Kinderlos auf Mallorca: die Zufälligen, die Radikalen, die Unentschlossenen

Warum Paare auf der Insel keinen Nachwuchs haben. Antworten quer durch Nationalitäten, Alter und Berufe

30.12.2015 | 11:30
Im Gleichschritt durchs Leben: Mari Carmen Velasco und Mark.

Sprüche

  • Der gesellschaftliche Druck, Kinder zu kriegen, ist beträchtlich. Die Gesprächspartner bekommen regelmäßig zu hören:
  • Wenn du erst mal welche hast, sieht die Sache ganz anders aus.
  • Den Sinn des Lebens erfährt man erst, wenn man Kinder hat.
  • Oh, das tut mir leid, du konntest bestimmt keine Kinder kriegen.
  • Wenn der/die Richtige vor der Tür steht, wirst du deine Meinung schon ändern.
  • Du verpasst eine der schönsten Erfahrungen im Leben einer Frau.
  • Du hast keine Kinder, da kannst du nicht mitreden.
  • Irgendwann bereust du deine Entscheidung bestimmt.
  • Aber du wärst so ein großartiger Vater/eine großartige Mutter!
  • Irgendwann ist der Zug für dich abgefahren.
  • Wer wird sich im Alter um dich kümmern?

Die Gruppe der Kinderlosen steigt. In Deutschland, aber noch stärker in Spanien und auf den Balearen. Während in Deutschland eine Frau im Schnitt 1,42 Kinder hat (Stand 2013, Statistisches Bundesamt), bekommt eine Frau in Spanien 1,27 Kinder, auf den Balearen sogar nur 1,22 Kinder (Stand 2013, Ibestat). Dazu passt, dass in den Medien und auf sozialen Netzwerken immer offener über das Thema diskutiert wird. Wer keine Kinder will, gilt nicht länger als egoistisch und karrieregeil. Frauen und Männer wollen heute bewusst entscheiden, ob sie Nachwuchs möchten oder nicht, statt blind dem gesellschaftlichen Ideal der Elternschaft zu folgen. Nachzulesen etwa in Facebook-Gruppen wie „Se puede ser feliz sin hijos" (Man kann auch ohne Kinder glücklich sein).

Unabhängigkeit, nicht der richtige Zeitpunkt oder schlicht der fehlende Wunsch nach einem eigenen Kind – auch auf Mallorca sind die Gründe gegen Nachwuchs vielfältig.

Birgit Barzen wollte nie auswandern, sondern ihr Spanisch vertiefen. Mit Ende 30 nahm die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin ein Jobangebot in einer Anwaltskanzlei in Palma an. Nach einem zweiwöchigen Segeltrip auf die Kanaren änderte sie ihre Meinung. Schon als Kind war die gebürtige Moselanerin mit den Eltern regelmäßig segeln, auf Mallorca lernte sie zu navigieren, zu funken und an Bord zu kochen – und sattelte beruflich um. Was das mit Kindern zu tun hat? „Viel", sagt die heute 52-Jährige. 2002 hatte sie die Möglichkeit, mit ihrem jetzigen Lebensgefährten in die Karibik zu segeln: „Das wäre mit Kindern nicht gegangen." Schnell war klar, dass der Schweizer Tom Eugster ihr Mann fürs Leben ist.

Mit ihm zusammen hätte sie sich im Gegensatz zu früheren Beziehungen erstmals Kinder vorstellen können. Gesagt hat sie ihm das damals nicht, vielleicht weil die Beziehung noch frisch war. „Außerdem wollte ich wahnsinnig gern um die Welt segeln und entschied mich bewusst für das Leben auf dem Meer", sagt sie heute. Überall träfe man Entscheidungen, ob in Hamburg, München oder auf Mallorca. Bis heute steht sie dazu. Manchmal fragt sie sich schon, wie es wohl wäre, mit Kindern auf einer Finca zu wohnen. Dann bereut sie ihre Entscheidung, Bilder einer glücklichen Familie wandern durch den Kopf. Von Freunden weiß sie aber auch, dass Kinder auch anstrengend sein können und schon gar nicht als Beziehungskitt taugen.

