22. August 2018
22.08.2018

Zwangs-WG auf Mallorca?

Auf der Insel wohnen viele Erwachsene noch bei ihren Eltern. Zu welchem Preis?

22.08.2018 | 01:00
Im Film "Tanguy - Der Nesthocker" schiebt ein 28-Jähriger seinen Auszug immer wieder auf.

Freunden und Bekannten gegenüber lächelt Edith Guetz, doch in ihr brodelt es. Nur schwer erträgt sie es, noch länger mit ihrem 28 Jahre alten Sohn Tanguy unter einem Dach zu leben. Schließlich ist er längst erwachsen und sollte, wenn es nach ihr geht, schon seit einigen Jahren auf eigenen Beinen stehen. Weil die völlig überforderte Mutter Tanguy gegenüber aber auch ein schlechtes Gewissen hat, macht sie eine Therapie. Auch Ediths Mann Paul zählt die Tage rückwärts, bis Tanguy endlich das heimische Nest verlässt, und wird erfinderisch, um ihm das Leben zu Hause schwer zu machen.

In dem französischen Film „Tanguy – Der Nesthocker" aus dem Jahr 2001 erlebt die Familie Guetz eine Situation, die in Spanien alltäglich ist, vermutlich aber ohne ein solches Drama abläuft: Während man in Deutschland oft mit dem Beginn eines Studiums das Hotel „Mama und Papa" verlässt, wohnt die Mehrheit der jungen Spanier häufig noch bis in die späten Zwanziger zu Hause. Wie bequem lebt es sich in der „Zwangs-WG" mit den Eltern? Hindern wirklich nur die hohen Mietpreisen die längst Erwachsenen am Ausziehen und welche Auswirkungen hat der verspätete Wegzug auf die eigene Persönlichkeit? Fünf Mallorquiner erzählen.

TEURE MIETEN
Fragt man die erwachsenen Inselbewohner danach, warum sie trotz abgeschlossenem Studium oder beendeter Ausbildung noch oder wieder bei ihren Eltern wohnen, argumentieren sie oft erst einmal mit den hohen Mieten. „Ich habe vor einiger Zeit mal geschaut, ob es in Palma gute Wohnungsangebote gibt, aber die Mieten sind einfach zu teuer. Mallorca ist so eine kleine Insel. Warum sollte ich Geld ausgeben, wenn meine Eltern nur 20 Minuten von meinem Arbeitsplatz entfernt ein Haus haben?", erzählt etwa die 23-jährige Margalida Fullana, die mit ihren Eltern und ihrem Bruder in Llucmajor lebt und bei der Nachrichtenagentur Efe in Palma arbeitet.

Zugleich sind die Gehälter niedrig. Obwohl Marta Busquets schon arbeitet, seit sie 18 Jahre ist und teilweise drei Jobs gleichzeitig hatte, kann die 25-Jährige es sich momentan nicht leisten, auszuziehen. „Als junge Anwältin dauert es eine Weile, bis man sich einen Ruf aufgebaut hat. Bis dahin verdient man sehr wenig, wenn man nicht die ,Tochter von' ist", erzählt sie. Daher wohnt auch sie mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester in Pòrtol, einem Ortsteil von Marratxí. „Vielleicht würde mein Gehalt gerade so für die Miete einer alten Wohnung außerhalb Palmas reichen. Zum Leben hätte ich dann aber kein Geld mehr – ich möchte mir ja auch mal etwas gönnen und nicht den ganzen Monat lang nur gekochten Reis essen."

Für die, die auf der Insel studieren können, scheint es selbstverständlich, währenddessen und oft auch danach bei den Eltern wohnen zu bleiben. „Meine Schwester durfte nach Barcelona ziehen, weil es ihr Studienfach hier nicht gab", erzählt Marina Hernández aus Costa de la Calma. Sie möchte es schaffen, mit eigenen Mitteln auszuziehen. Noch sieht die 23-Jährige keinen Sinn in diesem Schritt, denn ihre Eltern müssten viel Geld für eine Unterkunft beisteuern. Also spart sie lieber. „Einen großen Teil meines Lohns zu investieren, nur um zur Miete zu wohnen, halte ich generell nicht für sinnvoll, denn das Geld sehe ich nie wieder. Etwas anderes wäre es, wenn ich eine Wohnung kaufen könnte", so Hernández.

DAS ERSPARTE INVESTIEREN
Lange gespart und kürzlich endlich investiert hat Manuel Cabó. Auf größere Reisen musste der 26-Jährige in den vergangenen Jahren allerdings verzichten, um sich nun die lang ersehnte erste eigene Wohnung in Palma kaufen zu können. Durch einen festen, gut bezahlten Job und dadurch, dass er in den vergangenen Jahren in seinem Elternhaus keine Miete zahlen musste, hat er das nötige Geld nun beisammen. Darauf ist er stolz.

