"Bild.de"-Reporter am Ballermann: "Wir transportieren eine Sehnsucht"

Ingo Wohlfeil berichtet seit drei Sommern von der Playa de Palma. Kulturtipps bringen ihm keine Klicks

17.09.2016 | 16:00
Prägt das Mallorca-Bild vieler Deutscher mit seiner Strand-Berichterstattung: Ingo Wohlfeil.
Prägt das Mallorca-Bild vieler Deutscher mit seiner Strand-Berichterstattung: Ingo Wohlfeil.

2007 kam Ingo Wohlfeil zum ersten Mal beruflich nach Mallorca. Sein Chef hatte ihn mit dem Auftrag geschickt, Paris Hilton zu finden und zu interviewen. Die Mission glückte, seitdem berichtet der ausgebildete Radiojournalist als „Bild.de"-Reporter für das Internetportal der Boulevardzeitung. Seit 2014 verbringt er sogar den ganzen Sommer auf der Insel – oder besser gesagt an der Playa de Palma. Was der 45-Jährige dort so erlebt, verfolgen inzwischen mehr als 43.000 Nutzer auf der im April 2016 gegründeten Facebook-Seite „Bild Mallorca".

Herr Wohlfeil, bekommt man denn als „Bild"-Reporter überhaupt was vom wahren Mallorca mit?
Man bekommt schon recht viel mit. Aber ich bin tatsächlich zu 80 Prozent am Ballermann, denn an der Playa spielt halt die Musik, nirgendwo sonst hat man so geballt so viele deutsche Touristen. Deswegen ist das mein Hotspot. Und mit meiner Berichterstattung ist es nun mal so: Wenn ich irgendeinen lustigen Urlauber vom Ballermann auf Facebook poste, wird dieses Bild oder Video wie wahnsinnig geklickt. Wenn ich hingegen einen Kulturtipp veröffentliche, bekomme ich nichts. Natürlich willst du etwas Schönes machen, aber dann merkst du anhand der Zahlen, dass das die Leute gar nicht interessiert. Die interessieren sich leider mehr für Krawall und Remmidemmi, für die Party, die Künstler hier auf der Insel oder für verrückte Touristen.

Finden Sie das manchmal schade?
Das liegt ja nicht nur am Interesse, sondern vor allem auch an meiner Zeit. Ich würde gerne viel mehr machen, aber ich bin ja alleine hier, ich kann nicht leisten, was eine Tageszeitung leisten kann. Und wenn ich dann mal was über die Tramuntana machen will, dann kommt garantiert ein Anruf, dass irgendetwas Krasses am Ballermann passiert ist, und dann muss ich wieder da hin. Ich wohne auf Höhe des Balneario 12, und oft mache ich morgens oder tagsüber einen Spaziergang bis zum Balneario 1 und wieder zurück, wie ein Wachtmeister auf Streife. Und irgendetwas passiert da immer, immer, immer. Auf einmal steht da ein Schild ´Blumen zum Selberpflücken´. Da haben Urlauber 300 Plastikblumen in den Sand gesteckt und laden alle ein, sich welche mitzunehmen. Oder Leute, die als Skifahrer verkleidet und sauer sind auf Mallorca, weil sie ihre Piste nicht finden. Es gibt hier wirklich viele ganz schön kreative Urlauber, die sich Mühe geben. Aber es gibt eben leider auch ganz schön viele € ich nenne sie ganz gern die Asozialen. Und man weiß ja, dass hier mit der Bierpyramide im April, die zu einer Bierschlacht wurde, eine Entwicklung begann, die dem Gröl- und Sauftourismus den Kampf ansagt. Die Anwohnervereinigung ging auf die Barrikaden, der Bürgermeister flippte aus €

Wie kommt diese neue Haltung des Bürgermeisters, der keine Sauftouristen mehr haben will, bei den Urlaubern an?
Überhaupt nicht gut, nicht mal bei den Älteren, die jetzt gerade hier sind. Der Ballermann, das sind maximal zwei Kilometer, da sollen die Leute doch einfach die Sau rauslassen. Alle, die Ruhe wollen, haben Tausende Kilometer andere Küste zur Verfügung. Ich kann die Anwohner verstehen, denn ich habe drei Wochen in der Schinkenstraße gewohnt, da schläfst du vier Stunden und drehst irgendwann durch. Nach einer Woche bin ich für zwei Tage aufs Land gefahren in die totale Ruhe, um wieder runterzukommen. Aber den Ballermann in Palma Beach verwandeln zu wollen, ist ein Schuss, der nach hinten losgehen wird. Wenn man aus der Playa was Nobles macht, wird sie austauschbar und würde ihren originären Charakter verlieren. Ich finde Assi- und Gröltourismus auch nicht toll, aber unter den Leuten, die hierher kommen, sind ganz viele harte Arbeiter, die sich den Mallorca-Trip absparen und dann vier Tage Vollgas geben. Dass es dabei Kollateralschäden gibt, ist klar. Aber ich finde, das sollte man den Leuten weiterhin gönnen, denn hier ist es halt doch schöner als am Goldstrand in Bulgarien.

