Aufwachsen als Tochter einer Hollywood-Legende

Memoiren-Workshop auf Mallorca: Die Geschichte der Allegra Huston, die nach dem Tod ihrer Mutter von John Huston, einem der ganz großen Regisseure der Kino-Geschichte, aufgenommen wurde

10.11.2017 | 17:11

Als Allegra Huston zum ersten Mal Ende der 60er-Jahre den Mann traf, unter dessen Obhut sie aufwachsen sollte, war sie vielleicht vier oder fünf Jahre alt. Ihre Mutter muss zu der Zeit schon tot gewesen sein, so genau kann sich Allegra Huston nicht erinnern. Was sie noch weiß ist, dass jemand sie ins Londoner Claridge´s Hotel gefahren hat und dass sie dort auf einen großen Mann traf, der ziemlich einschüchternd auf sie gewirkt hat. Sein Name war John Huston. Sein Beruf: Film­regisseur, einer der ganz, ganz Großen.

„Es war sicherlich keine normale Situation", sagt Allegra Huston, als wir sie im Fünf-Sterne-Hotel Belmond La Residencia in Deià treffen, wo die Autorin einen Workshop gibt, bei dem man lernen kann, wie man seine Memoiren schreibt. Sie erinnert sich: „John Huston war groß, hatte eine tiefe Stimme, rauchte eine dicke Zigarre. In dem Zimmer, wo ich ihn das erste Mal traf, hing jeder an seinen Lippen. Er war ganz klar der König in diesem Raum. Jeder wäre da ein eingeschüchtert gewesen."

Allegra Huston hat über ihr Leben ein Buch geschrieben. „Love Child – A Memoir of ­Family Lost and Found" erschien 2009, auf Deutsch ist es bislang nicht übersetzt. Auch ihre berühmte Schwester, die Schauspielerin Anjelica Huston („Die Addams Family") taucht darin auf, vor allem aber geht es um ihre beiden Väter.

Der Unbeugsame

John Huston hatte sich 1941 als Regisseur von „The Maltese Falcon" („Die Spur des Falken") in Hollywood einen Namen gemacht. Während des Zweiten Weltkrieges ging er wie viele Filmemacher nach Europa, wo neben den blutigen Kämpfen auch eine Propaganda-Schlacht tobte. Dem US-Publikum sollte gezeigt werden, gegen welch barbarischen Feind man kämpfte.

John Huston allerdings machte seinen Job für den Geschmack einiger Generale zu gut. Sein Film um die Befreiung eines italienischen Dorfes „Die Schlacht um San Pietro" (1945) zeigte die Brutalität des Krieges so drastisch – obwohl die Szenen nachgestellt waren –, dass er zuerst nicht vorgeführt werden durfte. In „Let There Be Light" (Es werde Licht) von 1946 dokumentierte er, wie den vom ­Schrecken des Krieges gebrochenen Soldaten in einer Nervenheilanstalt geholfen werden sollte. Der Film wirkte so verstörend, dass das US-Verteidigungsministerium den Streifen bis in die 80er-Jahre unter Verschluss hielt. Sollte er jemals einen kriegsverherrlichenden Film drehen, sollte man ihn erschießen, soll John Huston einmal gesagt haben.

Das Leben als Tochter

„Er war ein Mann, der alles um sich herum in seinen Orbit gezogen hat", sagt Allegra Huston über ihren Stiefvater. Als ihre Welt mit dem Unfalltod ihrer Mutter Enrica Soma 1969 zerbrach, fand auch sie sich in diesem Orbit wieder.
Enrica Soma war John Hustons vierte Ehefrau, zusammen hatten sie die Kinder Anjelica und Walter Antony, kurz genannt Tony. Das Ehepaar lebte getrennt, Allegra wurde 1964 geboren, nachdem Enrica Soma eine Affäre mit dem Schriftsteller John Julius Norwich eingegangen war. „Über viele Jahre hatte ich keine Ahnung, dass ich nicht die leibliche Tochter von John war", sagt Allegra Huston.

