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Der Delfintrainer im Marineland auf Mallorca, der Hass im Netz und das schmutzige Geschäft der Delfinarien

Netflix-Doku beleuchtet die Hintergründe des Suizids von José Luis Barbero, der sich 2015 das Leben nahm. Zuvor hatte ein Video seine Trainingsmethoden öffentlich gemacht

Besuch einer Schulklasse im Delfinarium Marineland auf Mallorca. Sebastián Terrassa

Es war Anfang Februar 2015, als ein Video auf Mallorca und später weltweit für Entsetzen sorgte: Auf den unscharfen Aufnahmen aus dem Delfinarium Marineland in Costa d’en Blanes im Südwesten der Insel war zu sehen, wie ein Delfintrainer die Tiere offenbar beschimpfte und körperlich attackierte. Eine Tierschutzgruppe verbreitete das Video über die sozialen Netzwerke. Der Skandal und die darauffolgenden Hassbotschaften trieben den Trainer Wochen später in den Selbstmord.

Eine am Freitag (25.11.) veröffentlichte Netflix-Dokumentation rekonstruiert nun diese Tragödie. „¿Qué le pasó al rey de los delfines?“ (Deutsch: Was geschah mit dem Delfinkönig?) zeichnet dabei nicht nur den Marineland-Skandal nach, sondern auch die Geschichte des Trainers, José Luis Barbero, der zum Zeitpunkt des Skandals kurz davor war, seine Karriere mit einer Anstellung in den USA zu krönen.

Was war an den Vorwürfen dran?

Was war an den Vorwürfen dran? Gehörte der Missbrauch wirklich zu den Trainingsmethoden Barberos? Der Film zeigt, dass die Geschichte vielschichtiger ist. Denn um zu verstehen, wie Barbero überhaupt zu einem weltweit renommierten Delfintrainer werden konnte, muss man verstehen, in welcher Welt er sich bewegte. Der Film gibt Einblicke in eine Unterhaltungsindustrie, die von der Ausbeutung von Tieren und Profitgier lebt. Gleichzeitig ist sie von Menschen geprägt, die eine intensive Beziehung zu den Delfinen pflegen und mit dem Widerspruch aus Zuneigung und Instrumentalisierung leben müssen.

Die mallorquinischen Filmemacher Luis Ansorena Hervés und Ernest Riera haben für die Dokumentation eindrucksvolles Archivmaterial aus dem Leben Barberos aufgetan. So zeigen sie zum Beispiel, wie der Delfintrainer in den 90er-Jahren per Flugzeug mehrere Delfine von Kuba nach Teneriffa, wo er zuvor arbeitete, transportieren ließ. Die zappelnden Tiere werden in Holzkisten verfrachtet. Die frisch in der Wildnis gefangenen Delfine so eingepfercht zu sehen, beschreibt ein Trainer als Realitätsschock.

Viele Zeitzeugen kommen erstmals zu Wort

Viele Zeitzeugen kommen zum ersten Mal zu Wort. Die Witwe Barberos erzählt ihre Version der Geschichte ebenso wie seine beiden Söhne und zahlreiche Arbeitskollegen. Eine Vertreterin der Tierschutzorganisation SOS Delfines, die das Video veröffentlichte, erklärt ihre Beweggründe. Den Filmemachern gelang es zudem, mit den beiden Aktivisten zu sprechen, die heimlich eine Kamera installierten, um die Trainingsmethoden von Barbero im Marineland zu filmen.

José Luís Barbero während seiner Tätigkeit als Delfintrainer im Marineland in Puerto Portals. Foto: DM

Im Laufe dieser Erzählungen ergibt sich das Bild eines sehr ehrgeizigen Menschen, der auf der Suche nach Perfektion nicht selten die Grenzen des Anstandes gegenüber seinen Mitmenschen verlor. Und der sehr überlegt handelte. So schuf er die Delfintherapie für Kinder mit Behinderung wohl, um damit die Kritik von Tierschützern an dem Delfinarium auf Teneriffa zu entkräften. Andererseits etablierte er so eine Therapiemöglichkeit, die tatsächlich vielen Menschen geholfen zu haben scheint. Ein Weggefährte erklärt, er sei beeindruckt, wie der sonst so ungehaltene Barbero im Umgang mit den Kindern eine ungeahnte Zärtlichkeit zeigte.

Die Hintergründe des Videos

Um die Hintergründe des Videos geht es vor allem am Ende. Und obwohl deutlich wird, dass die Trainingsmethoden tatsächlich überaus aggressiv waren, könnte die Motivation hinter den Aufnahmen eine andere als der Tierschutz gewesen sein. War es vielleicht doch eine gezielte Racheaktion einer ehemaligen Mitarbeiterin Barberos? Stand Rufmord hinter der Motivation, Tierschützer einzuschalten?

„Was geschah mit dem Delfinkönig?“ liefert keine definitiven Antworten. Der Film deutet sie aber an. Und zeichnet das eindrückliche Bild einer Unterhaltungsindustrie, in der es viele Opfer gibt.

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