Deutsche Landwirte auf Mallorca: Die Letzten beißen die Tiger

10-07-2008  
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Deutscher Landwirte: Georg Bräutigam.  Nele Bendgens

Grasende Kühe, Finca, Gemüse aus dem Garten – Idylle pur. Doch der Traum vom Leben und Arbeiten als Kleinbauer kann auch auf Mallorca schnell ausgeträumt sein. Die Realität ist hart, es geht ums Überleben. Drei deutsche Landwirte – Marie-Luise Eicke, Georg Bräutigam und Christine Erdei – wissen davon ein Lied zu singen. Obwohl keiner von ihnen zuvor in Deutschland als Bauer gearbeitet hat, stellt Erdei heute Schafskäse her, während Eicke und Bräutigam – unabhängig voneinander – Gemüse anbauen und die menorquinische Kuhrasse Vermella Menorquina züchten.

NINA KUSCHNIOK Ihre Projekte sind überschaubar und auf Nachhaltigkeit bedacht. Dementsprechend klein sind die produzierten Mengen. Große Gewinne werden nicht erwirtschaftet. Ein Grund, warum die Betriebe häufig um ihre Existenz kämpfen müssen. Da hilft der Umstand, als Ökobetrieb vom balearisch-ökologischen Kontrollrat CBPAE anerkannt zu sein. Alle drei sind dabei.

Melken im Morgengrauen
„Dabei war mir dieses Ökosiegel anfangs schnuppe. Mittlerweile ist es wichtig geworden - zur Vermarktung und auch aus politischen Gründen", sagt die 46-jährige Eicke. Ihre landwirtschaftlichen Ziele sind schnell erklärt: Gesundes Essen und von der eigenen Arbeit leben können. Dafür schuftet sie auf 30 Hektar Pachtland bei Llubí. Häufig steht die Norddeutsche bereits im Morgengrauen bei den Kühen und ist bis tief in die Nacht noch mit dem Gemüse beschäftigt. „Artgerechte Tierhaltung ist eine Sache, aber man sollte auch mal etwas für eine artgerechte Bäuerinnen-Haltung tun", witzelt sie, während sie im Garten ein Salatblatt abzupft und sich in den Mund schiebt.

Derzeit wird sie von drei Helferinnen ehrenamtlich unterstützt. Außerdem kümmert sich Ursula ­Wachendorff um die Finca. Sie und Eicke kamen zusammen vor 14 Jahren nach Mallorca. Wachendorff kaufte, damals 58-jährig, die kleine Finca Cás A Dojo. „Wir haben mit einem Fahrrad und sechs Hühnern angefangen", erzählt Eicke, ­„alle dachten, wir seien steinreich, weil wir uns so ein Leben leisten konnten."

Das Gegenteil war und ist der Fall. Das ist auch der Grund, warum eine dringend benötigte Arbeitskraft nicht eingestellt wird, um die inzwischen 28 Tiere umfassende Viehherde und das Land zu bewirtschaften. „Die staatlichen Subventionen reichen lange nicht aus, auch wenn seit dem Regierungswechsel ein anderer Wind weht und viel von Unterstützung der ökologischen Landwirtschaft die Rede ist", sagt Eicke. Sie gibt ein Beispiel: Für einen Hektar Ackerfutterland, der ökologisch bewirtschaftet werde, gebe es vom Staat 125,88 Euro im Jahr. Das Futter, das sie auf der Fläche produziert, kann sie für rund 200 Euro verkaufen. „Meine Kosten liegen bei etwa 135 Euro, für Saatgut, Pacht, Kraftstoff für die Maschinen und Reparaturen", sagt Eicke. In diese Rechnung ist nicht der Kompost-Dünger eingerechnet, der etwa 100 Euro in der Herstellung kostet, ebensowenig ihre Arbeitskraft von 30 Stunden und das Material für biodynamische Spritzungen.

Der Betrieb könne sich gerade so tragen. Vorausgesetzt, es tritt nichts Unerwartetes ein. „Vor zwei Jahren mussten wir wegen der Dürre Futter zukaufen", erzählt die Landwirtin, während sie zu den grasenden Kühen auf die Weide stapft. Das habe ein Schuldenloch von 12.000 Euro gerissen, das sie bis heute nicht stopfen konnte. Eine Spende von 5.000 Euro aus der Schweiz habe zwar geholfen, „doch wenn ich in der nächsten Zeit das fehlenden Geld nicht auftreibe, müssen wir aufgeben".

Eine traurige Vorstellung, wenn man sieht, wie Eicke mit größter Selbstverständlichkeit ihrem tonnenschweren Zuchtbullen Julus den Schmalz aus den Ohren puhlt. Die Sorgfalt und die Überzeugung, mit der sie ihre Tiere pflegt und das Land beackert, machen sich auch geschmacklich bemerkbar. „Letztens haben zwei Restaurantköche Minuten lang das Rindfleisch befühlt, das ich geliefert habe. Die hörten gar nicht mehr auf." Solche Momente sind für Eicke Lohn und Ansporn für die Knochenarbeit.

