Galerist Ferran Cano über Zensur in Spanien: "Kunst muss Regeln brechen"

19.03.2009 | 01:00
Galerist Ferran Cano: Drohungen von Neonazis.
Galerist Ferran Cano: Drohungen von Neonazis.

Wie stand und steht es um das Thema Zensur in Spanien? Anlässlich der Mapplethorpe-Ausstellung sprach die MZ mit Galerist Ferran Cano. Mapplethorpes Fotos wurden von der Polizei konfisziert, der Direktor eines Kunstzentrums vor den Richter gezerrt.

Sie sind seit 1973 Galerist, waren also schon zu Francos Zeiten in der Kunstszene tätig. Welcher Art von Zensur waren Sie ausgesetzt?

Es war eine offizielle Zensur, ausgeübt von einem eigenen Beamtenapparat. Als Galerist war ich dieser behördlichen Kontrolle von Anfang an ausgesetzt. Als wir zum Beispiel eine Dichterlesung mit heiklen Inhalten veranstalteten, kam sofort die Order, dass ich in meiner Galerie ab sofort nur Kunstwerke zeigen, aber keinerlei Lesungen durchführen durfte.

Beschränkte sich die Zensur nur auf politische Inhalte?

Keineswegs. Wer den ?Playboy´ kaufen wollte, musste nach Frankreich fahren und riskieren, dass ihm die Zeitschrift bei der Grenzkontrolle abgenommen wurde. Und bei der Synchronisierung des Films ?Mogambo´, in dem es ja zum Ehebruch kommt, machten die spanischen Zensoren aus dem Ehemann, der von Grace Kelly gespielten Figur, den Bruder, weil man dem Publikum eine so unmoralische Geschichte nicht zumuten wollte. Das Ergebnis war lustigerweise noch viel unmoralischer, nämlich Inzest.

Die Situation änderte sich mit Francos Tod entscheidend.

Zensur gab und gibt es weiterhin, aber sie ist unklarer, schwerer zu fassen. In den ersten Jahren der Demokratie stellte eine Künstlergruppe eine Landkarte Mallorcas aus, auf der mit gebrauchten Kondomen Autobahnen dargestellt waren. Das fand in einem Lokal statt, in dem die Kirche das Sagen hatte. Die Veranstaltung wurde verboten. Ich holte die Ausstellung in meine Galerie und rechnete fest damit, dass sie untersagt würde, was mir im Grunde gelegen gekommen wäre, denn ich wollte ohnehin Urlaub machen und den Laden eine Weile schließen. Aber das Verbot kam nicht, und zwar nur, weil meine Galerie nicht in den Einflussbereich der Kirche fiel. Das heißt: Hier ist immer viel Heuchelei im Spiel.

Wurde während der Demokratie schon einmal Druck auf Sie ausgeübt?

Mehr als einmal. Auf der Kunstmesse Arco 2007 stellte ich eine winzige Skulptur aus, auf der Jesus am Kreuz zu sehen war, der mit einer Rakete auf Plastikfiguren von Nazisoldaten zielte. Der Direktor der Messegesellschaft, ein Mitglied von Opus Dei, kam mit einem Leibwächter zu meinem Stand und machte mir unmissverständlich klar, dass ihm das zu weit ging. Ich entfernte die Skulptur natürlich nicht. Bei der Arco 2009 war ich nicht mehr eingeladen. Mir fällt es schwer, keinen Zusammenhang zu sehen.

Fühlten Sie sich jemals bedroht?

Bei einer Kunstmesse in Frankfurt installierte ich eine Gasdusche, unter der die Besucher beim Betreten meines Standes durchgehen mussten - eine klare Metapher auf die Gaskammern. Das Kunstwerk wurde als dermaßen provokant empfunden, dass die Messeleitung einen Bewacher davorstellte. Aber das Absurde war: Wir wurden nicht nur von Neonazis bedroht, sondern auch vom Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Frankfurt aufgefordert, das Werk zu entfernen und einen Entschuldigungsbrief zu schreiben. Ich schrieb dann auch einen Brief, allerdings kritisierte ich darin, wie die Israelis mit den Palästinensern umgehen.

Wie weit kann und soll Kunst gehen?

Kunst muss Grenzen überschreiten, muss Regeln brechen, muss für die Gesellschaft neue Freiräume öffnen und den faktischen Mächten auf die Füße treten. Schön allein reicht nicht.

In der Printausgabe lesen Sie außerdem

- ?Das langweilt nicht": Camargo in der Galerie Mar Gaita

- Reise durch die Welt der Körper: Robert Mapplethorpe im Es Baluard

- Das endlose ?Waiting for Waits": Konzertreihe geht weiter

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