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Mallorca Zeitung

Warum sich viele Deutsche auf Mallorca ihren Kinderwunsch erfüllen

Etwa 150 deutsche Paare und Singles reisen jährlich auf die Insel, um zumeist über eine Eizellspende endlich Eltern zu werden

Die deutsche Frauenärztin Cemile Ballnus arbeitet im Juaneda Fertility Center in Palma. Marlene Weyerer

Bis hierhin war es ein langer Weg. Hier, das ist ein kleiner Raum, ein Warteraum, bevor es zum Eingriff geht. Bevor sie hoffentlich schwanger wird. Eine Frau aus dem Norden Deutschlands, die in der Zeitung nicht erkannt werden will, sitzt in einem Krankenhaushemd da und erzählt von ihrer Leidensgeschichte, die hier ein drittes Mal zum Happy End führen soll.

Mit etwa 30 hatten sie und ihr Mann beschlossen, eine Familie zu gründen. Beide wollten eine große Familie, viele Kinder. Doch es funktionierte nicht. Nach einiger Zeit ging es zum Arzt. Die Frau bekam Medikamente, Hormone. „Spritzen über Spritzen“, sagt sie. „Es war eine große psychische Belastung.“ Nach Jahren wurde sie doch noch per In-vitro-Verfahren schwanger, bekam einen Sohn. „Danach wollte mein Körper gar nicht mehr“, fasst sie zusammen.

Spanien hat viel Erfahrung in Eizellspende

Sie erfuhr von der Möglichkeit, über gespendete Eizellen Kinder zu bekommen. Weil es in Deutschland illegal ist – Frauenärzte dürfen nicht einmal darüber informieren – kam sie mit Mann und Kind nach Mallorca. Zwei Jahre nach ihrem ersten Sohn kam so ein weiterer Sohn auf die Welt, der inzwischen zwei Jahre alt ist. Jetzt also das dritte Kind. „Man könnte sagen, es ist irgendwie gierig, weil ich ja jetzt schon zwei Kinder habe“, sagt die 40-Jährige fast entschuldigend. „Aber wenn der Kinderwunsch einfach so groß ist ...“

Spanien ist, was die sogenannte Reproduktionsmedizin angeht, europaweit führend. Grund dafür ist eine Gesetzgebung, die vieles erlaubt, was in anderen Ländern noch verboten ist oder lange verboten war. Abgesehen von der anonymen Eizellspende ist das beispielsweise die Präimplantationsdiagnostik, bei der Embryos auf Erbkrankheiten überprüft werden, bevor sie eingeführt werden. Über die Jahre haben die spanischen Kliniken mit diesen Techniken viel Erfahrung gesammelt. Und einen guten Ruf. Der größte Anbieter ist das IVI, kurz für Instituto Valenciano de Infertilidad. In deren Zentrale nach Valencia pilgern Paare und Single-Frauen mit Kinderwunsch aus der ganzen Welt.

Die Ärztin Sandra Haitzinger (re.) arbeitet in der IVI-Klinik eng mit der Patientenbetreuerin Susanne Hecht zusammen. | FOTO: PERE JOAN OLIVER Marlene Weyerer

Innerhalb der IVI-Gruppe kommen inzwischen die meisten Deutschen nach Palma. Von den 400 Paaren, die im IVI-Palma im Jahr behandelt werden, sind ein Drittel Deutsche. In der Niederlassung im Norden der Stadt stehen ihnen zwei deutsche Ärzte, deutsche Krankenschwestern und Patientenbetreuer zur Verfügung. In jedem Moment sei jemand erreichbar, der Deutsch spreche, „meist sogar ein Muttersprachler“, sagt Sandra Haitzinger. Die Ärztin aus Österreich, die auch das Ehepaar aus Norddeutschland behandelt hat, behandelt für das IVI in Palma Frauen und Paare aus dem deutschsprachigen Raum.

Frauen wünschen sich teils noch mit Ende 40 das erste Kind

Der größte Teil davon, laut Statistik um die 85 Prozent, kommt wiederum wegen der Eizellspende. Ähnlich verhält es sich bei den beiden Konkurrenten auf der Insel, Juaneda Fertility und Instituto Bernabeu. Bei der Behandlung wird aus einer Eizellbank eine Eizelle genommen, mit dem Spermium des Partners oder eines weiteren Spenders befruchtet, und dann eingesetzt. Medikamente haben zuvor die Schleimhaut in der Gebärmutter stimuliert, der Rest funktioniere dann oft ohne größere Probleme. Es sei ein vergleichsweise einfaches Verfahren, sagt Sandra Haitzinger.

