Hoffen auf Normalität

Djamila, Abdul und Siwar sind syrische Studenten an der Balearen-Universität – und vergleichsweise privilegiert. Doch wie lebt es sich auf der „Insel der Ruhe", wenn das eigene Land in Trümmern liegt?

09.12.2016 | 18:12
Siwar ist der Einzige der drei syrischen Studenten, der sich fotografieren lassen will.

Djamila
Wenn Djamila* die Bilder der Bomben und Explosionen im Fernsehen sieht, möchte sie am liebsten sofort zum Hörer greifen. Geht es ihrer Familie in Damaskus gut, was machen die Freunde? „Ich telefoniere täglich mit meiner Mutter, und mit meinen Freunden bin ich ständig über Facebook oder Whatsapp in Kontakt", erzählt die 32-Jährige. Sie lebt seit 2014 in Palma. Die Balearen-Universität ermöglichte ihr ein Vollzeit-Stipendium, ihr Forschungsschwerpunkt ist Pädagogik und Staatsbürgerkunde. Djamila mag die spanische Sprache, Palma erinnert sie ein wenig an Damaskus. Dieses Stück Heimat wollte sie sich in der Ferne holen. „Ich dachte, ich könnte auf Mallorca glücklicher sein als
in Schweden oder Italien."

Mallorca, für viele der Inbegriff von Lebensfreude, Urlaub und Sicherheit. Auf der BalearenInsel gibt es keine Auffangcamps für Flüchtlinge wie auf anderen Inseln im Mittelmeer. Aktuell leben lediglich zwei Flüchtlingsfamilien in einer ehemaligen Jugendherberge in Arenal. Und offiziell gibt es auf der Insel nur etwas mehr als 50 gemeldete Syrer. Viele von ­ihnen kamen schon vor dem Ausbruch des Krieges.

Auch Djamila wünscht sich Sicherheit und vor allem einen normalen Alltag. Sie möchte sich vom Stigma des „Flüchtlingsseins" abgrenzen, was ihr nicht immer leichtfällt. Djamila genießt das Leben auf der Insel, sie geht zu internationalen Austauschtreffen, im Sommer zieht es sie an den Strand. Ein ganz normales Studentenleben eben. Doch die Umstände machen es ihr schwer. „Syrer sein", das allein setzt bei vielen Menschen aktuell schreckliche Bilder im Kopf in Gang. „Wenn ich sage, dass ich aus Syrien komme, dann möchten die Leute dramatische Geschichten von der Flucht über das Meer hören", sagt sie. Vielerorts schlage ihr Mitleid entgegen, etwa bei der Anmeldung beim Arzt, bei der sie ihr Herkunftsland der Sprechstundenhilfe nennt. Manche Menschen bringen ihr abgelegte Kleider.

„Ich möchte das nicht", sagt sie, und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Es sind Tränen der Wut. Wut darüber, dass ihr Stolz und ihre Eigenständigkeit aus dem Gleichgewicht geraten sind. Sie, die sonst selbst bei Nicht-Regierungsorganisationen in Syrien und im Libanon im Rahmen pädagogisch-psychologischer Programme Lehrerinnen ausbildete und Flüchtlingen ­innerhalb von Syrien half, bekommt von außen ungefragt den Stempel „mitleiderregend" aufgedrückt. Das Mitgefühl der Spanier kommt verzerrt bei ihr an, es hilft ihr nicht dabei, die katastrophale Situation ihrer Heimat zu verarbeiten. Deshalb erzählt sie jetzt lieber nicht mehr, woher sie stammt. Mit ihren schwarzen Locken geht sie als Spanierin durch, erst wenn sie anfängt zu sprechen, merkt man, dass sie nicht von hier kommt.

Der Riss des Landes geht durch ihre eigene Familie. Einige Familienmitglieder des weit verzweigten Clans, der zur Elite von Damaskus gehört, sind Unterstützer der Opposition, andere sind Anhänger von Baschar al-Assad. Djamila selbst bezeichnet sich als Atheistin und Kommunistin. Ihre Eltern studierten in der ehemaligen Sowjetunion.

„Ich bin nicht nach Mallorca gekommen wegen der Situation in Syrien. Ich habe nicht das Gefühl, dem Krieg entkommen zu sein", betont die Doktorandin. Erst kürzlich war sie in der alten Heimat. Statt der bisher vier Stunden Flug dauerte die Reise 20 Stunden mit aufwendigen Kontrollen an der Grenze zum Libanon.

Ihre Aufenthaltsgenehmigung auf Mallorca läuft im Mai 2017 aus. Djamila versucht, einen Job zu finden, der sie danach ernähren kann – kein einfaches ­Unterfangen. Dazu bräuchte sie einen EU-Pass, auch der Flüchtlingsstatus würde ihr die Jobsuche erleichtern. „Soll ich Flüchtlingsstatus haben, damit ich hier arbeiten darf?" Sie habe das Gefühl, man wolle sie zu einem Flüchtling machen. „Das will ich nicht!"

