Vogelfänger: Massensterben am Mittelmeer

Millionen Vögel werden jedes Jahr in Südeuropa Opfer von Jägern und Vogelfängern. Auch auf Mallorca – allerdings deutlich weniger als früher

27-08-2010  
Bei Vogelfängern auf den Balearen besonders beliebt: Der Jilguero, auch Stieglitz genannt.
Bei Vogelfängern auf den Balearen besonders beliebt: Der Jilguero, auch Stieglitz genannt. Foto: März

MARTIN ROLSHOVEN Die Balearen gehören aufgrund der zentralen Lage im Mittelmeer zu den wichtigsten Drehkreuzen für Zugvögel in Südeuropa. Millionenfach kommen Sing-, Wat- und Greifvögel ab September aus Nord- und Mitteleuropa geflogen, um auf ihrem Weg in wärmere Gefilde hier eine Verschnaufpause einzulegen. Für viele von ihnen endet die Reise allerdings tödlich oder in Käfigen. Dafür sorgen rund 700 Vogelfänger und viele der etwa 21.000 registrierten Jäger auf Mallorca.

Wie viele Vögel auf Mallorca pro Jahr sterben oder in Käfigen landen, wurde bisher in keiner offiziellen Statistik erfasst. Das Komitee gegen den Vogelmord, ein deutscher Vogelschutzverein, geht allerdings von etwa 400.000 getöteten Tieren aus – 130.000 seien Opfer von Wilderern, die ohne Genehmigung jagen.

Im Vergleich zu Zypern erscheint das noch wenig. Dort sterben laut einer Studie des Komitees pro Jahr rund 3,3 Millionen Vögel. Diese werden abgeschossen oder mit Netzen oder Leimfallen gefangen. Auf Malta kommen durch die Jagd nach Schätzungen der Organisation 600.000 Vögel ums Leben, darunter 400.000 legal per Jagdlizenz.

Während auf Mallorca vor allem Drosseln, Finken, Amseln und Rothühner den Jägern zum Opfer fielen, handele es sich auf Malta fast ausschließlich um bedrohte Arten. Darunter seltene Adler, Störche, Sperlinge und Watvögel. Besonders betroffen ist die Mönchsgrasmücke. Der Singvogel wird auf Zypern trotz EU-Verbot gejagt und als Delikatesse verspeist.

„So ein Massensterben gibt es auf Mallorca nicht", sagt Manolo Suárez, Vogelforscher der Umweltschutzorganisation Gob, die ihren Ursprung im Vogelschutz hat. Singvögel seien zwar auch auf Mallorca sehr beliebt. Allerdings landeten sie  nicht oder nur äußerst selten im Kochtopf. Vielmehr würden die Tiere hier von den Vogelfängern zu Zuchtzwecken oder aus Liebhaberei gefangen – und das völlig legal.

„Hier isst niemand Singvögel", sagt Suárez. Nicht einmal handeln dürfe man mit den zierlichen Tieren – lediglich einfangen, und das auch nur unter Einhaltung der strengen Auflagen des Umweltministeriums.

Den Auflagen zufolge müssen sich die Vogelfänger auf den Grünling, den Bluthänfling, den Girlitz und den Stieglitz, spanienweit als Jilguero bekannt, beschränken. Sie gehören allesamt zu den Finken. Die erlaubten Fangmengen werden jede Saison erneut berechnet. Freigegeben werden maximal 2.500 Jilgueros, 250 Bluthänflinge sowie jeweils 100 Girlitze und Grünlinge.

Damit sich auf Mallorca alle an die vorgegebenen Zahlen halten, führt das Umweltministerium regelmäßig Kontrollen durch. „Das funktioniert gut", meint der Gob-Vertreter. Überwacht werde auch, wie die Tiere gefangen werde. „Nicht alle Methoden sind erlaubt", sagt Bartomeu Seguí, Jagdverantwortlicher im balearischen Umweltministerium.

Die Genehmigungen stellt das Umweltministerium aus, besser gesagt, der angegliederte Servicio de Protección de Especies, der den Artenschutz regelt. Generell gilt: Alles, wodurch massenhaft oder wahllos Vögel sterben, wird untersagt.

Daher sind auch traditionelle Fangmethoden wie zum Beispiel Fangeisen (garballets) verboten. Diese ähneln überdimensionierten Mausefallen, in denen Vögel mit Futter angelockt und beim Zupicken durch ein Federsystem erschlagen werden. Auch lloses, wo die Tiere durch herabfallende Steinplatten sterben, dürfen nicht eingesetzt werden. Vögel mit Hilfe von klebrigen Baumzweigen oder Blättern zu fangen (visc), sei ebenfalls verboten.

Erlaubt ist – sofern die Vögel nur zu Zuchtzwecken verwendet werden – das Fangen mit sogenannten filats de beurada. Das sind Netze, die an Wasserstellen liegen und den Vogel durch einen vom Fänger ausgelösten Mechanismus einfangen, wenn er zum Trinken landet. Auch gàbies enganyadores sind statthaft. Dabei handelt es sich um mehrere Käfige, in die Nahrung gelegt und ein Vogel gesetzt wird. Der soll durch seinen Gesang andere Artgenossen anlocken. Sobald die Tiere zu fressen beginnen, schnappt die Falle zu.

