Körpersoziologin Soley-Beltran: "Zeigt mehr Vielfalt!"

In einem preisgekrönten Essay beschäftigt sich die Katalanin, die auch Model war, damit, was die Werbe- und Modebilder aus uns machen

07.09.2015 | 08:43
„Sie lassen uns glauben, dass das, was wir sehen, echt ist": Patricia Soley-Beltran in einem Kleid von Cortana im Patio de Armas im Altstadtviertel von Ibiza.

In einem Landhaus auf Ibiza hat Patricia Soley-Beltran (Barcelona, 1962) einen Großteil des Textes verfasst, für den sie in diesem Jahr den Essay-Preis des renommierten Anagrama-Verlags erhalten hat. In „¡Divinas! Modelos, poder y mentiras" (Die Göttlichen! Models, Macht und Lügen) verbindet das ehemalige Model mit dem Doktor in Körpersoziologie ihre Erfahrungen mit wissenschaftlicher Analyse.

Ihr Buch beginnt mit einem Model, das davon träumt, dass ihre Beine verfaulen. Ist das der Kern Ihres Essays?
Ja, alle Geschichten sind wahr. So auch der Traum dieses Modells.

Weiterhin heißt es, der Körper sei wichtiger als das Gesicht. Warum?
Unsere Kultur wird immer visueller. Wir sind ständig von Bildern umgeben, deshalb schauen wir uns selbst so oft an. Das beeinflusst unsere Überzeugungen, Werte, Gefühle, Wünsche, wie wir Sexualität konstruieren € Wir erhalten viele verschlüsselte, non-verbale Botschaften. Wenn wir uns dessen nicht bewusst sind und keine kritische Haltung einnehmen, beeinflussen sie uns unbewusst. Was steckt also dahinter? Die Konstruktion eines Idealbilds, wirtschaftliche Interessen, das Diktat von Geschlechterbildern €

Sie sagen, dass die Modewelt Sie bei lebendigem Leib verschlang. Gilt das nur für diejenigen innerhalb dieser Welt oder auch für alle anderen?
Sie verschlingt uns, aber es geht nicht allein um die Modewelt. Die Mode ist ein Aspekt, die Kleidung ein anderer. Wir tragen Kleidung und können uns daran mehr oder weniger freuen, mehr oder weniger dafür ausgeben. Die Mode hingegen unterliegt einem schnellen, im Kapitalismus unentbehrlichen Zyklus aus Produktion, Konsum und Entsorgung. Sie beeinflusst Handys, Design, Autos, Architektur. Sie lässt Zeit als etwas wenig Menschliches wahrnehmen, du jagst irgendetwas hinterher, dass du nie bekommst. Besonders viel Druck wird auf junge Menschen ausgeübt, denen suggeriert wird, dass die Jugend die beste Zeit des Lebens ist.

Stimmt das nicht?
Ich finde nicht. Ich dachte früher, dass das Leben mit 30 vorbei ist. Stattdessen hatte ich das Gefühl, dass ich in diesem Alter die Zügel selbst in die Hand genommen habe. Das jugendliche Schönheitsideal ist in den 60ern entstanden. In den 50ern dominierte das Ideal einer selbstsicheren, reifen Frau, die weiß, was sie tut. Manchmal kaufe ich die Kleidung bestimmter Marken, sehe die Werbung, und alle Models sind 15. Sie vertun sich. Sie könnten auch 30-Jährige, 40-Jährige nehmen. Die Duquesa de Alba trug Custo, aber im Katalog waren es alles Kinder. Da hat man doch keine Lust mehr, davon etwas zu kaufen.

Warum setzt die Industrie auf etwas, was ihren Kunden nicht entspricht?
Wenn erwachsene Frauen in der Werbung auftreten, sind es Prominente wie Sharon Stone oder Julia Roberts. Dabei sind die 40-Jährigen von heute, so sie nicht leiden müssen, wunderschön. Als ich ein Kind war, waren die 40-Jährigen jemand Älteres, fast schon Großmütter, heute stehen sie in der Blüte ihres Lebens. Wir sind es leid, weiß, dünn und jung sein zu müssen.

„Wir schaffen es nie, die Frau zu sein, die wir sein wollen". Wer schafft diese Frau – wir selbst oder andere?
Beide. Sie schlagen uns ein Modell vor, und wir nehmen es an. Auch wenn es uns nicht gefällt, ist es schwer, dieses Vorbild zu ändern. Als Kinder haben wir weder die Fähigkeit noch das Urteilsvermögen, es zu ändern. Als Erwachsener kannst du dir darüber bewusst werden, dass dieses Identitätsmodell dich einschränkt und dir schadet und dir überlegen, wie du es anpassen kannst. Das Werbekonzept „Papa ist schlau und Mama schön" ist erbärmlich.