Was haben Sie vom Korruptionsskandal mitbekommen, in den Polizisten und offenbar auch die Big Player aus dem Partygeschäft an der Playa verwickelt sein sollen?
Die Geschichte interessiert mich brennend, ich sauge jedes neue Detail, das von der Staatsanwaltschaft durchsickert, begierig auf. Das ist ja eine spannende Entwicklung, dass die Sakrosanten, die über Jahrzehnte machen konnten, was sie wollten, nun auf einmal so was von sauber sind. Wenn man mit anderen, rivalisierenden Gastronomen redet, sagen die, dass es an der Playa praktisch keine Korruption mehr gibt, weil sich keiner mehr traut. Die sind gerade alle extrem ruhig.

Glauben Sie das wirklich?
Natürlich wird man die Korruption niemals komplett rausbekommen, das ist ja auch eine Mentalitätssache. Aber die Idee, dass jetzt die großen Gastronomen, die zuvor scheinbar frei über die Polizei verfügen konnten, langsam eingekesselt werden von der Staatsanwaltschaft, halte ich durchaus für eine beruhigende, eine gerechte Entwicklung.

Wer ist Ihnen bei Ihren Streif­zügen an der Playa so richtig ans Herz gewachsen?
Radja Dalimontee, war ewig lange Geschäftsführer des Riu Palace, zuletzt im Bierköng, und ist ein 74-jähriger, sehr sehr weiser Indonesier, der die Playa so gut kennt wie kaum ein anderer. Der ist so wahrhaftig, weil er mittlerweile über allen Dingen steht, dass er keine Rücksicht mehr auf Befindlichkeiten nimmt oder auf Dinge, die man besser nicht sagen sollte, weil sie dem Bierkönig oder der Cursach-Gruppe (zu der der MegaPark gehört, Anm. d. Red.) weh tun könnten. Den finde ich ganz großartig. Und ich mag auch viele der Künstler hier und arbeite gerne mit denen zusammen, Ikke Hüftgold, Lorenz Büffel, Mia Julia. Mit denen habe ich eine enge, freundschaftliche Beziehung, man läuft sich ja an der Playa jeden Tag über den Weg.

Sie sind in einem mehr oder weniger rein deutschen Umfeld unterwegs, richtig?
Ja, also mein Plan ist folgender: In diesem Jahr war es mir erstmal wichtig, eine gewisse Masse auf das Facebook-Portal von „Bild Mallorca" zu bringen. Das ging recht schnell an der Playa. Ich möchte nun und im Hinblick auf die nächsten Jahre aber auch andere Gruppen gewinnen. Ich könnte auch durchaus mal Artikel auf Spanisch machen.

Können Sie gut genug Spanisch?
Mein Spanisch ist so mittel. Aber ich habe vor, wenn ich hier fertig bin, zwei Monate einen Intensivkurs Spanisch zu machen, in Deutschland oder wo auch immer, das weiß ich noch nicht.

Arbeiten Sie im Winter gar nicht?
Ich müsste bis dahin so viele Überstunden angesammelt haben, dass ich eigentlich im November und Dezember gar nicht mehr arbeiten müsste.

Jetzt geht es übers Wochenende nach Ibiza und Formentera – wollen Sie auch von dort berichten?
Ja klar, ich hätte die Facebook-Seite ja am liebsten „Bild Balearen" genannt und möchte nun auch mal Aspekte jenseits des Ballermanns zeigen. Es geht einfach darum, den Leuten zu Hause Ibiza näher zu bringen, vielleicht so als Anreiz, auch mal da hinzufahren, oder nach Formentera, das ist ja eine unfassbar schöne Insel. Denn was ganz offenkundig ist: Wir transportieren mit „Bild Mallorca" eine Sehnsucht. Und ganz viele Zuhausegebliebene kucken nachts die Live-Streams, wo Peter Wackel auf der Bühne steht, und schauen nebenbei schon nach den nächsten Flügen. Die Sehnsucht nach dieser Insel ist so groß, dass wir damit scheinbar direkt ins Herz treffen.

Hinweis der Redaktion: Wir haben den "ordinären Charakter" der Playa korrigiert, richtig war "originär".

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