Verschmähte Traumjobs am Bildschirm

Trotz hoher Jugendarbeitslosigkeit herrscht ein massiver Fachkräftemangel im Bereich Software und Internet auf Mallorca. Jetzt schlägt die Branche Alarm

31.12.2016 | 18:18
Arbeitsalltag von in diesem Fall sogar weiblichen Programmierern: Bevor es an den Bildschirm geht, wird das Projekt gemeinsam besprochen.

Wer auf der Urlauberinsel Mallorca die Schule verlässt und einen Job sucht, versucht es oftmals als Kellner oder Koch, als Verkäufer oder als Rezeptionist – aber als Programmierer? „Der Tourismus ist für uns Segen und Fluch zugleich", meint Xavi Gil, Geschäftsführer der Firma Txerpa, die Dienstleistungen zur Online-Buchhaltung anbietet. Einerseits ergeben sich auf der Insel durch den Tourismus viele Kontakte und Aufträge ausländischer Firmen. Andererseits zieht die Branche auch viele mögliche Arbeitskräfte ab. „Im Tourismus findet man nun einmal schnell und ohne große Qualifikation einen Job", meint Gil, der auch Vorsitzender der balearischen Vereinigung der Firmen im Bereich Software-, Internet und neue Technologien (GSBITI) ist.

Es fehlen Programmierer und Online-Werbefachleute, Datenanalysten und sogenannte funktionale Analysten, Webdesigner und Suchmaschinenoptimierer. „Die Situation ist dramatisch", meint Gil – in Spanien, aber speziell auf Mallorca. Viele Firmen könnten eigentlich mehr Aufträge annehmen und wachsen, wenn sie denn qualifizierte Mitarbeiter finden würden. Doch das sei schwierig, trotz der weiterhin vergleichsweise hohen Arbeitslosigkeit in Spanien und dem in der Regel deutlich höheren Gehalt im Vergleich zu vielen Tourismusjobs. „Berufsanfänger verdienen bei uns mit oft 22.000 Euro netto im Jahr bereits mehr als der Durchschnitt der meisten Tourismusangestellten", so Gil.

Viel zu wenig Studenten
Der studierte Programmierer macht eine Beispielrechnung anhand der Studiengänge auf. Während nur rund 300 Personen jährlich ein Informatik- oder Telematik-Studium an der Balearen-Universtität aufnähmen, seien es in Lehramtsstudiengängen 2.500. Prozentual eröffnen sich im ersten Fall aber sehr viel mehr Jobmöglichkeiten: Als Lehrer arbeiten auf den Balearen rund 15.000 Menschen, in der Informatikbranche bis zu 5.000. Hinzu kommt, dass viele weitere Stellen zu besetzen wären, wenn es denn Bewerber gäbe. Darüber hinaus schlössen von den 300 jährlichen Informatik-Studienanfängern nur rund ein Zehntel das Studium auch tatsächlich ab, so Gil: Die anderen wechselten das Studien­fach oder fänden noch vor ihrem Abschluss einen Job.

Dass trotz der allgemein schlechten Jobaussichten von jungen Leuten die Hightech-Berufe verschmäht werden, lässt sich mit mehreren Umständen erklären. Da ist vor allem das Imageproblem, die Vorstellung von Nerds mit gestörtem Sozial­leben, die den Tag am Bildschirm verbringen, etwa so wie in der US-Serie „The Big Bang Theory". Gil verweist zudem darauf, dass allgemein der Schwierigkeitsgrad der Jobprofile überschätzt werde. Wie in anderen Branchen auch gebe es unterschiedliche Anforderungen und etwa auch eine praxisnahe duale Berufsausbildung als Alternative zum Studium.

Weiteres Problem: der verbreitete Irrglaube, dass die Touristeninsel für die technischen Profile kaum Jobs biete. Dabei entstehen nicht nur im Gewerbepark Parcbit nördlich von Palma, sondern gerade rund um das Geschäft mit den Urlaubern immer mehr High-tech-Berufe, wie etwa das Beispiel der Firma Hotelbeds zeigt, einer virtuellen und weltweit agierenden Bettenbörse. Viele Stellen werden inzwischen mit Leuten von außerhalb Mallorcas besetzt, mitunter aus dem Ausland – falls sie das in Spanien auch für diese Branche geltende geringere Lohnniveau akzeptieren.

Nichts für Mädchen?
Abschrecken lassen sich von der Ausbildung vor allem junge Frauen – eine Situation, die sich weiter verschärft hat. Lag der Anteil der weiblichen Programmierer Ende der 80er-Jahre in Spanien noch bei mindestens 40 Prozent, sind es jetzt nur noch 15 Prozent. „Wenn junge Frauen eine technische Ausbildung aufnehmen, dann vor allem im medizinischen Bereich, um etwa als Physiotherapeutin zu arbeiten", meint der Vorsitzende der Branchenvereinigung. Diese ­Entwicklung verschärfe nicht nur den Fachkräftemangel, sie habe auch Folgen für viele entwickelte Anwendungen: Da diese fast ausschließlich von Männern konzipiert seien, fehlten Angebote, die sich speziell an Frauen richteten oder deren Perspektive widerspiegelten.

Was also tun? „Wir dachten, das ist nicht unsere Verantwortung. Als Branche bekommen wir aber die Folgen zu spüren", meint der Vorsitzende der Vereinigung GSBITI, die nun einen Aktionsplan gestartet hat. In einem ersten Anlauf fand kürzlich ein runder Tisch statt, bei dem speziell weibliche Vertreter geladen wurden, um Vorurteile abzubauen. „Da saßen keine Nerds am Tisch", meint Gil über die Veranstaltung, zu der zwar nur wenige, aber dafür im Nachhinein sehr zufriedene Besucher gekommen seien.

Weitere Aktionen: Für Anfang 2018 stehen Workshops ausschließlich für weibliche Teilnehmer zum Programmieren von Websites auf dem Programm. Zielgruppe: Mädchen der weiterführenden Schule. Sie sollen ermutigt werden, die seit drei Jahren angebotene duale Berufsausbildung „Programmierung von Webanwendungen" aufzugreifen. Im Gegensatz zur klassischen Berufsausbildung in Spanien verdienen die Schüler ähnlich wie in Deutschland bereits ein Ausbildungsgehalt, inzwischen finden sich laut Gil auch ausreichend Lehrbetriebe.

Politisches Desinteresse
Wenig Hilfe sei derweil von den politischen Institutionen zu erwarten. Keinerlei Problembewusstsein gebe es bislang bei der spanischen Zentralregierung, die unverändert auf die klassischen Wirtschaftszweige wie Banken, Immobilienunternehmen und Energiekonzerne setze, statt die neuen Technologien zu fördern, obwohl diese einen immer größeren Anteil der Wirtschaftskraft ausmachten. Und bei der Landesregierung gebe es zwar eine positive Grundhaltung, diese erschöpfe sich aber in schönen Worten. Auf Ebene der Generaldirektoren stoße man auf offene Ohren. Doch wenn es um den Haushalt geht, bleibe für Forschung und Entwicklung nur ein Restbetrag von 0,5 Prozent. „Das gehört einfach nicht zu den Prioritäten von Ministerpräsidentin Francina Armengol."

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