Sie mag den Gedanken, „jederzeit aufbrechen" zu können, immer wieder Neues auszuprobieren. Mit Kindern lebe man in festeren Bahnen, weil man auf Sicherheit bedacht sei. „Ich habe zwar einen Lebensplan, aber der kann viel leichter geändert werden als mit Kindern", sagt sie. Ihre zwei Geschwister, beide haben Nachwuchs, sagen öfters: „Die Kinder erden uns." Sie und andere Eltern fragen Birgit und Tom auch: Wer kümmert sich um euch im Alter? „Keine Sau", sagt Birgit Barzen und lacht. Ein Plan für später hat sie bereits: „Mit 60 gehe ich in die Heimat zurück, dort gibt´s ein Dorf mit vielen Freunden, dort ist mein Nest."

„Ich hatte nie den Wunsch, eigene Kinder zu haben und mich fortzupflanzen, auch nicht in jungen ­Jahren", erzählt Harro B. (69), „und meine Frau Barbara auch nicht". Mallorca habe mit der Entscheidung höchstens um drei Ecken etwas zu tun. Als das Paar vor 16 Jahren die Heimat Nürnberg Richtung Sonne verließ, hätte das Ziel auch Italien oder Süd­afrika heißen können. Kinder passten nicht in ihr Lebenskonzept, da sie immer viel gereist seien und viel gearbeitet hätten. „Finanziell wären Kinder zwar drin gewesen, aber dann hätten wir uns einschränken müssen." Reiner Egoismus, nennt es der pensionierte Vertriebs­direktor, für den Kinder „soziale Blindgänger" sind. Nach dem alten Weltbild bestünde nun mal der Sinn von Mensch und Tier darin, sich fortzupflanzen. „Biologisch haben wir den Lebenszweck verfehlt", scherzt Harro B., „und werden dafür mit Steuerklasse 1 bestraft." Dass mit seinem Geld ­Kindertagesstätten mitfinanziert werden, findet er in Ordnung.

Der Lebenssinn heißt für das Paar, die guten Seiten im Leben auszunutzen, gut zu essen, viel zu reisen. „Kinder bedeuten Stress, das haben wir bei befreundeten Paaren gesehen", sagt Harro B., der sich politisch und für die Umwelt engagiert. „Und Kinder sind nicht naturgegeben hübsch, intelligent und von ausgeglichenem Charakter." Ein Freund von ihm habe mal über sein eigenes Kind gesagt: „Ein Ferrari ist schöner." Dessen Ehe sei später geschieden worden.

Das Argument, dass Kinder vor Einsamkeit im Alter schützen, lässt Harro B. nicht gelten. Als seine Mutter ins Altenheim kam, flog er jeden Monat für ein paar Tage nach Nürnberg, um sie zu besuchen. „Was in den Alten­heimen abgeht, ist ein Trauerspiel", sagt er. „Die Alten hocken allein in ihrem Zimmer, selbst wenn die Kinder um die Ecke wohnen." Ihm fällt dazu der neue Edeka-Werbespot ein, in dem ein Vater Angst hat, an Weihnachten allein zu Hause zu sitzen. Die Kinder kann er nur mit einer gefälschten Todesanzeige doch noch an die festlich geschmückte Tafel locken. „Ich hoffe, dass ich lange fit bleibe", sagt Harro B. Sein Ideal wäre eine Wohngemeinschaft im Alter. Mit eigenständigen Apartments, am liebsten auf Mallorca oder anderswo im Süden.

Nach dem Studium in Gießen wäre der Zeitpunkt für Kinder für Kami van Bömmel perfekt gewesen. Die Tierärztin wusste: „Wenn ich erst einmal anfange zu arbeiten, wird das nix mehr." Ihr Mann, von dem sie seit Kurzem getrennt lebt, hatte bereits ein Kind aus einer früheren Beziehung. „Er äußerte nie den Wunsch nach einem gemeinsamen Kind mit mir", erzählt Kami van Bömmel.

