05. November 2020
05.11.2020
Mallorca Zeitung

Sterbenskranke baut Hilfsorganisation auf Mallorca auf

Ascen Maestre hat nicht mehr viel Lebenszeit vor sich. Das hält sie nicht davon ab, eine der größten gemeinnützigen Organisationen auf Mallorca immer weiter auszubauen: SOS Mamás

05.11.2020 | 09:42
Hat Großes auf Mallorca erschaffen: Ascen Maestre in den Räumlichkeiten von SOS Mamás

„Hier haben sie mich operiert", sagt Ascen Maestre und zieht ihr Dekolleté ein Stück nach unten. Die zentimeterlange Narbe ist nicht zu übersehen. Ein Herzfehler war es, der das Leben der heute 55-Jährigen im Jahr 2011 grundlegend verändert hat. „Die Ärzte gaben mir noch zehn Jahre zu leben", sagt die gelernte Krankenschwester. Neun davon sind mittlerweile verstrichen. „Ich weiß, dass ich sterben werde, da mache ich mir keine Illusionen", sagt Maestre. Ihr Blick ist ebenso fest wie ihre Stimme. Sie klingt weder wehleidig noch mitleidheischend, sondern schlicht realistisch. Statt zu versuchen, das Unveränderbare zu verändern, nutzt Ascen Maestre ihre letzten Lebensjahre, um die Hilfsorganisation SOS Mamás auf Mallorca aufzubauen. Mittlerweile profitieren rund 10.000 Bedürftige davon.

Es geht zu wie in einem Taubenschlag, als die MZ Maestre am Freitag (30.10.) in dem schmucklosen Lokal an Palmas Carrer General Riera aufsucht. Oder besser: wie in einem Ameisenhaufen. Zahlreiche Menschen gehen ein und aus, tragen emsig Obstkisten in die Lagerräume, bringen Paletten voller H-Milch auf Handkarren hinein, sortieren Konservendosen. Jeder scheint zu wissen, welche Aufgabe er hat, niemand ist sich zu schade, mit anzupacken. „Ich brauche hier keinem mehr etwas zu sagen, alle wissen, wo es langgeht", sagt Ascen Maestre und lächelt zufrieden. Dass sie trotzdem der Dreh- und Angelpunkt der gemeinnützigen Organisation ist, wird deutlich. Alle Neuankömmlinge begrüßen die Gründerin. Während des Interviews steht sie immer wieder auf und packt selbst mit an.

Handeln statt Jammern

Die ersten zwei Jahre nach ihrer Not-OP habe sie kaum allein laufen können, berichtet Maestre beiläufig, gerade so, als ob sie über eine hartnäckige Erkältung rede. „Ich war viel zu Hause, viel im Internet und habe auf Portalen viele Hilferufe von Frauen gesehen, die ein Kind erwarten, aber nicht wissen, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten sollen." Statt in Selbstmitleid zu fallen schritt Maestre zur Tat. „2013 war ich wieder einigermaßen mobil. Wir begannen, zunächst mit privaten Pkw, tägliche Gebrauchsgegenstände zu sammeln und an bedürftige Frauen auszuteilen", erzählt Maestre. Windeln, Babykleidung, Spielzeug, Lebensmittel, Hygieneartikel. Wir, damit meint Maestre gut ein Dutzend freiwillige Helfer. Bekannte oder Freunde von ihr, die sie davon überzeugen konnte, dass es immer Menschen gibt, denen es schlechter geht als einem selbst. „Noch im selben Jahr gründete ich SOS Mamás", so Maestre und hält erneut inne. Helfer des Lions Club Palma sind gerade eingetroffen, um palettenweise neue Lebensmittellieferungen zu bringen. Langsam füllen sich die Lagerräume.

Eigentlich ist die Warenausgabe nur für montags, mittwochs und samstags angesetzt. Dennoch bildet sich auf der Straße vor dem Lokal bereits eine Schlange von Menschen, die Einkaufswägelchen dabeihaben. „Freitags können die Neuzugänge kommen, die erst noch in die Kartei eingetragen werden müssen", erklärt Ascen Maestre kurze Zeit später. Nur wer seine Bedürftigkeit durch entsprechende Unterlagen des Sozialamts beweisen kann, darf ihm zugeteilte Lebensmittel oder Artikel mitnehmen. Und das seien seit Ausbruch der Pandemie gut drei Mal so viele Personen wie im vergangenen Jahr. „Es kommen nicht nur Schwangere oder junge Mütter, aber doch überwiegend Familien", so Maestre.

Insgesamt rund 10.000 Menschen komme das Engagement von SOS Mamás zugute. Und das nicht nur durch materielle, sondern auch psychologische Hilfe. „Ich habe noch niemanden abgewimmelt, der mich in einer Notsituation angerufen hat, und wir kooperieren mit Psychologen", berichtet Ascen Maestre. Knapp 140 freiwillige Helfer seien mittlerweile für SOS Mamás aktiv, zahlreiche Organisationen arbeiten mit dem Verein zusammen. Darunter auch die Barber Angels, der Zusammenschluss von rund 40 deutschsprachigen Friseuren, die regelmäßig in den Räumlichkeiten von SOS Mamás Obdachlosen kostenlos die Haare schneidet. „Die sind sich für nichts zu schade und super gut organisiert", kommentiert Maestre und setzt wieder ihr zufriedenes Lächeln auf.


