26. September 2020
26.09.2020
Mallorca Zeitung

Im Callcenter auf Mallorca gibt es auch in größter Not einen Job

Während große Teile der Wirtschaft auf der Insel leiden, boomt das Geschäft am Hörer. Für viele Deutsche ist es eine Chance, in der Krise doch noch Arbeit zu finden. Doch diese hat es in sich

26.09.2020 | 01:00
Nur die halbe Belegschaft von Gevekom arbeitet noch im Büro.

Der Arbeitsmarkt auf Mallorca ist derzeit ein hart umkämpftes Pflaster. Wer sich auf Schwarzen Brettern im Internet umschaut, findet fast immer wieder die selben Suchanfragen: Suche eine Anstellung als Babysitter, Lieferbote – egal was, Hauptsache Arbeit. Die Ansprüche sind stark gesunken. Die Antworten fallen meist in Form von skurrilen Firmen und Jobangeboten aus, nicht selten sind da wohl Betrüger am Werk. Für Deutsche gibt es aber immer noch eine Möglichkeit. Die Callcenter-Branche boomt auf der Insel weiter. Im Prinzip jeder, der fließend Deutsch spricht, kann dort eine Arbeit finden.

Der tanzende Panda in der Werbung von Avedo erinnert an den Straßenkünstler, der sonst die Urlauber in seinem riesigen Kostüm an den zentralen Plätzen Palmas unterhält. Sein Pendant im Internet bietet Jobs bei dem früher CCES24 genannten Callcenter an. Mit einem „fairen Gehalt, sicheren und saison­unabhängigen Einkommen" wirbt die Firma der Ströer-Gruppe aus Leipzig. Zudem gibt es eine „kostenlose private Krankenzusatzversicherung" sowie ein „tolles Team bei sehr guter ­Arbeitsatmosphäre". Neben deutschen Mit­arbeitern sucht das Unternehmen auch nach Holländern, Finnen, Schweden und Dänen.

Betreuung des Online-Handels

Avedo selbst antwortet auf mehrfache MZ-Anfragen nicht. Gesprächsbereiter zeigt man sich bei der Konkurrenz. „Ich würde uns nicht als Gewinner der Krise bezeichnen. Das passt nicht zur schwierigen Situation. Wir wachsen allerdings sehr auf Mallorca", sagt Roman Molch, Inhaber der Gevekom, einer Abkürzung für „Gemeinsam verkaufen und kommunizieren". Das Unternehmen hat sein Callcenter auf der Insel – genau wie Avedo – in Palmas Gewerbegebiet Son Castelló. Hauptsächlich arbeitet ­Gevekom für die Online-Versandanbieter ­Zalando und Thalia. Da das Online-Shoppen während der Pandemie stark zugenommen hat, steigt auch der Arbeitsumfang des Callcenters. „Es gibt immer mehr Leute, die nun ­ihren Einkauf lieber am Telefon bestellen", sagt Molch.

Nicht nur das Angebot der Jobs nimmt zu, auch die Nachfrage. „Es gehen deutlich mehr Bewerbungen ein als üblich. Normalerweise ist das Interesse, wenn die Hauptsaison im Tourismus läuft, geringer. Derzeit haben wir aber eine permanent hohe Anzahl an Bewerbungen", sagt Roman Molch. „Wir werden dieses Jahr in Palma noch mindestens 50 weitere Mitarbeiter einstellen."

Teils sind es die Angestellten von Restaurants, Cafés und Bars, die ihrem eigentlichen Job nicht nachgehen können und sich nun eine Alternative suchen. Sie seien gut für das Callcenter geeignet, meint Roman Molch. „Schließlich bringen sie das Service-Gen und die Kommunikationsfähigkeiten mit, die in der Gastro-Branche üblich sind." Bewerber müssen nicht lange bangen, ob sie zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden. „Wir lehnen nicht viele ab. Die Eintrittshürden sind nicht so hoch wie in anderen Berufen, wie bei einem Koch beispielsweise. Auf der anderen Seite melden sich aber auch nur Bewerber, die sich den Job zutrauen."