Heute ist die 37-Jährige froh, dass sie keine Kinder hat. Weil die Vorstellung, als Tierärztin mit zwei Kindern an der Hand durch eine hessische Kleinstadt zu laufen, Horror für sie ist. „Und weil auf unserem Planeten schon viel mehr ­Menschen leben, als dieser ernähren kann", sagt sie.

Geboren und aufgewachsen ist Kami van Bömmel mit deutsch-französischen Eltern in Togo. Vor acht Jahren kam sie mit ihrem Mann nach Mallorca, sie hatte sich auf eine Stelle in der Tierklinik Arenal beworben. Seit 2011 betreibt sie eine eigene Tierarztpraxis in Llucmajor. „Mich beschäftigt rund um die Uhr das Wohlergehen der Tiere, das ist wie mit Kindern", sagt Kami van Bömmel. Für einen Partner bleibt im Alltag nicht viel Platz. Für ein Kind auch nicht, findet sie. „Und wenn, müsste es eine Kleinausgabe von mir sein, genau so tierlieb." Sie ist mit Tieren aufgewachsen, hat sie von klein auf bemuttert: „Erst wenn es allen Tieren gut geht, geht´s mir auch gut."

Als sie mit Anfang 20 einmal dachte, schwanger zu sein, haben ihre Eltern sie bedingungslos unterstützt und gesagt: „Wir kümmern uns um das Kind, du kannst weiter studieren." „Meine Mutter war immer verrückt nach Kindern, sie hat mir aber auch das Gefühl gegeben, dass ich es anders machen kann", erzählt Kami van Bömmel. So habe sie auch früh gelernt, für sich selbst und ihre Rente zu sorgen. Allerdings frage sie sich auch hin und wieder: „Wenn meine Mutter nicht mehr ist, wen rufe ich dann abends an?"

Seit Kurzem hat sie einen ausgesetzten Papagei bei sich aufgenommen. Kommt sie abends nach Hause, fliegt Babu auf ihre Schulter und haucht ihr ein „Hola" ins Ohr. Tiere würden in unserer Gesellschaft immer mehr zum Kinderersatz, glaubt sie. „Weil Haustiere nicht so anstrengend und aufwendig sind und keine Widerworte geben." Ihr Leben ist erfüllt, der Gedanke, jederzeit gehen zu können, wichtig. „Einen Inselkoller kann ich dennoch nicht bekommen, weil ich nie weit weg will", sagt sie. Sie habe immer Sehnsucht nach ihrem Garten, ihren Tieren, nach Ruhe, auch im Urlaub. Ihr einziger Wunsch: ein kleines bisschen mehr Freizeit zu haben und irgendwann einen Partner. Mit einer eigenen Wohnung.

Alexandra Vahl (42) wusste schon als Kind, dass sie weder heiraten noch Kinder kriegen will. Geändert hat sie ihre Meinung nie. „Die Vorstellung, dass jemand von mir abhängig ist, finde ich unangenehm", sagt die Französin aus dem Burgund, die mit neun Jahren nach Mallorca zog. Ihr Lebensgefährte Thierry Porcu, sie sind seit 18 Jahren ein Paar, hatte mal die Vorstellung, eine Familie mit einer Tochter und einem Sohn zu gründen. „Ich habe viel mit Kindern gearbeitet in Jugendcamps", erzählt der 43-Jährige aus Marseille, der mit 25 Jahren für einen Job nach Mallorca kam und hier hängen blieb. Doch bis heute habe er nie das Gefühl gehabt, dass es der richtige Moment für Kinder wäre. „Wenn wir über Kinder gesprochen haben, war das Thema nach zwei Minuten beendet", erzählt Alexandra Vahl. Nachwuchs war für das Paar nie ein Beziehungs-Muss. Thierry Porcu glaubt, dass viele Menschen, die Kinder haben wollen, nicht wirklich darüber nachdenken, was sie tun, sondern einem sozialen und biologischen Drang folgen.

