10. September 2018
10.09.2018

Das Bildungssystem auf Mallorca ist noch lange nicht befriedigend

Die Schüler auf Mallorca fahren bei Vergleichstests regelmäßig schlechte Ergebnisse ein. Zum Start des neuen Schuljahres plädieren Experten für eine bessere Lehrerausbildung und mehr Projektarbeit

10.09.2018 | 10:27
Der Schulanfang bereitet auf Mallorca nur bedingt Freude.

Das Faulenzen hat ein Ende. Am Mittwoch (12.9.) müssen die Schüler auf Mallorca wieder im Klassenzimmer antanzen – egal, ob sie eine öffentliche, eine halbstaatliche oder eine private Schule besuchen. Und da beginnen auch schon wieder die Zweifel der Eltern: Sind die Schulen auf der Insel wirklich gut genug, um mein Kind auf die Zukunft vorzubereiten?

Die reinen Fakten sprechen erst einmal dagegen. Das spanische Schulsystem hat international eher einen unterdurchschnittlichen Ruf. „Und die meisten Indikatoren sehen die Balearen auf den hinteren Plätzen in Spanien", sagt der Erziehungswissenschaftler Jaume Sureda von der Balearen-Universität UIB. Da gehe es nicht ausschließlich um das Abschneiden in der Pisa-Studie oder in anderen Leistungserhebungen. Beispiel Schulabbrecher: Auf Mallorca ist das ein altes Problem. Seit Jahrzehnten lockt der Tourismus mit Stellenangeboten auch für nahezu ungelernte Kräfte. Dementsprechend liegt der Prozentsatz der Schulabbrecher auf Mallorca bei 26,5 Prozent. „Das sind noch einmal mehr als sieben Prozent mehr als im ohnehin schon viel zu hohen Landesdurchschnitt in Spanien", sagt Sureda.

Damit einher geht ein anderes Dilemma: Die Zeit, die junge Menschen auf den Balearen mit der Ausbildung generell verbringen, ist mit 14,7 Jahren so gering wie in keiner anderen Autonomen Region in Spanien. Zum Vergleich: In La Rioja widmen junge Menschen durchschnittlich 21 Jahre ihres Lebens ihrer Ausbildung, in der Hauptstadt Madrid sind es immerhin noch 19 Jahre. Der Durchschnitt in Spanien liegt bei 17,5 Jahren.

Auch der Anteil der Schüler, die eine Klassenstufe wiederholen müssen, ist auf den Balearen höher als im landesweiten Vergleich. 31 Prozent der 15-jährigen Schüler haben in Spanien zumindest eine Klassenstufe zweimal absolviert, auf den Balearen sind es 40 Prozent.

Das sind die nackten Zahlen, aber es hapert auch an vielen anderen Dingen, wie Suredas Kollege Miquel Oliver, ebenfalls Erziehungswissenschaftler an der UIB, sagt. So müssten sich die Schulen beispielsweise viel mehr der Gesellschaft öffnen. „Wenn es darum geht, den Unterricht innovativer zu gestalten, braucht es Impulse von außerhalb", fordert OIiver. Dazu gehöre etwa das Engagement von Eltern, das gerade an vielen öffentlichen Schulen in Spanien kaum vorhanden ist. „Wir müssen die Eltern mit ins Boot holen. Sie müssen mit ihren Kindern gemeinsam Projekte in der Schule auf die Beine stellen", fordert Oliver.

Die gesamte Gesellschaft müsse wegkommen von der überholten Vorstellung, Schule spiele sich vormittags in einem abgeschlossenen Raum ab. „Wir müssen das Konzept Schule umfassender denken." Das funktioniere an den halbstaatlichen und den privaten Schulen mitunter besser. Da ist Ganztagsunterricht die Norm, was dazu beitragen könnte, dass die ­colegios concertados in einigen Leistungstests besser abschneiden als öffentliche Schulen – was sicher auch daran liegt, dass dort der Anteil der Eltern aus bildungsbürgerlichen Verhältnissen höher ist. Dass aber an den Privatschulen alles besser sei, glaubt Kollege Sureda nicht. „Die Balearen sind die Autonome Region mit dem höchsten Anteil an Schülern von Privatschulen. Dementsprechend haben sie auch einen großen Anteil an den sehr durchwachsenen Leistungsvergleichen der Balearen."

Beispiel Fremdsprachen: „Ganz mies", antwortet Erziehungswissenschaftler Miquel Oliver auf die Frage, wie es um die Englischkenntnissen der Schüler auf den Balearen steht. „Wir sollten uns darüber Gedanken machen, wie wir Englisch besser in unseren Alltag integrieren", fordert Oliver. Er denkt etwa daran, Filme nicht mehr zu übersetzen und stattdessen wie in den skandinavischen Ländern mit Untertitel laufen zu lassen. „Auch die Ausbildung der Lehrer lässt, gerade was die Sprachen angeht, zu wünschen übrig", sagt Oliver.

