07. Oktober 2020
07.10.2020
Mallorca Zeitung

Social Distancing - für echte Mallorquiner besonders schwer

Für Mallorquiner hat Verwandtschaft oft einen ganz anderen Stellenwert als für Nord- oder Mitteleuropäer. Um die Corona-Auflagen zu beachten, müssen viele besonders große Opfer bringen. Eine Familie aus Sencelles gewährt Einblicke in ihren neuen Alltag zu Corona-Zeiten

07.10.2020 | 01:00
Ein eingespieltes Team: Opa Gabriel Cerdà, Mutter Joana Cerdà, Sohn Toni, Vater Tomeu Ferrer und Tochter Maria

Wenn die Familie Ferrer Cerdà zusammenkommt – und das geschieht oft – dann wird an dem großen Holztisch auf der einladenden Terrasse in Sencelles auf Mallorca zusammengerückt. Großeltern, Tanten, Onkels und Cousins treffen sich regelmäßig. „Wir sind dann gut und gern 20 Personen", sagt Mutter Joana Cerdà. Ob zu den mallorca-typischen Schlachtfesten matances, zu Geburtstagen, Dorffeiern, Namenstagen oder einfach nur so.

„Eigentlich finden wir immer einen Grund, um uns zu treffen", sagt Vater Tomeu Ferrer mit einem Augenzwinkern. Der generationsübergreifende Familienzusammenhalt, den viele Deutsche oft nur noch aus Vorkriegserzählungen kennen, ist auf Mallorca noch weit verbreitet – oder besser gesagt: war es bis zum Ausbruch der Pandemie im Frühjahr. Seitdem ist der Alltag im Hause Ferrer Cerdà grundlegend auf den Kopf gestellt. Social Distancing und Personenbeschränkungen bei privaten Zusammenkünften treffen die traditionsbewussten Insulaner umso härter. Vor allem wenn man sich, wie Familie Ferrer Cerdà, gewissenhaft an alle Hygieneauflagen hält.

Der 13-jährige Toni, jüngster Spross der Familie, rutscht ungeduldig auf seinem Stuhl herum. Nicht, dass er die Gegenwart seiner Familie nicht genießt – die zärtlichen Gesten, mit denen er seinen Eltern begegnet, machen deutlich, wie eng der Zusammenhalt ist. Und immerhin war es Toni, der mit acht Jahren verkündete, er wolle im Garten ein Haus bauen, um immer ganz nah bei seinen Eltern wohnen zu können. Mittlerweile kann er sich zwar vorstellen, einmal woanders zu leben. „Aber es sollte schon in der Gegend des Pla sein. In Sineu, oder Inca vielleicht. Dann kann ich schnell immer wieder alle treffen", sagt er. Die deutsche Journalistin, die unaufhörlich Fragen stellt, über etwas, das für ihn selbstverständlich ist, scheint Toni auf Dauer dann doch zu langweilen. Auch wenn er das seiner guten Erziehung geschuldet nicht offen zugeben würde.

Seine Schwester Maria (14) dagegen hat keine Eile, sich der Situation zu entziehen. Sie scheint sich wohlzufühlen auf ihrem Stuhl neben ihrem Großvater mütterlicherseits, Gabriel Cerdà. Und stolz, Einblicke in das Familienleben geben zu können. „Ich war schon mehrmals im Ausland, für Sprachkurse und Schüleraustausch. Und ich kann mir gut vorstellen, einmal in Großbritannien, Irland oder den USA zu leben", sagt sie. Für ein paar Jahre zumindest. „Aber irgendwann will ich zurück nach Sencelles kommen und meine Familie so aufziehen, wie ich es selbst erlebt habe."

Ihre Cousins und Cousinen gehören zu ihren engsten Freunden, und an ihrer Großmutter väterlicherseits hängt sie besonders. Von ihr hat sie das Weben gelernt. Die 14-Jährige lauscht gern ihren Geschichten von früher, als Mallorca noch eine ganz andere Welt zu sein schien. „Sie wohnt nicht weit von hier. Ich besuche sie mehrmals die Woche", erzählt Maria – auch weil man dort immer jemanden aus der Familie antreffe. Ihre Schutzmaske behält sie dann stets auf, auch Umarmungen mit der Oma sind nach wie vor tabu. „Aber wenigstens kann ich sie wieder sehen. Während der Ausgangssperre habe ich sie sehr vermisst."