„Ich höre oft von Eltern, wie viel Glück Kinder schenken", sagt Thierry Porcu, „und sehe zugleich, wie sehr sich die Familie einschränken muss, weil sie kaum Geld zum Überleben hat." Für ihn war die unsichere finanzielle Situation immer ein Argument gegen Kinder. Ob es sich bei den Kinder-machen-glücklich-Sprüchen um Selbsttäuschung handle, kann Alexandra Vahl nicht einschätzen. „Aber die Mütter sollen mir bitte nicht ihr Glück aufschwatzen!"

Drehe man den Spieß um und frage Freunde, warum sie eigentlich Kinder wollen, werde man komisch angeguckt und für verrückt erklärt, sagt sie. Eine echte Antwort bekäme man nicht. Ihr fällt auf, dass Argumente für Kinder häufig funktional ausfallen: Kinder sollen die Beziehung krönen, die Rente sichern und sich um die Eltern kümmern, wenn diese alt sind.

„Damit die Menschheit nicht ausstirbt, muss eine Frau statistisch 2,1 Kinder in die Welt setzen", sagt Thierry Porcu. In seiner Familie sei dieses Soll erfüllt: Seine drei Brüder haben zusammen neun Kinder, geteilt durch vier macht das 2,25 Kinder pro Paar.

Nicht abhängig sein Über die Frage, was die größten Vor- oder Nachteile sind, keine Kinder zu haben, hat Mari Carmen Velasco (50) noch nie nachgedacht. „Ich lebe mein Leben so, wie ich es für richtig halte, Kinder kamen darin nicht vor." Die professionelle Tänzerin aus Palma braucht ihre Freiheit, ihren Spaß im Leben und das Gefühl, stets tun zu können, was ihr gefällt. Klar, manchmal denkt die Mallorquinerin, die seit 20 Jahren ein Tanz­studio in Bunyola betreibt, auch ans ­Alter: „Dass ­niemand für mich und meine Rechte einstehen wird, ist nicht gerade eine schöne Vorstellung." Aber das könne einem genauso mit Kindern passieren. Schließlich gebe es keine Garantie, dass sich erwachsene Kinder um einen kümmern und in der Nähe bleiben.

Mit ihrem britischen Lebensgefährten Mark – es war Liebe auf den ersten Blick – lebt sie seit 20 Jahren zusammen, auch er wollte nie Kinder. „Die Gesellschaft gibt vor, dass Kinder der Höhepunkt im Leben sind", so Mari Carmen Velasco, „ich hatte aber kein Bedürfnis danach, mich um einen kleinen Menschen zu kümmern".

Irgendetwas an dem Gedanken, freiwillig keine Kinder zu haben, scheine die Menschen jedoch zu irritieren. „Eine Freundin sagte mal, dass ich die Entscheidung bereuen werde." Mari Carmen Velasco glaubt das nicht: „Natürlich kann sich ein Gefühl im Nachhinein als falsch erweisen. Aber letztlich geht es doch darum, die eigenen Gefühle zu kennen und den selbst gewählten Weg weiterzugehen. Das bedeutet, dass man sich darüber im Klaren ist, was man wirklich will."

Oft seien Freundinnen neidisch, weil sie abends ausgehe, sich amüsiere und sie selbst zu Hause bei den Kindern bleiben müssten. „Ich bin in vielen ­sozialen Gruppen eingebunden, habe mehr Zeit Freundschaften zu pflegen", sagt Mari Carmen Velasco. Sie denkt dann an ihre Schwester, die zwei Kinder hat. Als deren Mann plötzlich verstarb, stand sie ganz alleine da. „Ein Drama, keiner ihrer Freunde und Bekannten stand ihr bei", sagt Mari Carmen Velasco, „da sie sich um ihre eigenen Kinder und Familien kümmern mussten".

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