22. Mai 2008
22.05.2008

Sa Gerreria: Neue Gesichter im ehemaligen Rotlichtbezirk 

22.05.2008 | 02:00
Um den noch namenlosen neuen Platz in sa Gerreria entstehen mehr als 300 neue Wohnungen und fast 60 Ladenlokale.

Als Elizabeth Adler vor wenigen Monaten ihren Freunden erzählte, dass sie mit ihrem vegetarischem Restaurant Santacilia in die Calle Socorro ziehen würde, erntete sie nur Kopfschütteln. „Was, mitten ins barrio chino!?", lauteten die ungläubigen Ausrufe. Ja, genau dort in dem früheren Problemviertel der Insel-Hauptstadt sieht die Gastronomin ihre Zukunft. „Ich glaube, dass die Gegend hier sehr viel Potenzial hat", sagt sie.  

Bis vor kurzem machten viele Palmesaner noch einen weiten Bogen um die heruntergekommenen Straßenzüge von sa Gerreria. Über Jahrzehnte war das frühere Kunsthandwerkerviertel im Osten der Altstadt hinter der Calle Sindicat bis zu den Avenidas verfallen, zwischen den zu Ruinen verkommenen und oftmals verlassenen Häusern blühte der Drogenhandel und die Prostitution. Doch mittlerweile ist dort ein gewaltiger Wandel im Gange. Neue Läden und Lokale eröffnen, immer mehr Gebäude werden saniert. In die renovierten Wohnungen zieht eine neue Mittelschicht, während viele alte Bewohner des Viertels - Geringverdiener, Arbeitslose und Immigranten - verschwinden.



Das Signal zum Umschwung gab bereits vor einigen Jahren das mit öffentlichen Geldern finanzierte neue Gerichtsgebäude in der Travessera Ballester, es folgten das Bürgerzentrum Flassaders in der Calle Ferreria und das öffentliche Schwimmbad in der Calle Hostal de l´Estel.



Die endgültige Wiederbelebung des Viertels soll nun ein großes Bauprojekt mit 308 Wohnungen, 57 Ladenlokalen mit Geschäften und Restaurants und 22 Büros bringen. „Mehr als die Hälfte der Wohnungen ist bereits verkauft", sagt Miguel Ángel Oliver vom verantwortlichen Immobilien-Unternehmen GIB.



Zuvor hatte die Firma im Auftrag der Stadt die früheren Eigentümer der dortigen Häuser enteignet und ausgezahlt sowie den Großteil der alten Bebauung auf der insgesamt 14.000 Quadratmeter großen Fläche abreißen lassen. Mieter wurden zum Teil in städtische Wohnungen umgesiedelt, Senioren in Altersheimen untergebracht. „Das war vorher eine ganz üble Gegend. Es gab Hausbesetzer und jede Menge Bordelle", sagt Oliver. Kritiker bemängeln an dem Enteignungsprozess, dass die alten Bewohner mit niedrigen Entschädigungen aus ihrer gewohnten Umgebung vertrieben wurden.



Die Dealer sind weg

Von den Drogendealern ist in sa Gerreria nichts mehr zu sehen. „Sie haben freiwillig aufgegeben, weil niemand mehr kam - und das obwohl auch sie alte günstige Mietverträge für ihre Wohnungen hatten", erzählt Michelangelo Mazzoccola. Der in Deutschland aufgewachsene Italiener hat in der zentralen Gegend mit dem schlechten Ruf bereits vor acht Jahren die ersten Gebäude saniert. „Damals haben uns die Palmesaner fast für verrückt erklärt, und die ersten Käufer waren hauptsächlich Festlandspanier und Briten", sagt er. Heute seien unter den Neuankömmlingen im Viertel auch viele Einheimische. Mazzaccola selbst lebt seit 2004 in sa Gerreria und fühlt sich pudelwohl. „Hier bin ich in einem historischen Umfeld, ich kann alles zu Fuß erledigen, es ist ruhig und man hat so ein richtiges Viertelgefühl." Nein, sa Gerreria würde kein Reichenghetto werden. Vielmehr mache der Mix verschiedener Generationen, Nationen und sozialer Schichten das Viertel interessant. Nicht anonym, sondern familiär gehe es hier zu.



