Vom Waldbrand zur Herrenkollektion

Für ihr Mode-Studium musste die junge Deutsche Anna Geimke Kleidung für Männer entwerfen. Inspiration fand sie in den Waldbränden, die im Sommer 2013 rund um Andratx wüteten

27.02.2014 | 01:00
Für ihre „Descompensarse"-Kollektion fand Anna Geimke unter anderem Inspiration bei den Mänteln der Feuerwehr (siehe 3. v. re.)
Für ihre „Descompensarse"-Kollektion fand Anna Geimke unter anderem Inspiration bei den Mänteln der Feuerwehr (siehe 3. v. re.)

Verbrannte Erde, verkohlte Baumstümpfe, geschmolzener Teer und aschgraue Landschaft – all das löst auf den ersten Blick nicht
gerade positive Assoziationen aus. Doch Anna Geimke hat sich vom Endzeit-Szenario im Waldbrandgebiet rund um Andratx inspirieren lassen – und zwar zu einer Mode­kollektion für Herren.

Doch wie kommt man von der Naturkatastrophe zu Männer­kleidung? Die 21-Jährige studiert an der Akademie für Mode und Design Hannover und muss im Zuge ihrer Ausbildung regel­mäßig Kollektionen gestalten. Im Herbstsemester sollten die Studenten Entwürfe zum Thema „Rhythmus" anfertigen. „Uns wird immer gesagt, wir sollen etwas machen, das uns am Herzen liegt – und da denke ich sofort an Mallorca", sagt Geimke.

Die jungen Frau lebte im ­Alter von acht bis zwölf Jahren in Andratx, der Ort ist für sie „zu einer Art Heimat" geworden. Sie besuchte die deutsche Schule in Marratxí, lebt aber schon seit zehn Jahren wieder in Deutschland. Doch da ihrer Eltern mittlerweile erneut auf die Insel gezogen sind, kommt die Studentin regelmäßig zu Besuch – wie auch im vergangenen August. „Als der Waldbrand ausbrach, saßen wir gerade auf dem Marktplatz und haben alles live miterlebt. Es war so furchtbar?", erzählt sie.

Besonders der Anblick der verbrannten Landschaft hat sie nachhaltig beeindruckt – so sehr, dass sie ihre Entwürfe als eine Art
Hommage unter das Motto „aus dem Lot geratene Natur" stellte. Auf Spanisch könnte man das mit descompensarse ausdrücken – der Titel ihrer Kollektion. Für die fertigte sie zunächst ein sogenanntes Moodboard an: eine Fotocollage, mit der sie die depressive Stimmung in dem verbrannten Gebiet einfangen wollte. Es zeigt das Ausmaß der Zerstörung, die bizarre Mondlandschaft, die die Flammen zurückgelassen haben, oder beim Brand verendete Tiere.

Als nächsten Schritt legte Geimke fest, welche Farben sie für die verschiedenen Kleidungs­stücke verwenden wollte. Inspiriert von rostigen Metallen, verbrannten Steinen und Sträuchern wählte sie düstere Graunuancen und Natur­töne. Für die Materialsuche begab sie sich auf Mallorca zu einem Bauern in der Nachbarschaft ihrer Eltern und kaufte von ihm Leder und Felle, die unter anderem von Bergziegen stammen und ihren Entwürfen einen „derben Charakter" verleihen – und natürlich auch Authentizität. Die wenigen Stoffe, die sie doch fertig kaufte, behandelte sie erst noch mit Öl, um ihnen den derzeit gefragten „used look" zu verleihen.

Bei der Auswahl der Stoffe spielten auch andere Strukturen eine Rolle:„Ich habe Wollwaren gewählt, die einen rauen Eindruck machen" und so einen „Decken-Charakter" erschaffen. Einen Teil der verwendeten Garne fand sie auf dem Flohmarkt: „Mir war wichtig, dass auch Nachhaltigkeit eine Rolle spielt."

Selbst von den Uniformen der während des Waldbrands omnipräsenten Feuerwehrmänner hat sie sich anregen lassen: Die Kapuzen­mäntel erinnern an die Schutz­jacken der Brandbekämpfer, zudem verwendete sie als modisches Element teilweise Karabinerhaken statt Knöpfe. Der weite Schnitt ihrer Entwürfe ist allerdings auch der Zielgruppe geschuldet: Die elegante Casualwear richtet sich an „Herren der ökologischen und sozialen Avantgarde", die sich mit Vorliebe bequem und hochwertig kleiden.

Trotz des professionellen Herangehens: Nur einer ihrer Entwürfe wird auch wirklich umgesetzt. Zur jährlichen Präsentation der jeweiligen Abschlussklasse dürfen auch die unteren Jahrgänge ausgewählte Stücke auf dem ­Laufsteg präsentieren: Anna ­Geimke hat sich für eine Kombination aus einer Jacke mit Lederbesätzen und dunkler Wollhose entschieden. Momentan ist sie mit der praktischen Umsetzung beschäftigt, rund 40 Stunden wird sie dafür an der Nähmaschine sitzen.

Dabei kommen auch die anderen Entwürfe aus ihrer Kollektion gut an: „Aus meinem Freundeskreis habe ich tatsächlich schon viele Anfragen bekommen, aber wegen der Gesellenprüfung fehlt mir momentan schlicht die Zeit. Vielleicht klappt´s ja, wenn ich damit fertig bin", sagt sie.

Dass sie sich für ihre verhältnismäßig düsteren Designs ausgerechnet auf Mallorca inspirieren ließ, habe die Kommilitonen schon ein wenig verwundert – allerdings ist es nicht das erste Mal, dass sie die Insel zum Thema macht. „Schon meine letzte Kollektion stand unter dem Motto Mallorca – allerdings habe ich mich damals auf die schöne Seite der Insel konzentriert und beispielsweise mit glitzernden Steinen gearbeitet." Dieses Mal aber wollte sie ganz gezielt ein anderes Bild der Insel entwerfen – „und einen Appell an die Menschheit richten, die Natur gewissenhafter zu ehren."

Die großen, etablierten Labels würden meist keinen gesteigerten Wert auf derartige Statements legen. „Aber für uns Jungdesigner ist es schon wichtig, mit unseren Arbeiten auch etwas auszudrücken. Und nicht nur zu sagen: Das Wasser war da so schön, deshalb mach ich jetzt alles in Blau."

Obwohl das Blau der Insel natürlich nicht zu verachten ist. Weshalb Geimke nach ihrem Abschluss im kommenden Jahr auch am liebsten sofort wieder nach Mallorca ziehen würde. Bis dahin besucht sie wenigstens die Eltern regelmäßig, der nächste Trip ist für April geplant. Dann will sie auch wieder hoch ins Waldbrandgebiet – und schauen, ob die Natur langsam wieder zu sich findet.

Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 27. Februar (Nummer 721) lesen Sie außerdem:

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- Umzug ohne Kamelle in Palma
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