Bei den Empfängerinnen ist die Eizellenreserve aufgebraucht, teils weil sie schon die Wechseljahre durchlebt haben, teils weil eine Chemo- oder Strahlentherapie die Eizellen zerstört hat. Zwar gibt es Fälle, in denen Frauen mit 30 in die Menopause kommen, aber meist sind die Patientinnen der Reproduktionskliniken auf Mallorca schon über 40, manche wünschen sich mit Ende 40 noch das erste Kind. Ab 50 Jahren ist Schluss, das haben die Kliniken sich selbst aus ethischen Gründen auferlegt.

Vor dem Kind kommt meist eine lange Leidensgeschichte

Wer nach Spanien reist, um große Summen für eine Schwangerschaft mit einer gespendeten Eizelle auszugeben, hat zuvor schon viele Behandlungen hinter sich. „Wir sind das Ende der Fahnenstange“, sagt Sandra Haitzinger. Manche Patientinnen und Patienten würden in Tränen ausbrechen, wenn sie erzählen, wie lange sie schon versuchten, ihren Kinderwunsch zu erfüllen, sagt Patientenbetreuerin Susanne Hecht. „Die Eizellspende ist oft die letzte Hoffnung, viele sparen sie sich vom Munde ab“, sagt die deutsche Frauenärztin Cemile Ballnus, die bei Juaneda Fertility für deutsch- und englischsprachige Patienten zuständig ist.

Felipe Gallego untersucht im Juaneda-Labor die Entwicklung eines Embryos über mehrere Tage. Marlene Weyerer

Sowohl Juaneda als auch IVI versprechen eine Schwangerschaftsrate von 90 Prozent, allerdings nicht unbedingt beim ersten Versuch. „Es ist wichtig, die Chancen realistisch einzuschätzen“, betont Ballnus. Zu viel Hoffnung sei genauso schlecht wie zu wenig. Felipe Gallego, Laborchef bei Juaneda, erzählt, gerade Deutsche hätten ein großes Informationsbedürfnis, würden die Informationen zur Behandlung im Gegensatz zu anderen Patienten geradezu studieren. „Aber das ist auch gut so“, fügt er hinzu.

Juaneda Fertility wurde spezifisch gegründet, um den deutschen Markt zu bedienen. Die Reproduktionsklinik ist Teil des Unternehmens Juaneda, dem über Mallorca und Menorca verteilt mehr als 50 Gesundheitszentren und Krankenhäuser gehören. Inzwischen sind 40 Prozent der Paare, die im Jahr kommen, Deutsche. „Sie kommen für die Behandlung auf die Insel, weil es mehr ihr Zuhause ist als unseres“, scherzt Laborleiter Felipe Gallego.

Schwanger aus dem Urlaub zurück

Ballnus kennt die Beweggründe genauer: Nach Mallorca gebe es viele Flüge. In Restaurants und Geschäften könne man sich meist auf Deutsch verständigen, manche hätten hier sogar Freunde oder Verwandte. „Und es ist sehr unauffällig, jeder fliegt mal nach Mallorca, da muss man nicht viel erklären“, ergänzt sie. Wer zu Hause nicht jedem von dem komplizierten Weg zum Wunschkind berichten möchte, komme einfach schwanger aus dem Urlaub zurück. So soll es auch bei der Frau aus Norddeutschland und ihrem Mann sein. Auch sie haben niemandem daheim von der Behandlung erzählt. „Nicht weil es uns peinlich wäre, sondern weil es niemanden etwas angeht“, sagt sie.

Die dritte große Reproduktionsklinik auf der Insel ist das Instituto Bernabeu, wie das IVI Teil einer größeren, auf Reproduktionsmedizin spezialisierten Kette. In acht Kliniken werden rund 7.000 Patientinnen aus 137 Ländern im Jahr behandelt. Nur fünf Prozent davon sind Deutsche. Auf Mallorca wachse der deutsche Markt allerdings, so ein Pressesprecher. In Palma arbeite zwar kein deutscher Arzt oder Ärztin, aber zehn Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sprächen Deutsch. „So kann alles Wichtige in ihrer eigenen Sprache erklärt werden.“

Ein etwa drei Tage altes Embryo wird im IVI-Labor kontrolliert. | FOTO: PERE JOAN OLIVER

Die Konkurrenz zwischen den drei Zentren ist deutlich. Offensiv wird im Radio, im Fernsehen, in den Zeitungen und auf Plakatwänden für die Erfüllung des Kinderwunsches geworben. Auch die Preise dürften eine Rolle spielen. Juaneda gibt die Kosten für die Behandlung mit einer gespendeten Eizelle mit rund 7.000 Euro an. Der Grundpreis ist bei IVI genauso hoch, aber laut Patientenbetreuerin Susanne Hecht läuft es realistisch gesehen letztendlich auf etwa 10.000 Euro hinaus. Dafür sei das IVI das größere Institut mit der größeren Erfahrung.