Auch dem 29-jährigen Carlos Munar aus Palma bot sich vergangenen November eine gute Möglichkeit, sein zuvor durch Anteile an einem Restaurant in Madrid gewonnenes Geld zusammen mit seiner Freundin Mirjam De Boer in den Kauf einer Wohnung in Cala Major zu investieren. Auch er ist sichtlich erleichtert, dass die Wohngemeinschaft mit seinen Eltern in deren Haus in Sa Vileta in Palma ab kommender Woche Geschichte sein wird.

FLUCHT INS AUSLAND
Wer immer bei seinen Eltern gewohnt hat, weiß nicht, wie es ist, allein zu wohnen. Von den fünf Gesprächspartnern waren alle schon als Au-pair, Erasmus-Student oder jobbedingt zeitweise außer Haus – Marta Busquets knapp ein halbes Jahr, Margalida fast ein ganzes, Marina insgesamt eineinhalb Jahre. Manuel Cabós Mutter lebte, seit er 15 war, bis zu sechs Monate im Jahr bei Manuels Vater in der Dominikanischen Republik, während er allein in Palma blieb. Carlos Munar war neun Jahre außer Haus und schon mit 14 auf einem Internat in Irland. Wie fühlt es sich an, nach so
viel Selbstständigkeit wieder bei den Eltern einzuziehen?

„Nach acht Monaten Erasmus in Tübingen habe ich mich anfangs unfrei gefühlt. Ich hatte es sehr genossen, allein zu leben. Dadurch, dass ich viel mehr Verantwortung hatte, haben sich einige Denkweisen verändert", berichtet Margalida Fullana. Auch Marta Busquets erinnert sich noch daran, dass sich der Wiedereinzug nach einer sehr intensiven Zeit als Studentin in Deutschland erst einmal wie ein Rückschritt angefühlt hat. Es bedurfte einiger Wochen, bis sich die jungen Frauen wieder an das Zusammenleben mit den Eltern gewöhnt hatten.

Bei Manuel Cabó war es besonders hart, da er einige Monate des Jahres allein im Familienhaus gewohnt hat und seine Mutter immer mal wieder kam. „Als ich allein war, habe ich das ganze Haus für mich genutzt, meine Schlüssel auf dem Tisch liegen gelassen, meine Sportsachen auf dem Sofa ausgebreitet. Auf einmal musste ich mich wieder so verhalten, wie meine Mutter es wollte. Es ist ihr Haus, das heißt, sie bestimmt", erzählt der 26-Jährige. „Natürlich streitet man sich da manchmal mit seinen Eltern", gibt auch Margalida Fullana zu. In ihrem Fall „mal eben fünf Minuten", danach sei alles wieder in Ordnung.

Bei Carlos Munar war das schon seit Längerem schlechte Verhältnis zu seiner Mutter einer der Hauptgründe für den Auszug. „Auch sie selbst wollte, dass ich möglichst schnell ausziehe. Mit meinem Vater lief es hingegen gut. Deswegen bin ich traurig, dass wir bald nicht mehr zusammen wohnen und er sich nun allein um meine kranke Mutter kümmern muss", so der Architekt.

TSCHÜSS PRIVATSPHÄRE
Auch für seine Freundin war es etwas unangenehm, längere Zeit bei den „Schwiegereltern" zu leben. „Wenn es nicht die eigenen Möbel sind, legt man seine Füße nicht einfach so bequem aufs Sofa", berichtet Mirjam De Boer. Über acht Monate lang hat sie mit Munar und seinen Eltern in einer Wohnung gewohnt.

Wenn Marina Hernández' Freund aus Deutschland zu Besuch ist, ziehen die beiden oft in das sich im Familienhaus befindende Gästeapartment um, um ungestörter zu sein. „Dass die Eltern nebenan sind, wenn der Freund zu Besuch ist, killt einfach die Stimmung", stimmt ihr auch Marta Busquets zu. Häufig, so Marina Hernández, gehe man in
ihrem Freundeskreis den Schritt in die Unabhängigkeit, indem man mit seinem Partner zusammenzieht.

Wohl die wenigsten mallorquinischen Eltern reagieren so wie die von Tanguy und schmeißen ihre Kinder nahezu raus. Eher wünschen sie sich wie Maria Antònia Cànaves, die Mutter von Margalida Fullana, für sich selbst und vor allem ihre „Kinder" , dass der große Tag, wenn die Umstände passen, von allein kommt: „Wenn Margalida auszieht, werde ich kein Trauma davontragen. Ich hoffe natürlich trotzdem, dass sie uns oft zu Hause besucht."

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