Sexualkunde auf Mallorca: Jung, wild und doch unendlich naiv

Aufklärung findet in den Schulen auf der Insel nur am Rande statt. Ein Arbeitskreis versucht dagegenzuhalten

13.01.2017 | 08:44
Vielen Insel-Youngstern ist das, was zwischen den Beinen passiert, ein großes Rätsel.

Die Jugendlichen auf den Balearen sind früher sexuell aktiv als ihre Altersgenossen in anderen spanischen Regionen. 15 Jahre sind sie im Schnitt beim ersten Sexualkontakt jung, wobei es sich nicht unbedingt um Geschlechtsverkehr handeln muss. Spanienweit liegt dieser Schnitt bei 16,5 Jahren. Das liegt laut den Experten zum einen am Tourismus auf den Balearen und den damit verbundenen vor allem nächtlichen Vergnügungen. In einem solchen Umfeld ereigneten sich Sexual­kontakte früher. Zudem gelten die Balearen lange nicht als so religiös wie andere spanische Regionen wie etwa Andalusien.

Die Zahlen stammen von einem Arbeitskreis der balearischen Gesundheitsbehörde, der sich seit dem Jahr 2010 schwerpunktmäßig mit der Vorbeugung gegen schwere Geschlechtskrankheiten wie Aids oder Syphilis beschäftigt. Dem Arbeitskreis entsprungen ist eine Kampagne namens „Sexo seguro y responsable" (sicherer und verantwortungsbewusster Sex), mit der in weiterführenden Schulen die sexuelle Aufklärung verbessert werden soll. Das, was zwischen den Beinen passiert, kommt traditionell eher punktuell und nebenbei im Biologie-Unterricht zur Sprache. Dann, wenn den Schülern erklärt wird, wie Kinder geboren werden. Oder bei gelegentlichen separaten Gesprächen zwischen Schülern und Lehrern.

Die Malaise an der Aufklärungsfront dürfte dazu beigetragen haben, dass im Jahr 2015 auf den Balearen 274 Abtreibungen von Mädchen unter 19 Jahren vorgenommen wurden. Laut einer Studie, die auf Ibiza unter Jugendlichen, die schon einmal Geschlechtsverkehr hatten, durchgeführt wurde, benutzten dabei 18 Prozent keine Verhütungsmittel. 27 Prozent hatten schon mal auf die „Pille danach" zurückgegriffen.

Rosa María Aranguren, die Chefin des Arbeitskreises, plädiert denn auch dafür, das Thema Se­xualität breitflächiger im Unterricht zur Sprache kommen zu lassen. Man müsse früher – schon in der Grundschule – damit beginnen. Es könne nicht angehen, dass Jugendliche sich – wie das nicht unüblich sei – Pornofilme anschauten und irrtümlicherweise glaubten, dass dies ein exaktes Abbild der Realität sei.

Deswegen machen die vier Expertinnen dieser Gruppe zunehmend Druck in den Schulen. Doch dort stoßen sie zuweilen noch auf den Widerstand von Lehrern, die Sexualkunde als nachrangig sehen. Einen gewissen Erfolg hatten sie bislang trotzdem: „7.656 Schüler haben wir seit 2011 ­inselweit mit ­unserer Kampagne in den Schulen erreichen können", so Rosa Aranguren. Keine allzu große Zahl bei mehr als 160.000 Schülern, aber immerhin. Vielen chavales – vor allem den jungen Männern – wurde bei der Gelegenheit auch klargemacht, dass der durch soziale Netzwerke in den vergangenen Jahren beförderte Drang, den jeweiligen Partner kontrollieren zu wollen, einem Übergriff gleichkomme.

Um mehr Heranwachsende zu erreichen, kooperieren die Frauen des Arbeitskreises auch mit der Stadt Palma. Die unterhält seit Jahren den Betreuungsdienst „Palmajove", mit deren Mitarbeitern Jugendliche sprechen können. Mitarbeiter dieses ­Dienstes begeben sich an strategisch wichtige Orte: So überreichen sie Youngstern in der Balearen-Universität UIB neuerdings jeweils mittwochs im Rahmen einer sogenannten „Sex-Consulta" Päckchen, die unter anderem Kondome und Gleitmittel enthalten.

„Noch stellen wir viel Schamgefühl fest", weiß die Psychologin und Sexual­wissenschaftlerin Ana María Madrid, die das Angebot koordiniert. Es kämen viele minderjährige Mädchen zu ihr, die von Verhütung nicht die Spur einer Ahnung hätten. „Viele wissen nicht, dass ein Antibiotikum die Pille unwirksam machen kann", sagt sie. Zudem gebe es noch immer Mädchen, die glauben, schwanger werden zu können, wenn sie in einem Pool schwimmen. Auch mache ihr Sorgen, dass immer mehr Insel-Jugendliche nicht mehr in der Lage seien, längere Beziehungen durchzuhalten. „Alles ist so schnell und vergänglich geworden", moniert Ana María Madrid.

Die auf den Balearen festgestellten Tendenzen ähneln denen in Katalonien. Laut einer jüngst vorgestellten Untersuchung namens „Sida Estudi" unter 450 Heranwachsenden hatte dort ein Viertel der Jugendlichen bereits mit 14 Jahren den ersten Geschlechtskontakt. Auch dort beobachten die Experten große Aufklärungs-Defizite. Wenn sich mal ein Spezialist in einer Schule mit Jugendlichen unterhält, seien diese – obwohl fast völlig grün hinter den Ohren – nicht selten genervt, zitiert die Zeitung „El País" David Paricio, der an der Erstellung der „Sida Estudi" mitgearbeitet hat. „Die denken nur: Jetzt kommen die mit den Kondomen."

Wo wenig aufgeklärt wird, klären sich viele selbst auf. Mittlerweile spielt hier das Internet eine große Rolle. 23 Prozent der Mädchen und sogar 76 Prozent der Jungen sind laut „Sida Estudi" inzwischen im Netz unterwegs, um sich selbst aufzuklären. Irgendwie muss man ja an Informationen kommen.

Palmajove. C/. Sant Pere, 6, Palma. Tel.: 971-72 55 01, Internet: www.palmajove.es

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