CCA Andratx: Mal eben eine Farbe erfunden

Holger Schmidhuber verfremdet alte Perserteppiche zu Kunstwerken. Damit das klappt, musste er zuvor viel experimentieren

16.05.2016 | 10:56
„Schau mal, da passiert nix": Holger Schmidhuber auf einem seiner Werke.
„Schau mal, da passiert nix": Holger Schmidhuber auf einem seiner Werke.

Es gibt sie, diese Hemmschwelle. Dinge, die man nicht macht, auch wenn es eigentlich kein Problem wäre, über diese ungeschriebenen Regeln hinwegzusehen. Zum Beispiel: Auf einen Teppich, der im Raum liegt, tritt man ungern mit Straßenschuhen. Erst recht, wenn dieser Teppich nicht nur ein Teppich ist, sondern ein Kunstwerk. „Ihr könnt ruhig drauftreten", sagt Holger Schmidhuber lachend, als er sieht wie seine Gäste mühsam um die Teppiche herumgehen, die in seinem temporären Atelier im Kunstzentrum CCA in Andratx liegen. Alte Perserteppiche sind das, ein bisschen abgenutzt vielleicht, aber handgeknüpft und immer noch sehr wertvoll.

Der 45-Jährige hat sich an den Teppichen vergangen. Er hat sie ausgebleicht, eingefärbt. Er hat Botschaften darauf geschrieben und sie mit Farbe bespritzt. Und daraus riesige Kunstwerke geschaffen. Doch das war gar nicht so einfach.

Denn eine Farbe, die sich gegen die kunstvollen Muster durchsetzt, die den Teppich nicht verhärtet und die nicht abbröselt, wenn man ihn einrollt, musste erst noch erfunden werden. „Meine Frau hat gesagt, das kannst du vergessen", sagt Schmidhuber. Ein halbes Jahr habe er experimentiert, bis er auf Basis von Acrylfarben die richtige Mischung ermittelt hatte.

„Schau mal, da passiert nix", sagt Schmidhuber und reibt mit der Sohle seiner Sneaker über den orangen Farbklecks auf dem roten Teppich. Natürlich könnte er versuchen, die Farbmischung patentieren zu lassen. Aber das ist ihm zu anstrengend. „Wenn das einer kopieren will, soll er das ruhig machen."

Auf den roten Teppich hat er „Learning" (Lernend) geschrieben. Die Wörter und Satzfragmente, die auf den Arbeiten stehen, stammen aus alten Notizen, aus Tagebüchern oder auch aus Songtexten, die der Künstler aus dem baden-württembergischen Bad Mergentheim in seiner Jugend als Schlagzeuger von Rockbands verfasst hat. „You Are Not There" (Du bist nicht da) steht auf einem großen grünen Teppich, der an der Wand hängt. „Tell Me I´m The Only One" (Sag mir, ich sei der Einzige) auf einem anderen.

„Ich spiele mit der Erinnerung. Auf zwei Ebenen. Zum einen ist es die Rückbesinnung. Zum anderen die Frage, welche Bedeutung diese Erinnerungen haben. Wann habe ich etwa ´Tell Me I´m The Only One´ geschrieben? Warum habe ich das geschrieben? Wie sehe ich das heute?"
Eine fast nostalgische Komponente haben auch die Arbeiten auf Papier, die er vor drei Jahren bei seiner ersten Residenz im CCA schuf. Sie wirken wie verblasste Landschaftsbilder. Aus jener Zeit stammt auch der Text „I Forgot The Darkness", der auf einem anderen Teppich steht. „Es war eine turbulente Zeit in meinem Leben."

Seine Arbeit bestünde aus drei Elementen. „Das Konzeptionelle mit der Typografie. Das Ursprungsmaterial mit seiner Machart. Und schließlich der malerische Akt. Dieser ist sehr impulsiv. Es ist die einzige Chance, diese Ebenen zu verbinden." Er habe am Anfang versucht, auf den Teppichen figurativ zu malen, aber das habe nicht funktioniert.

Die Perserteppiche hat er nach Mallorca mitgebracht. Viel zu lange dauert der Prozess, die richtigen Händler und Stücke zu finden, die alle Unikate sind. „Auch die Einfärbung habe ich bereits in Deutschland in Auftrag gegeben." Die Zeit im CCA sei somit für ihn extrem produktiv gewesen. „Ich habe ganze Nächte durchgearbeitet."

Es ist nicht das erste Mal, dass Schmidhuber wertvolle Sachen durch seine Kunst verfremdet. Vor ein paar Jahren besprühte er
Louis-Vuitton-Taschen mit Sprüchen, etwa „Fear Is Energy" (Angst ist Energie). „Es war spannend zu sehen, wie man beobachtet wird, wenn man mit so einer Tasche herumläuft", erzählt Helga, Schmidhubers Frau, ebenfalls eine Künstlerin.

Ob die Teppiche – sie kosten ab 6.000 Euro – bei Sammlern auf dem Boden liegen bleiben oder an der Wand hängen, ist dem Künstler gleichgültig. „Es hat aber einen ganz anderen Effekt", sagt er und zeigt auf seinem iPad Fotos von Teppichen neben einem Pool oder in einem Wohnzimmer. „Eigentlich mag ich es am liebsten, wenn sie in einen Kontext eingebettet werden."

Auf Mallorca wird man die Ergebnisse der Arbeit, die Schmidhuber „Carpets Of The Forgotten" („Teppiche des Vergessenen") genannt hat, vorerst nicht sehen können. Zunächst werden sie im Museum Wiesbaden gezeigt, der Stadt, wo das Ehepaar Schmidhuber seine Ateliers hat. Die Ausstellung ist für Februar 2017 geplant. Da werden die Teppiche übrigens auf dem Boden liegen. Denn irgendwie gehören sie dahin. Auch wenn es Kunstwerke sind.

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