In Gedanken viele Leben lang auf der Insel

Mallorca, Außenstelle Argentinien. 25 Nachfahren von Auswanderern waren dieser Tage zu Besuch in Palma

09.02.2015 | 09:59
Endlich auf Mallorca: Argentinier, darunter Gustavo González Truyols (2. v. li.), Viviana Sansó (5. v. re.), Miguel Vanrell Suau (2. v. re.) und Antonio Vivó Arginbau (3. v. re.)

Wenn Juan Manuel Gomila auf den Bäcker Juan Puig zu sprechen kommt, heitern sich seine Gesichtszüge schnell auf. Puig hatte in San Pedro, der größten Kolonie von Mallorquinern in Argentinien, Anfang des 20. Jahrhunderts die ensaimada eingeführt. Seitdem wird in der 70.000-Einwohner-Stadt mit rund 35.000 Insulaner-Nachkommen am Paraná das Mallorca-Gebäck gereicht.

„Seit 2002 veranstalten wir jedes Jahr am 17. August sogar eine fiesta de la ensaimada, die viele inländische Touristen anzieht", sagt Juan Manuel Gomila in breitem argentinischem Dialekt. Er lebt bereits in vierter Generation in San Pedro und hält als Vorsitzender der „Agrupación Mallorca" Insel-traditionen wie die Johannisnacht oder den „Bal de Bot"-Tanz mit allerlei Veranstaltungen hoch. Gomilas Vorfahren stammten aus
Manacor und wagten Anfang des 20. Jahrhunderts „auf der Flucht vor Hunger und Elend", wie er sagt, die dreiwöchige Schifffahrt über den Atlantik. Die Urgroß­eltern und Ur-Urgroßeltern der meisten Mallorquiner in San Pedro kamen aber aus Felanitx.

Der erst 27-Jährige nimmt an einer Reise von 25 argentinischen Nachkommen ausgewanderter Insulanern teil, die auf Einladung der Landesregierung zustande kam und von der auch zum Teil bezahlt wurde – drei Nächte im Vier-Sterne-­Hotel Tryp Bellver, Langstreckenflüge und Verpflegung inklusive. „Im Jahr 2013 hatten wir eine Reise mit 39 Leuten selbst finanziert, um uns mit der tief in der Krise befindlichen madre patria Spanien solidarisch zu zeigen", so Gomila. Die Teilnehmer gehören sämtlichen zwölf „Casas Baleares", also landsmannschaftlichen Zentren, in ganz Argentinien an.

Begleitet wird Gomila von dem ebenfalls in San Pedro geborenen Gustavo González Truyols, dem die Reise besonders nahegeht. „Mich wühlt das alles sehr auf, man kehrt nun einmal zu seinen Wurzeln zurück", sagt der in der Landwirtschaft tätige 35-Jährige, und fast schießen ihm die Tränen in die Augen. „Auch 2013 war ich schon dabei und sah das Geburtshaus meiner Urgroßeltern in Petra das erste Mal!" Innerlich osmotisch mit der Insel verbunden, ist er in der „Agrupación Mallorca" der Schatzmeister und scheut sich auch nicht, 200 Kilometer zu irgendeinem Treffen mit woanders in der Pampa wohnenden Nachkommen von Insulanern zu fahren. „Wenn ich nach dieser Reise nach San
Pedro zurückkomme, wollen wir dort eine richtige ­mallorquinische Mühle bauen."

Ebenfalls gerührt von seinem Aufenthalt in der Heimat seiner Vorfahren ist Miguel Vanrell Suau, der schon Rentner ist. „Vielleicht komme ich nie wieder hierher", sagt er. Vanrell gehört der ­mallorquinischen Gemeinde in Buenos Aires an. „Im Stadtteil Boedo sind wir etwa 4.000 bis 5.000 Leute", sagt er. „Unsere Vorfahren kamen vor allem aus Felanitx, Inca und Palma." Vanrells Großeltern – einfache Handwerker – wanderten 1918 aus, sein Vater wirkte jahrelang als Senator im Parlament der Provinz Buenos Aires in La Plata. Sein Onkel folgte seinen Großeltern und machte eine Firma für Malbedarf auf. „Bis 1930 wurde in Boedo noch viel mallorquín gesprochen, jetzt hört man es nur noch vereinzelt."