Juaneda Fertility ist kleiner als das IVI, behandelt nur 40 bis 60 Paare im Jahr. „Bei uns geht es familiärer zu“, sagt Ballnus. Außer ihr gibt es zwei weitere Ärzte und zwei Krankenschwestern. Statt in einem eigenen Gebäude mit großem Logo ist die Klinik in einem Mehrfamilienhaus untergebracht. Personal und Patientinnen könnten jedoch jederzeit auf die Leistungen des Mutterkonzerns zurückgreifen. „Wir haben ein großes Netzwerk im Rücken“, sagt Laborchef Gallego.

Werbung und Wettbewerb: Jede Klinik hat eigene Angebote

Stolz ist man hier darauf, als einziges Zentrum auf der Insel eine erweiterte In-vitro-Methode für lesbische Paare anzubieten. Alle Zentren bieten an, die Eizelle von der einen Frau zu nehmen und zu befruchten und dann bei der anderen Frau einzusetzen. Bei Juaneda gibt es auch die Möglichkeit, dass beide Frauen das Embryo eine Zeit lang in sich tragen.

Auch das IVI wirbt mit besonderen Behandlungen. Laut Patientenbetreuerin Hecht gibt das sogenannte „Perfect Match 360º“ bei einigen Patienten den Ausschlag. Bei einer Schwangerschaft mit gespendeter Eizelle soll die Spenderin der künftigen Mutter möglichst ähnlich sehen. So sieht es das spanische Reproduktionsmedizin-Gesetz vor. Haarfarbe, Augenfarbe, Locken, Größe, Blutgruppe. All das wird von allen Kliniken überprüft. Normalerweise ist auch eine Sequenzierung der DNA dabei, um mögliche Krankheiten auszuschließen, die Spenderin und Partner zusammen dem Kind weitergeben könnten. Das IVI bietet noch einen Zusatz: Mithilfe von 3-D-Scans sollen Spenderinnen gefunden werden, die den Empfängerinnen der Eizellspende möglichst ähnlich sind. So könnten etwa der Abstand der Augen oder die Größe der Nase denen der Mutter ähneln. Von außen soll nicht ersichtlich sein, dass das Kind genetisch eine andere Mutter hat.

In Deutschland illegal

Die Spenderinnen müssen unter 35 Jahre alt sein, sind aber meist viel jünger. Laut Juaneda-Laborchef Gallego sind viele von ihnen Studentinnen aus großen Städten wie Barcelona und Madrid. „Dort ziehen oft neue Leute hin, sodass Eizellbanken mit immer neuen Spenderinnen nachgefüllt werden können“, sagt er. Juaneda beziehe die Eizellen aus unterschiedlichen Eizellbanken.

Untersuchungen im IVI-Labor.  | FOTO: PERE JOAN OLIVER

Untersuchungen im IVI-Labor. | FOTO: PERE JOAN OLIVER Marlene Weyerer

Das IVI verfügt über eine eigene Eizellbank und auch Spenderinnen. Die Frauen unterziehen sich einer hormonellen Behandlung, damit mehrere Eizellen in den Eierstöcken heranreifen, statt nur eines wie üblich. Dann müssen die Eizellen bei einem Eingriff unter Narkose entnommen werden. Weil die Eizellspenderin im Gegensatz zu einem Mann, der Spermien spendet, durch die Hormonbehandlung und den Eingriff gesundheitliche Risiken auf sich nehmen muss, ist dieses Verfahren in Deutschland verboten. Dadurch soll verhindert werden, dass Frauen sich solchen Risiken aussetzen, weil sie Geld brauchen.

Denn auch wenn die Eizellen offiziell gespendet werden, gibt es eine Aufwandsentschädigung, die je nach Klinik zwischen 800 und 1.000 Euro liegen kann. Die Patientenbetreuerin Susanne Hecht sagt, dass viele Paare sich Sorgen um die Frauen machen, die die Eizellen spenden. „Aber es geht ihnen durch die Spende natürlich nicht schlecht“, versichert die Patientenbetreuerin.

Noch ein Happy-End?

Für die Frau aus Norddeutschland ist es ein „Geschenk des Himmels“, dass es Frauen gibt, die dazu bereit sind. Dass die Kinder nicht genetisch mit ihr verwandt sind, ist ihr gleichgültig. Während der zweiten Schwangerschaft habe sie sich zwar gefragt, ob sie das zweite Kind genauso lieben würde wie ihren ersten Sohn, der aus ihrer eigenen Eizelle entstanden ist. Oder ob ihr zweiter Sohn sie als Mutter akzeptieren würde. Aber die Sorge sei in dem Moment verflogen, als sie ihn dann in den Armen hielt. „Wenn ich sie jetzt sehe, wenn sie schlafen oder wenn sie beim Frühstück mit Essen werfen, dann merke ich: Es gibt keinen Unterschied“, sagt sie.

Zwei Wochen später schickt sie Sandra Haitzinger dann eine gute Nachricht: Der Schwangerschaftstest ist positiv ausgefallen.

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