Marias Mutter Joana lächelt nachdenklich. Die 42-Jährige betreibt den Blumenladen „Tinons Floral Designer" in einem Teil des Wohnhauses. Während des Lockdowns berichtet sie, sei der Laden natürlich geschlossen gewesen. „Niemand außer meinem Mann hat in dieser Zeit das Haus verlassen." Zwar habe man es sich mit der Kernfamilie trotzdem nett gemacht. Vater Tomeu, der vor gut drei Jahren seinen Job als Angestellter bei einer Kaffeefirma aufgab, um den landwirtschaftlichen Betrieb seines verstorbenen Vaters zu übernehmen, habe zwei kleine Lämmer mitgebracht, die die Kinder mit der Flasche aufzogen. Auch Sport im Garten habe die Familie über die schweren Wochen gebracht. „Aber alle anderen Verwandten nicht zu sehen, obwohl sie so nah bei uns wohnen, war hart", sagt Joana. „Vielleicht wissen wir jetzt noch mehr zu schätzen, was wir vorher für allzu selbstverständlich gehalten haben", bemerkt Vater Tomeu.

Sein Schwiegervater Gabriel Cerdà nickt. Der 76-Jährige wohnt bei einer seiner anderen Töchter, ist aber extra die paar Hundert Meter durchs Dorf gegangen, um beim nachmittäglichen MZ-Interview dabei zu sein. Dabei hatten sich alle erst wenige Stunden zuvor gesehen. „Freitags koche ich immer für die Familie. Entweder Nudeln oder Paella", sagt er. Der Rentner, der eine Mandelbaumplantage am Dorfrand betreibt und mittlerweile verwitwet ist, stammt ursprünglich aus Randa, heiratete aber eine Frau aus Sencelles. „Meinen Bruder in Randa habe ich wegen der Pandemie seit einem halben Jahr nicht gesehen, dabei haben wir uns sonst jeden Monat getroffen", sagt
Cerdà. Nun telefoniere man mehrmals die Woche. „Aber ist nicht dasselbe."

Überhaupt vermisse er vieles, was früher üblich war, schon seit Jahren. „Der Zusammenhalt der Generationen geht verloren. Ich habe in meiner Familie Glück, aber mir scheint es, als sei das nicht mehr so normal wie zu meiner Jugend." Sein Schwiegersohn Tomeu nickt zustimmend. „Meine Generation wird im Alter vermutlich schon nicht mehr so viel Glück haben. Die Zeiten ändern sich. Und machen wir uns nichts vor: Vermutlich werden wir irgendwann mal in einem Seniorenheim enden, statt bei unseren Kindern wohnen zu können", sagt er ohne Bitterkeit und wirft seiner Frau Joana einen sanften Blick zu. „Nein, ganz sicher nicht", protestiert Tochter Maria nachdrücklich. Ihr Vater lächelt mild, aber zweifelnd.

„Wir unterstützen es sehr, dass unsere Kinder etwas von der Welt sehen, dass sie auch mal aus dem geborgenen Nest herauskommen", sagt Mutter Joana. Gelegentliche Auslandsaufenthalte seien wichtig, um den Horizont zu erweitern. Dass auf der anderen Seite die mallorquinischen Traditionen im Hause Ferrer Cerdà gelebt würden, sei selbstverständlich. Tochter Maria übernimmt seit drei Jahren den traditionellen Sibyllen-Gesang während der Weihnachtsmesse im Dorf, Sohn Toni ist bei Dorffeiern mit den caparrots, den Schwellköpfen, unterwegs. Und beim heimischen Kochen kommen vor allem jene Zutaten auf den Tisch, die gerade auf Mallorca Saison haben. Auch wenn Joana typisch-mallorquinische Gerichte manchmal abwandele und vegetarisch oder kalorienarm gestalte. „Wir gehen ja mit der Zeit." So auch bei der Organisation des Haushalts. „Hier packen alle mit an, die Aufgaben sind klar verteilt. Zur besseren Koordination haben wir dafür eine WhatsApp-Gruppe."

So leicht der Familie Ferrer Cerdà die Balance zwischen Tradition und Moderne fällt – an die neue Normalität hat sich noch keiner so richtig gewöhnt. Alle sehnen sich danach, endlich wieder ein großes Familientreffen veranstalten zu können. Trotzdem bleibe man konsequent, bis sich die Corona-Lage wieder entspannt. „Und wozu sollen wir uns über andere ärgern, die sich nicht an die Auflagen halten", so Mutter Joana. „Wir versuchen es selbst gut zu machen, das ist das Beste, was wir tun können."

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