Coronabedingt arbeitet die Hälfte der etwa 100 Mitarbeiter großen Belegschaft von zu Hause aus. „Die Arbeitsplätze im Büro mussten wir ausbauen, damit der Sicherheitsabstand eingehalten werden kann. Dadurch war es notwendig, dass wir neue Räume anmieten", so Roman Molch.

Antworten und Anrufen

Die Arbeit teilt sich auf in Anrufe, Chats und E-Mails. Callcenter unterscheiden zwischen Inbound, wo die Kunden anrufen, und Outbound, wo die Mitarbeiter Telefonlisten ab­telefonieren und meist versuchen, Produkte zu verkaufen. Verständlicherweise ist Letzteres schwieriger. „Outbound gibt es bei uns nur noch selten", sagt Roman Molch. Die Arbeitsatmosphäre, die früher bei Callcentern oft kritisch betrachtet wurde, sei gut. „Wir sind kein Massen-Callcenter. Wir haben ein freundliches Miteinander. Ich lade jeden Interessenten ein, sich selbst vor Ort ein Bild zu machen und mit unseren Mitarbeitern zu sprechen."

Bei Kununu, einer großen europaweiten Arbeitgeber-Bewertungsplattform, sind 16 der 198 Bewertungen zur Gevekom von Mitarbeitern in Palma. 15 haben das Callcenter mit der Höchstbewertung „sehr gut", einer mit „gut" bewertet. Kritik gibt es keine.

Es liege auch nicht an der Firma, sondern am Job an sich, warum sie die Arbeit nicht mag, meint Sybille Kohl (Name von der Redaktion geändert). „Die Bedingungen sind besser als in anderen Callcentern. Das Gehalt kommt pünktlich, alle sind voll nett und die Mitarbeiter werden technisch toll ausgestattet. Es ist aber dennoch ein bescheidener Job." Sie selbst ist gelernte Kunsthandwerkerin, findet in ihrer Branche in Spanien aber keine Anstellung. „Ich habe nur den Schulabschluss. Wenn ich nicht Deutsche wäre, würde ich wohl hier gar keine Arbeit bekommen."

Fast alle Mitarbeiter seien Quereinsteiger. „Ich arbeite mit einem Koch, einer Fremd­sprachenlehrerin und einem Buchhalter zusammen. Die Leute, die hier angestellt sind, brauchen oft schnell Geld, wollen aber ansonsten gar nicht im Callcenter arbeiten. Im ­Vergleich zu anderen Branchen gibt es hier immerhin ein ordentliches Gehalt." 1.271 Euro brutto verdiente ein Neueinsteiger 2019.

Unter Druck

Sybille Kohl hatte zuvor in zwei Callcentern in Madrid gearbeitet, ist dann auf die Insel zurückgekehrt und hat im Mai bei Gevekom angefangen. „Es war ein Glücksfall, während des Lockdowns Arbeit zu finden." 39 Stunden die Woche arbeitet sie. Die Deutsche kümmert sich ausschließlich um Anfragen, die per Chat oder E-Mail reinkommen. „Ich lese lieber drei Mal einen Text, statt die ganze Zeit am Hörer zu hängen. Aber das ist Geschmackssache." Es herrscht Zeitdruck. „Eine Anfrage darf nicht länger als 30 Sekunden ohne Antwort bleiben."

Die Anfragen oder Anrufe werden automatisch zu den Mitarbeitern geleitet. Pro Stunde bekommen diese fünf Minuten Bildschirmpause. „Die Augen trocknen nach einem langen Arbeitstag aus. Einige Kollegen haben sich mit Augentropfen ausgestattet. Zudem ist der ständige Kundenkontakt eine enorme mentale Belastung." Nicht jeder hält dem stand. „Alle zwei Wochen kommen 20 neue Mitarbeiter. Im gleichen Rhythmus gehen die Leute." Auch Sybille Kohl plant bereits zu kündigen. Doch mit anderen Arbeitsplätzen sieht es mau aus. „Als Kunsthandwerkerin kann ich nur aus Liebe zur Kunst arbeiten."

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