Je Mehr Not, desto mehr Hilfe

Ihr inneres Bedürfnis, die kurze Lebenszeit, die ihr noch bleibt, für Hilfsbedürftige zu opfern, scheint echt. „Ich habe mich schon vor meiner Erkrankung ehrenamtlich engagiert. Aber natürlich nicht in so großem Stil, da ich noch berufstätig war." Wie viele Wochenstunden sie für SOS Mamás aufwendet, weiß sie nicht. „Eigentlich die ganze Zeit. Es ist mein Leben", sagt sie.

Ein Mann mit einem Handkarren, der weitere Lebensmittel in die Lagerräume bringt, lächelt ihr im Vorbeigehen kurz zu. „Mein Mann Matías", erklärt Maestre. Er sei von Anfang an mit dabei gewesen, unterstütze sie zu 100 Prozent. Trotz der wenigen Lebenszeit, die seiner Frau noch bleibt. Oder gerade deshalb.

Je mehr Menschen in Not sind, desto mehr Hilfe will die 55-Jährige anbieten. In Palma nutzt SOS Mamás nicht nur das Lokal im Carrer General Riera 79 gegenüber dem sozialen Brennpunkt Corea, sondern auch ein weiteres am Carrer Rosselló i Caçador nahe dem Roten Kreuz, eines im Carrer Tomás Rullán in Son Gotleu und seit vergangener Woche auch eines bei der Markthalle in Camp Redó. Vor einem Monat hat erstmals auch außerhalb von Palma, in Cala Millor, eine Ausgabestelle für Bedürftige eröffnet. Eine Eröffnung in Calvià steht in dieser Woche an. In Llucmajor sei man bereits auf der Suche nach einer geeigneten Immobilie. Ein weiteres Ziel: Spiel- und Bastelworkshops für Kinder aus sozialschwachen Familien. „Die Politik hat uns nie Steine in den Weg gelegt. Ohne groß zu bitten, haben wir oft Unterstützung erhalten", sagt Ascen Maestre.


Motor und Antrieb

Eine Frau mittleren Alters hat selbst genähte Masken mitgebracht und auf dem Schreibtisch in der Ecke ausgebreitet, auch kleine Taschen sind im Repertoire. „Die wollen wir übers Internet und an Tankstellen auf der Insel verkaufen. Der Erlös geht an SOS Mamás", sagt die Frau und stellt sich als Susana Cardador vor. Auch sie ist seit der ersten Stunde mit dabei, hat schon viele Spendenevents organisiert. Sie kennt die Abläufe, die Ziele, und sie kennt Ascen Maestre. „Wir werden weitermachen, auch wenn Ascen nicht mehr ist", sagt Cardador. Allein schon, um die Arbeit der Freundin in Ehren zu halten. „Wir schaffen es ohne sie. Viele von uns kommen aus dem Gesundheitssektor, sind Rettungswagenfahrer wie ich oder Krankenschwestern wie Ascen, wir sind von Natur aus hilfsbereite Menschen. Aber sie ist der Motor, der alle immer wieder antreibt, motiviert, mitreißt."

Ein Großteil der Lieferungen ist unterdessen aufgestapelt. Eine Helferin prüft die Papiere der ersten Empfängerin, die ganz vorne in der Schlange steht, und weist sie dann zur Warenausgabe. Die junge Frau mit rundem Babybauch lächelt dankbar. SOS Mamás hat mittlerweile mehrere Sozialpreise gewonnen, unter anderem von der Radiokette COPE und der Sozialstiftung LaCaixa. „Soll ich ehrlich sein? Ja, ich bin stolz darauf", sagt Ascen Maestre und hält noch einmal kurz inne. „Ich mag weniger Lebensjahre vor mir haben als die meisten. Aber ich erlebe pro Jahr gefühlt so viel, wie manch anderer in zehn Jahren. Und ich habe das Gefühl, meine Lebenszeit sinnvoll zu nutzen. Was will ich mehr?"

auf Twitter teilen
auf Facebook teilen

Weihnachtslotterie 2019

Gut essen auf Mallorca

Restaurants auf Mallorca

Welches Restaurant darf es sein?

Die Insel kulinarisch entdecken - Restaurant-Empfehlungen in Palma de Mallorca, im Osten, Südosten oder Südwesten

Mallorca-Themen von A bis Z

Mallorca-Themen von A bis Z

MZ-Artikel, geordnet nach Themengebieten

Alphabetische Liste: Von Air Berlin über Kongresspalast bis Wandern

 

E-Paper der Mallorca Zeitung
Empfohlene Links: Inselradio 95,8 | Mallorca mal 365 |