Die älteste und bekannteste Fangtechnik ist das filats a coll, ein großes Netz, das mittels zweier Holzstäbe links und rechts trapezförmig aufgespannt wird. Die meist sechs Meter hohe und drei Meter breite Apparatur gibt es laut Seguí nur auf den Balearen und ist hier vor etwa 1.000 Jahren erfunden worden.

Sie werde bevorzugt zur Jagd auf Drosseln verwendet: Dank der Trapezform kann sich der Fänger in einem Waldstück zwischen die Bäume stellen und in den Flugschneisen der Vögel warten, bis die Tiere auf der Suche nach Futter ins Netz fliegen. „Diese Gewebe sind wahre Kunstwerke – ein Kulturerbe, das es nur auf den Balearen gibt", sagt Seguí. Und es erfordere viel Geschick und Erfahrung, sich an die richtigen Punkte zu stellen.

Doch gebe es auch auf der Insel schwarze Schafe unter den Jägern und Vogelfängern. In der Praxis werden Singvögel auf Mallorca nach Angaben von Tierschützern nämlich auch ohne Lizenz in Gefangenschaft gehalten. „Einige Vogelfänger missachten die Vorschriften", sagt Lluís Parpal, Geschäftsführer vom Zentrum für Wildtier- und Artenschutz der Balearen (Cofib).

„Pro Jahr werden 20 bis 30 illegal gehaltene Singvögel zu uns gebracht", sagt der gelernte Tierarzt. Sie wurden von Behörden bei Kontrollen beschlagnahmt. Die Dunkelziffer sei hoch. Die meisten blieben unentdeckt und könnten daher nicht erfasst werden.

Auch Bartomeu Seguí, selbst Jäger, räumt Unregelmäßigkeiten beim Jagen und Fangen der Vögel ein, allerdings seien die Zahlen verschwindend niedrig. Von 200 bis 300 Strafen, die gegen Jäger pro Jahr durchschnittlich ausgesprochen würden, sei bei einem Prozent, also etwa in zwei bis drei Fällen, die Verwendung von verbotenen Fallen der Grund.

„Früher war das anders. Da wurde hier noch geschossen, weil die Menschen Hunger hatten und sich unter anderem von den Vögeln ernährt haben", sagt Seguí. Erst 1971 kam der Wandel – allerdings zunächst nicht ganz freiwillig, denn der spanische Staat begann, die Jagd per Gesetz zu regulieren. 1979 legte die Europäische Kommission nach und erließ ein Jagdgesetz zum Schutz der Vögel. 1989 wurden in Spanien durch die Verabschiedung eines zweiten Gesetzes noch strengere Auflagen durchgesetzt.

Damit die Gesetze eingehalten werden, haben sich die Jäger eine Art Selbstüberwachung auferlegt, sagt Seguí. Wichtig sei die gegenseitige Kontrolle. „Einem guten Jäger sollte auffallen, wenn sich jemand nicht an die Regeln hält. Und dann sollte er denjenigen anzeigen." Ein System, das funktioniert: Mehr als drei Viertel der Anzeigen gegen Jäger werden demnach von anderen Jägern gestellt.

Der Naturpark s´Albufera: Alle Vögel sind schon da
Ein Paradies für Vogelfreunde ist der Naturpark s´Albufera im Nordosten der Insel, zwischen Alcúdia und Can Picafort gelegen. Mit einer Fläche von 1.688 Hektar ist es das größte Feuchtgebiet der Balearen. Im vergangenen Jahr kamen knapp 100.000 Besucher, um dort Mallorcas Flora und Fauna zu bewundern. Der Eintritt ist kostenlos.

Im Naturpark s´Albufera leben fast 300 verschiedene Vogelarten, die von den Besuchern aus Holzunterständen heraus beobachtet werden können. Dort finden sie auch Informationstafeln zur dort lebenden Tierwelt. Im Besucherzentrum, von den Einheimischen auch Can Bateman genannt, können zudem Ferngläser und Fahrräder gemietet werden. Eine audiovisuelle Ausstellung informiert über die Tier- und Pflanzenwelt in der Region, auch Vogelstimmen können dort angehört werden.

Neben Vögeln leben im Park aber auch seltene Fische, Frösche, Spinnen, Libellen, Schmetterlinge und Reptilien. Ebenfalls ehenswert sind die vielen Bewässerungsanlagen, Kanäle und Brücken – sie sind Teil des architektonischen Erbes der Insel.

So geht´s hin: Von Palma aus die Autobahn Ma-13 Richtung Alcúdia nehmen, kurz vor dem Ortseingang rechts Richtung Port d´Alcúdia fahren und den Schildern folgen. Der Eingang zum Park liegt an der Landstraße zwischen Port d´Alcúdia und Artà, in der Nähe der Playa de Muro, an der Puente de los Ingleses. Wer mit dem Zug anreist, sollte bis Sa Pobla fahren und dort in den Bus zum Naturpark umsteigen (Linie Port d´Alcúdia-Can Picafort).

Öffnungszeiten: vom 1. April bis zum 30. September von 9 - 18 Uhr, ab 1. Oktober von 9 - 17 Uhr. Das Besucherzentrum hat ganzjährig von 9 - 16 Uhr geöffnet.

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