Die Mallorquiner siedelten sich nicht nur im Umkreis von Buenos Aires an, sondern auch in ferneren Gefilden des Landes, etwa in der trockenen Provinz San Juan im Westen. Von dort kommt die Journalistin Viviana Sansó, die ebenfalls auf einen Insel-Stammbaum zurückblickt. „In unserer Provinz wohnen 400 Familien mit mallorquinischen Wurzeln, wir bauen in Erinnerung an die Insel sogar Oliven an", sagt die Frau, deren Großmutter mütterlicherseits aus Santanyí stammte. „Ich war bislang noch nie auf Mallorca und musste bei meiner Ankunft vor einigen Tagen weinen." Selbst das hässlich-kalte Wetter habe sie angesichts der Macht ihrer emporkommenden Gefühle als gar nicht abstoßend
empfunden.

Die Vorfahren der meisten, die die den langen Flug von Argentinien auf die Insel hinter sich gebracht haben, waren Anfang des 20. Jahrhunderts ausgewandert. 1930 lebten laut einer Studie der Wissenschaftlerin Ana Jofre 20.000 Balearen-Abkömmlingen in Argentinien, das entsprach sechs Prozent der damaligen Insel-Bevölkerung. Sie kehrten ihrer Heimat aus ökonomischen Gründen den Rücken, die Reblaus hatte den Weinanbau zum Erliegen gebracht, es gab auf Mallorca zu viele Bauern und zu wenig bewirtschaftbares Land und kaum Arbeit. Viele Auswanderer wollten auch dem langen obligatorischen Militärdienst entgehen.

Im Zuge der Weltwirtschaftskrise kam die Auswanderung um 1930 herum und während des Spanischen Bürgerkriegs von 1936 bis 1939 zum Erliegen. In der Nachkriegszeit aber schwoll der Strom Richtung Argentinien wieder an, zumal es dort gerade – wie bereits Anfang des 20. Jahrhunderts – wirtschaftlich bergauf ging. Präsident Juan Domingo Perón und seine charismatische Frau Evita zehrten vom Reichtum, den das Land während des Zweiten Weltkriegs vor allem durch den Export von Fleisch und Weizen angehäuft hatte.

Einer, der in jener Zeit die Balearen verließ, ist der 72-jährige Menorquiner Antonio Vivó Arginbau. „Ich wurde in Ciutadella geboren und bestieg mit meinen Eltern 1950 im Alter von acht Jahren in Barcelona das Schiff „Cabo Buena Esperanza" der Reederei Ibarra", sagt er. „Wir legten damals in Cádiz, Santos und Montevideo an, bevor wir Buenos Aires erreichten." Seit Ewigkeiten lebt er nun in Villa María in der 800 Kilometer von Buenos Aires entfernten Provinz Córdoba, mit 950 Leuten eine Hochburg der ausgewanderten Menorquiner im Land. „Mein Vater war Schuhmacher, konnte davon aber in Spanien nicht mehr leben." Im fernen Villa María „baute er dann eine Schuhfabrik aus dem Nichts auf."

Bei allen Gefühlswallungen will aber keiner aus der Truppe derzeit definitiv auf die Balearen zurückkehren. „Dafür sieht es in Argentinien wirtschaftlich nicht zu schlecht und in Spanien noch nicht zu gut aus", sagt Juan Manuel Gomila aus San Pedro. Rentner Miguel Vanrell Suau aus Buenos Aires pflichtet ihm bei und erzählt, dass zuletzt vor 14 bis 15 Jahren, als Argentinien zahlungsunfähig wurde, einige aus dem Stadtteil Boedo wieder nach ­Felanitx gezogen seien. „Sollte sich so etwas wiederholen, würden einige sicherlich nach Mallorca zurückkehren." Zumal alle neben der argentinischen auch die spanische Staatsangehörigkeit besitzen."

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