Objektive Ergebnisse lassen sich aus dem alle zwei Jahre stattfindenden Jahrgangstest IAQSE ablesen, den das Bildungsministerium selbst organisiert. Im Fach Englisch schneiden beispielsweise die Schüler der vierten Klasse der Sekundarstufe (vergleichbar mit der zehnten Klasse in Deutschland) im jüngsten Test in diesem Jahr äußerst bescheiden ab. Die Schüler wurden in sechs Leistungsstufen unterteilt, wobei die Stufen 1 und 2 nicht das für die Altersstufe nötige Niveau aufweisen. Von den sechs zufällig ausgewählten Schulen auf den Balearen – in öffentlicher und privater Trägerschaft – nahmen insgesamt 510 Schüler an dem Test teil. 147 von ihnen – knapp 29 Prozent – landeten in den Stufen 1 und 2. Weitere 105 Schüler – 20,6 Prozent ­– bestanden die Probe gerade so. Nur 20 Schüler wiesen ein sehr gutes Niveau in Englisch auf.

Auch in Mathematik war das Abschneiden der Schüler erschreckend schwach. 198 der insgesamt 507 teilnehmenden Schüler fielen durch das Raster und landeten in den Leistungsstufen 1 oder 2 – das sind 39,1 Prozent. Mehr als jeder dritte Schüler besitzt also nach der zehnten Klasse nicht die eigentlich vorgesehenen Kompetenzen in Mathematik.

Der für die IAQSE-Tests zuständige Bildungsinspektor Pere Moyà versucht dennoch, positive Daten in seinen Untersuchungen zu sehen. „Speziell in der Unterstufe haben sich die Ergebnisse der Schüler im Vergleich zu den Vorjahren deutlich verbessert." Wahr sei allerdings auch, dass in der Sekundarstufe noch viel Arbeit vor Politik und Bildungsexperten liege. Immerhin versucht die Regierung inzwischen, mit dem sogenannten „Pacte per a l'Educació" gegenzusteuern. Eine Maßnahme ist etwa, die Klassen im Fremdsprachenunterricht in zwei maximal 15 Schüler große Gruppen aufzuteilen.

Das immer wieder gerne von der Politik bemühte Argument, auf den balearischen Schulen gebe es einen hohen Anteil an ausländischen Kindern, die das schnellere Voranschreiten im Stoff verhindern, weil ihre Spanisch- oder Katalanischkenntnisse nicht ausreichen, lassen weder Oliver noch Sureda gelten. Vielmehr werde hierzulande bereits bei der Ausbildung der Lehrkräfte einiges versäumt.

Hier versucht speziell Miquel Oliver inzwischen Abhilfe zu schaffen. Mit mehreren Kollegen aus dem Fachbereich Erziehungswissenschaften hat er an der UIB ein Programm für die Verbesserung der Lehrerausbildung gestartet, das bereits vor dem Start des Lehramtsstudiums ansetzen will. Es solle nicht mehr jeder, dem gerade nichts Besseres einfalle, ein Lehramtsstudium beginnen. „Wir geben Unmengen von Geld und Ressourcen für Leute aus, die dann entweder schon nach kurzer Zeit das Studium hinschmeißen oder nach ihrem Abschluss nie als Lehrer arbeiten", sagt Oliver. So würden nach zwei Semestern bereits ein Viertel der Studienanfänger ihr Studium abbrechen oder wechseln. Oliver schweben deshalb drei Eignungstests für Bewerber vor: einer im Bereich sprachliche Ausdrucksfähigkeit, einer im mathematisch-logischen Bereich und zum Schluss eine Art kurzes Vorstellungsgespräch, in dem der Bewerber seine Motivation für den Lehrerberuf darlegen soll.

Außerdem müssten angehende Lehrer viel eher mit Schülern in Berührung kommen. „Momentan ist erst im dritten Jahr des Studiums das erste Praktikum an einer Schule vorgesehen. Wir wollen das vorziehen und die Studenten bereits im ersten und zweiten Jahr ein paar Tage an die Schulen schicken", sagt Oliver. An die Schulen schicken will Oliver auch die Didaktik-Professoren an der Universität. „Die können super darin sein, Theorie zu vermitteln und Spitzenleute in ihrem Fach sein, aber sie müssen die Realitäten an den Schulen mitbekommen", findet Oliver.

Gleichzeitig plädiert Oliver dafür, die sogenannten oposiciones, die zentral gestellten Beamtenprüfungen für Lehrer abzuschaffen. „Diese Prüfungen sind denkbar ungeeignet, um wirklich diejenigen Lehrkräfte zu ermitteln, die mit Spaß und Einsatz bei der Sache sind." Die Zeit sei reif, die oposiciones abzuändern oder ganz abzuschaffen, sagt Miquel Oliver. „Wir haben von Seiten der Politik bereits Signale bekommen, dass sich hier etwas ändern soll."

Trotz aller Mankos: Immer mehr Schulen auf den Inseln hätten inzwischen verstanden, dass es im digitalen Zeitalter nicht mehr vorrangig darum gehe, Wissen zu vermitteln, sondern darum, die Informationen, die auf die Menschheit einprasselt, zu interpretieren und kritisch zu hinterfragen. Dafür müssten die Schulleiter durchaus auch mal den Mut haben, sich über den Lehrplan hinwegzusetzen und die Schüler in Projekten arbeiten zu lassen. „Denn nur wenn Schüler selbst forschen, lernen sie etwas dabei", sagt Oliver.

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