Käse von roten Schafen
Auch bei der Produktion von Schafskäse ist die staatliche Subventionierung nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Christine Erdei hat im Frühjahr 2006 auf dem Bio­hof Can Morey in der Nähe von Inca mit ihrem Käse-Projekt begonnen. Zusammen mit dem ­Mallorquiner Llorenç ­Payeras brachte sie die erste Produktion im September 2007 auf den Markt. Die beiden haben rund 100.000 Euro in eine Reifekammer, Maschinen und die Herde investiert. „Langsam trägt sich das Projekt", sagt die in Rumänien geborene Deutsche, die als Kind mit Produkten aus dem eigenen Garten aufwuchs.

Ihr Schafskäse ist begehrt. Sie lässt ihn mit dem Enzym einer Distelart gerinnen. Abnehmer sind Restaurants, Bioläden und Wochenmärkte. „Wir stellen den Käse in Handarbeit her. Man drückt ihn durch ein Gazetuch, bevor er gelagert wird. Das ist aufwendig. Llorenç hat das Handwerk von drei alten Schäfern erlernt. Für viele Mallorquiner ist der Geschmack eine Erinnerung an Kindheitstage", erzählt die 38-Jährige.

Zur Zeit produziert Erdei 50 bis 80 Käse-Laiber pro Woche. Die Nachfrage ist hoch, selbst aus Deutschland bekommt sie Anrufe. So viel kann sie gar nicht liefern. Ihr fehlt die Milch, trotz der 220 Tiere in der Herde. „Wir haben nur 50 Mutterschafe, die wir melken können", sagt Erdei. Hinzu kommt, dass das rote mallorquinische Schaf gute, aber nur sehr wenig Milch gebe. Fünf Böcke sollen in diesem Herbst für Nachwuchs sorgen, um die Milchproduktion anzukurbeln. „Wenn dann nicht ausreichend Tiere trächtig sind, haben wir ein Problem", sagt die Landwirtin, während sie in der Küche einen großen Topf mit Schafsmilch erwärmt.

Auf die Subventionen warten Payeras und sie seit Wochen. „Wie viel es wird, wissen wir nicht, wir machen uns keine großen Hoffnungen", sagt Payeras. Unabhängig von den Geldern der Landesregierung erhalten sie für 150 ihrer Schafe von der EU zehn Euro jährlich. „Ich würde gerne eine Arbeitskraft einstellen. Zweimal am Tag melken, den Käse herstellen und alles säubern ist ein Haufen Arbeit für Llorenç, mich und einen jungen Burschen, der uns hilft", sagt die junge Landwirtin.

Um Kosten zu sparen, soll jetzt die Herde optimiert werden. „Wir überlegen, die alten Tiere an ein französisches Artistenpaar bei Santa Eugènia abzugeben. Dort würden die Tiger sie fressen." Noch ist Erdei nicht wohl bei der Vorstellung. Andererseits sei das wohl die natürlichste Lösung.

Minze für den Mojito
Ebenso wie Erdei hängt Georg „Jordi" Bräutigam an seinen Tieren auf der Finca Binifela in der Nähe von Capdepera. Der ehemalige Wirtschaftswissenschaftler ist seit 2001 Bauer, weil er es „ausprobieren" wollte. Von der Bewirtschaftung seiner 16 Hektar Pachtland und einer kleinen Viehherde mit elf Tieren kann er gerade so überleben - „nun, nach sieben Jahren, reicht es für die laufenden Kosten."

Er habe viel experimentiert, mit dem Boden, dem Dünger. Inzwischen verkauft er sein Gemüse an Läden und Restaurants. „Für das Gemüse gibt es Subventionen, aber das ist viel Papierkrieg", sagt Bräutigam, der anfangs 20.000 Euro in die Finca investierte. Ebenso wie Eicke füttert er seine Tiere nur mit Stroh und Heu und mästet sie nicht. Dadurch legen sie langsamer an Gewicht zu, aber erzielen auch einen guten Preis. „Ein Tier kann 1.000 Euro bringen. Doch ich schlachte wenig. Vom Vieh allein könnte ich nicht überleben", sagt Bräutigam.

Besser seien Gemüse und Kräuter. „Im Sommer kaufen die Bars viel Minze für Cocktails wie Mojitos", sagt er. Seine beiden Arbeitskräfte auf dem Feld hat er über das Internet gefunden. Auf www.wwoof.org und www.helpexchange.net melden sich freiwillige Helfer, die reisen und arbeiten wollen und dafür Kost und Logis bekommen. Gerade sind die US-Amerikanerin Gilli und die Französin Virgina auf dem Feld. „Das läuft gut, zumeist bringen die Leute Erfahrungen von anderen Höfen mit", so Bräutigam. Daneben bringe er sich viel selbst bei, lese, tausche sich mit Bauern aus, die ihm Bauernweisheiten der Insel verraten würden. „Besser einmal harken als einmal gießen", zitiert der 44-Jährige. Der Boden bekäme so keine Trockenheitsrisse, das Wasser verdunste nicht so schnell.

Manchmal wolle er alles hinschmeißen, sagt er. Das ist ein Gedanke, der auch Christine Erdei und Marie-Luise Eicke schon einmal durch den Kopf gegangen ist. Doch da sind ja noch die grasenden Kühe, die Finca, das Gemüse aus dem Garten - die Idylle halt.

In der Druckausgabe lesen Sie außerdem:
Neues vom Acker: Patenschaften und Konzerte
Im Gespräch: "Die Subventionen sind knapp bemessen"

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