Bester Beleg für das neue Leben in der Gegend ist die reaktivierte Nachbarschaftsinitiative. Seit vergangenen Herbst treffen sich alteingesessene und zugezogene Anwohner jeden Freitagabend im Bürgerzentrum Flassaders und treiben eine Menge Projekte voran. Anfang Juli wollen sie eine Festwoche in ihrem Viertel organisieren. Sie haben eine wöchentliche Großbestellung für ökologisches Gemüse aufgegeben, suchen einen gemeinsam nutzbaren Fahrradkeller und wollen die Plätze von den parkenden Autos befreien. „Wir haben große Lust und viele Ideen", sagt Sprecherin Tina Codina. Aus den Worten der Mallorquinerin sprüht die Begeisterung für einen gemeinsamen Aufbruch.



Doch in den engen Straßen zwischen Plaça Major und den Avenidas offenbaren sich auch noch deutlich die Spannungen zwischen Vergangenheit und Zukunft des Viertels. Zwischen den frisch gestrichenen Fassaden stehen halb verfallene Häuser, und nicht alle Bewohner freuen sich über die Sanierungen. „In zwei Monaten müssen wir hier raus, das Haus wird abgerissen und ich weiß nicht wohin," sagt ein gitano

und deutet auf das alte Haus, in dem er zur Miete wohnt. Er sitzt davor, auf einem Stuhl auf der Straße, nur wenige Meter von den neuen Gerichtsgebäuden entfernt. Zwar sind die Bordelle des Viertels, die früher beliebter Anlaufpunkt der amerikanischen Flotte waren, wenn sie in Palma Station machten, verschwunden und im früheren Puff „Kansas" residiert heute ein Immobilienunternehmen. Aber um die Ecke warten weiterhin Prostituierte auf Freier.



Auch Traditionsgeschäfte, die die Jahrzehnte des Verfalls überlebt haben, gibt es noch. An der Plaça Quartera besorgt sich die 80 Jahre alte Juana Cantallots im Lederwarengeschäft Bonet Curtits ein Band für eine kaputte Tasche. „In ganz Palma gibt es nur hier noch so etwas", sagt sie. Sie kommt oft in das Viertel, wo sie aufgewachsen ist. Nach dem Einkauf gönnt sie sich im altehrwürdigen, mehr als 300 Jahre alten Café Ca´n Joan de S´aigo selbst gemachtes Mandeleis. „Hier ist alles wie immer. Ich mag die modernen Sachen nicht, wissen Sie", sagt die Witwe.



Treffpunkt der Kreativen

Doch das Neue in sa Gerreria hält unaufhörlich Einzug. Im Buddha House etwa in der Calle Corderia bieten die schwedischen, israelischen und italienischen Inhaber seit kurzem asiatische Möbel, Badezimmerartikel und Tätowierungen an. Die Bilder auf die Haut sticht Claudio Marmocchi, der sich dort nach Jahren auf Ibiza und in Großbritannien niedergelassen hat. „In London habe ich David Beckham und die Spice Girls tätowiert", berichtet er. Mit dem Gang der Geschäfte sind die meisten Laden-Betreiber zufrieden und vorsichtig optimistisch.



Einige Neustarter gaben auch schon wieder auf. Und doch haben sich in der kurzen Zeit des Aufbruchs bereits Institutionen gebildet. Die vor knapp vier Jahren eröffnete und stets gut gefüllte Bar Flexas in der Calle Llotgeta wurde für viele Bewohner des Viertels zur Stammkneipe. 

In der Druckausgabe lesen Sie außerdem:

Läden und Geschäfte: Ein Rundgang durchs Viertel

Historiker und Stadtführer Gaspar Valero im Interview


 
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