Sie haben mit 17 Jahren die Insel verlassen, haben zunächst in Barcelona, später an vielen anderen Orten auf der Welt gelebt. Fühlen Sie sich noch als Mallorquiner?
Ja, wenn Sie mich so fragen, definitiv.

Muss man als Künstler die Insel verlassen, um Erfolg zu haben?
Wenn Sie mit Erfolg Außenwirkung meinen, dann ja. Mallorca hat jahrzehntelang die Kultur und die Künstler ignoriert. In so einem Umfeld ist das Filmemachen, das ja ohnehin schon mit enorm hohen Produktionskosten einhergeht, noch einmal schwieriger. Ich habe damals die Insel verlassen, weil ich studieren wollte. Da es noch kein Filmstudium gab, habe ich in Barcelona Kunstgeschichte studiert.

Welches Verhältnis haben Sie zur Insel? Verfolgen Sie Nachrichten über Mallorca?
Nein, mein Verhältnis ist rein emotional. Aber wenn ich die Landschaft dort sehe, fühle ich mich zu Hause wie an keinem anderen Ort der Welt. Und ich habe auch noch Freunde und Familie dort.

Wenn Sie etwa den Fall des gefallenen Nachtclubunternehmers Tolo Cursach sehen – wäre das etwas, was Sie gerne verfilmen würden?
Zunächst müsste ich mehr darüber erfahren. Ich habe grob verfolgt, was da passiert ist. Es ist eine furchtbare Geschichte. Eine Schande, die national ein ganz schlechtes Licht auf Mallorca wirft. Nein, nein, ich möchte keine Filme über Tolo Cursach machen.

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