Versklavt uns das Streben nach Schönheit?
In meinem Buch erklären die Models, dass sie nicht dem Ideal entsprechen. Keiner tut das. Es geht um Perfektion per Definition, und per Definition ist kein Mensch perfekt. Ich glaube nicht, dass das Streben nach Schönheit uns versklavt, aber es dominiert uns. Was wir daraus machen, liegt an uns.

Die Mode schafft mit Hilfe von Licht, Make-up und Photoshop ein verlogenes Idealbild.
Ich würde nicht sagen, dass es eine Lüge ist, aber wir glauben, dass das, was wir sehen, der Realität entspricht. Wenn wir einen Film anschauen, wissen wir auch, dass die Schauspieler eine Rolle spielen. Wenn wir ein Model sehen, denken wir, dass diese Frau so aussieht. Das ist der Trick: Sie lassen uns glauben, dass das, was wir sehen, echt ist. Wir haben einen Körper und wir haben ein Recht, unsere eigene Ästhetik und Sexualität frei auszuleben und den Konzernen zu sagen: „Zeigt mehr Vielfalt!"

Es gibt untypische Models wie Tess Munster, die Größe 54 trägt, und Winnie Harlow, die Vitiligio hat. Echter Wandel oder Geschäft?
Realität und Geschäftssinn müssen sich nicht ausschließen. Es gibt immer Wellen, in denen mehr „echte Menschen" gefordert werden, aber aktuell gibt es sehr viel Online-Aktivismus und der Ruf nach realistischer Repräsentation wird immer lauter. Ich weiß nicht, wohin das führen wird. Ich bin Soziologin, keine Wahrsagerin. Und ich bin die Stimme auf der Straße: „Wir haben genug. Representation, please." Ich will, dass du mir sagst, dass ich toll bin, unabhängig davon, wie alt ich bin, wie viel ich wiege, welche Form und Hautfarbe ich habe, dann kaufe ich auch mehr. Ständig sage ich das den Werbeleuten, aber die sind zu feige. Sie fragen nicht bei Soziologen und Anthropologen nach und dann müssen sie Kampagnen zurückziehen, weil sie diskriminierend sind.

In der akademischen Welt haben die Leute sie für eine Mode­püppchen gehalten, das nichts im Kopf hat.
Das passiert mir immer noch. Das Männliche wird mit dem Verstand assoziiert, das Weibliche mit den Emotionen. Erst im Juni hat ein Nobel­preisträger gesagt, dass Frauen im Labor von der Arbeit ablenken. Dabei kommen wir nicht zum Turteln ins Labor. Aber nein, um eine intellektuelle Arbeit zu verrichten, müssen wir uns gehen lassen. Dabei muss ich mich nicht entscheiden, ob ich Rita Hayworth oder ein
französischer Intellektueller sein will. Ich kann beides gleichzeitig sein.

Wenn der Körper ein Kommunikationsmittel ist, wissen wir, was wir kommunizieren wollen?
Wir kommunizieren darüber, dass andere uns sagen, was wir anziehen sollen. Viele verstehen das nicht. Zum Beispiel die Mädchen mit Shorts und bauchfreien Shirts. Mir geht es nicht darum, ob die Kleidung an sich gut oder schlecht ist, aber ich glaube nicht, dass sie wissen, welche sexuelle Macht ihr Erscheinungsbild hat. Kennen Sie die Serie „Mad Men"?

Ja, warum?
Ich verstehe nicht, dass es nicht mehr Models gibt, die aussehen wie Christina Hendricks.

Haben Sie eine Erklärung?
Die Sorge, dass die Leute bei einer Frau wie ihr nicht mehr auf die Kleider achten, die sie trägt. Dabei könnte sie als Inspiration dienen, was kurvigen Frauen gut steht.

Giorgio Armani hat mal gesagt, dass nur arme Neider die Mode kritisieren.
Ja, unglaublich arrogant. Der Glamour lebt von der Armut. Wenn es nicht so viel Leid geben würde und wir nicht so viel Angst hätten abzustürzen, würde uns das Leuchten des Glamour nicht so anziehen. Die Werbe­industrie hat schon immer damit gearbeitet, Neid zu erzeugen. Und es wird Zeit, das zu ändern.

Im Buch heißt es, Sie würden sich im Spiegel betrachten, auf der Suche nach Falten und Fragen.
Die Falten habe ich gefunden. Sie sind ein Zeichen, dass ich noch lebe.

Und die Fragen?
Da sehe ich sehr viele. Sie sind noch da.

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