Sie wuchs auf in Irland, Long Island, und Los Angeles. Um ihre Erziehung kümmerten sich Nannys, John Huston war nicht viel zu Hause. Er sei ein Vater der alten Schule gewesen, von dem es mal ein Küsschen oder eine Umarmung gegeben hatte, aber wirklich fürsorgliche Liebe habe sie nicht erfahren. Trotzdem sei er immer „das Zentrum meines
Universums gewesen".

Als sie zehn Jahre alt war, zogen Schulkinder sie damit auf, dass sie ein Adoptiv-Kind sei. Die Geschichte hatte ein Klatschblatt veröffentlicht. Celeste, John Hustons fünfte Frau, arrangierte daraufhin ein Treffen mit dem leiblichen Vater, was Allegra Huston damals als verstörend empfunden habe, obwohl sich John Julius Norwich viel Mühe gegeben habe. Von da an schrieb er ihr regelmäßig Briefe, ohne sich jedoch aufzudrängen.

Zurück nach London

Als sie 16 wurde, zog die gebürtige Londonerin zurück in ihre Heimatstadt zu ihrer Schwester Anjelica, die zu jener Zeit mit Jack Nicholson liiert war. ­Nicholson war in London, um „Shining" zu drehen. Ein lustiger Kerl, sagt
Allegra Huston. In ihrer Jugend habe sie mitgezittert, wenn er für einen Oscar nominiert war, heute habe man kaum noch Kontakt.

Sie nutzte ihre Zeit in London, um sich ein weiteres Mal mit ihrem leiblichen Vater zu treffen und lernte dessen Söhne Artemis und Jason Cooper kennen. Langsam spielte John Julius Norwich eine immer wichtigere Rolle in ihrem Leben. „Ich habe nicht nach einem neuen Vater gesucht. Aber in den Jahren sind wir uns sehr nahe­gekommen." Sie blieb in Großbritannien und begann, in Oxford Englisch zu studieren.

Nach ihrem Studium arbeitete sie einige Jahre für die Verlage Chatto & Windus und in leitender Funktion für Weidenfeld & Nicolson. „Ich half Schriftstellern dabei, ihre Bücher besser zu machen." Später machte sie sich als Autorin selbstständig und schrieb Drehbücher. Das Verhältnis zu John Huston schwächte mit der Zeit etwas ab, erst vor seinem Tod 1987 wurde es wieder etwas enger. Er litt in den letzten Lebensjahren unter einem Lungenemphysem, einer Folge des Kettenrauchens.

Allegra Huston zog nach New Mexico in die USA wo sie mit ihrem Lebensgefährten Cisco Guevara ihren Sohn Rafa bekam. Mit ihm ergriff sie die Chance, sich einen lang gehegten Lebenstraum zu erfüllen: Sie wollte ihre in alle Teile der Welt verstreute Familie endlich zusammenbringen. Die Taufe ihres Sohnes bot den willkommenen Anlass und am 8. Juni 2003 trafen sie sich alle in New Mexico – ein so einschneidendes wie schönes Erlebnis, dass sie beschloss, ihr erstes Buch zu schreiben. „Ich wusste von Anfang an, welches Ende es haben wird, nämlich die Taufe meines Sohnes", sagt sie. Nur mit dem Anfang habe sie lange gehadert. Und damit, überhaupt mit dem Schreiben eines Buches zu beginnen. „Wenn man Englisch studiert hat, sein ganzes Leben Texte redigiert und als Schreiber gearbeitet hat, wird man sehr kritisch. Nichts was man selbst schreibt, erscheint einem als gut genug." Mittlerweile hat sie auch ihren ersten Roman veröffentlicht; „Say My Name". Es geht darin um die Liebe einer älteren Frau zu einem jungen Mann, das Buch hat gute Kritiken bekommen.

Schreiben verbindet

Sie habe lernen müssen, alles beiseitezuschieben, was sie über das Schreiben wusste. Ihr Trick sei es gewesen, die Fakten zu sammeln und sie erst später zusammenzufügen. Aus vielen einzelnen Teilen wird ein großes Ganzes. Dabei sei es nicht so wichtig, wenn ein kleines Teil – oder eine kleine Erinnerung – nicht ganz genau passt. „Es geht darum, dass der Leser eine Verbindung zu seinem eigenen Leben herstellen kann." Das lehre sie auch in ihrem Kurs. Sie habe das aus ihrem eigenen Leben gelernt.

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