Abdul
Auch Abdul* kommt aus Damaskus, auch er studiert im Rahmen eines Masterprogramms an der Uni in Palma und auch er hat ein Studentenvisum. Er ist der älteste von vier Geschwistern. Seine Familie bekam vor vier Jahren eine Aufenthaltsgenehmigung für die USA, eine Greencard. Abdul war zu diesem Zeitpunkt schon 21 Jahre alt und damit nicht mehr berechtigt, als Kind mitzureisen. „Ich musste meine Familie ziehen lassen." Fortan blieb er alleine in Damaskus zurück, die Versuche, ihnen nachzureisen, scheiterten.

Als Mann hätte er in Syrien seinen Militärdienst ableisten müssen. Abdul wollte nicht zur Armee. „Nicht aus Angst, selbst umzukommen, sondern weil ich die Armee nicht unterstützen möchte, ich möchte niemals jemanden umbringen", sagt der gläubige Moslem. Die Universität schützt die Männer in Syrien davor, eingezogen zu werden, also machte Abdul einen Bachelor in Elektro-Ingenieurswesen, dann noch einen in Telekommunikation.

Abdul stammt aus dem östlichen Teil von Damaskus. Die Situation dort: Viele Checkpoints, ständige Kontrolle, besonders die Männer wurden häufig angehalten. Sein Radius wurde immer kleiner. Uni – Zuhause – Uni. „Manchmal blieb ich wochenlang im Haus aus Angst vor Anschlägen oder davor, eingezogen zu werden." Aber man gewöhne sich an den Krieg, zumindest in Damaskus. Es gibt keinen Strom? Dann nehmen wir halt Batterien. Kein Wasser? Irgendwelche Lösungen finden sich immer .

Nach Abschluss der Bachelor-Studiengänge bewarb er sich überall für einen Master, auch in Deutschland – bei mindestens fünf Universitäten. „Keiner nahm mich, nur in Palma bekam ich einen Platz." Wäre auch dieser Plan gescheitert, hätte er wohl die Flucht über das Meer gewagt. „Ich musste raus aus Syrien, raus." Abdul kann nicht wieder zurück. „Ich gelte als Landesverräter, weil ich nicht bei der Armee war und mein Land verlassen habe."

2015 kam das ersehnte „Okay" für den Studienplatz in Palma. Abdul spricht fließend Englisch, und seit einem knappen Jahr büffelt er Spanisch an der Sprachschule. Er wohnt bei einer portugiesischen Familie in Palma und fühlt sich dort sehr wohl. Dennoch lebt er eher zurückgezogen, seine mallorquinischen Kommilitonen sind liiert und ziehen nicht mehr „um die Häuser".

Offiziell ist Abdul Student und kein Flüchtling. Das möchte er auch nicht sein. „Es geht mir besser, wenn ich mich als Student verstehe. Zudem hat niemand hier wirklich Lust auf Flüchtlinge", sagt er. Auf der Homepage einer Veranstaltung der Uni zum Thema refugiados hätten auch Hasskommentare gestanden – „geht doch zurück!". In der Anonymität zeigten viele Leute ihr wahres Gesicht. Abdul möchte „aufklären", möchte von der Situation in seiner ehemaligen Heimat erzählen, die Unwissenheit vieler Mitstudenten sei groß. Fragen wie: „Reitet ihr noch auf Pferden", zeigten, wie wenig sie über sein Land wüssten.

Der 26-Jährige mit den kurzen dunkelbraunen Haaren hat Angst. Seinen wirklichen Namen und sein Foto möchte er auf keinen Fall in der Zeitung lesen. „Ich habe noch Familienangehörige in Syrien, die könnten in Schwierigkeit kommen, wenn ich etwas Kritisches sage." Die Macht des diktatorischen Assad-Regimes streckt seine Hände noch über die Landesgrenzen hinaus aus und beschert Abdul nächtliche Albträume.

„Manchmal träume ich, dass ich tot bin, manchmal dass ich verhaftet werde. Wenn meine Eltern am Telefon fragen, wie es mir geht, sage ich aber immer „Alles in Ordnung." Wie bei Djamila wäre das Leben für Abdul als Flüchtling fast leichter. Ironie des Schicksals: Als Nicht-Flüchtling genießt er keinen politischen Schutz. Sein Pass läuft nächstes Jahr ab. Der Besuch bei der syrischen Botschaft zur Verlängerung bereitet ihm Sorgen. Der junge Sunnit ist auf Mallorca in Sicherheit. Äußerlich. Innerlich toben in ihm große Ängste.

Siwar
Siwar ist ein Mallorca-Neuling. Zum Zeitpunkt des Gesprächs ist er erst seit zwei Tagen auf der Insel. Siwar macht hier einen Master in Ernährungswissenschaften. Im Gegensatz zu Djamila und Abdul ist er ein offizieller Flüchtling. Ein mehrjähriger Papierkrieg war nötig, um diesen Status zu erhalten.

Den Krieg selbst kennt er nur aus dem Fernsehen und von den Geschichten seines Vaters, seiner Geschwister und Freunde, die daheim in Aleppo geblieben sind. Der 29-jährige Kurde lebt schon seit sieben Jahren in Spanien – noch bevor 2011 der Aufstand gegen Baschar al-Assad losbrach, der dann zum Bürgerkrieg eskalierte. Als Aktivist, der für die Kurdenrechte eintrat und damals heimlich Kurdisch an der Universität von Aleppo unterrichtete, wäre wohl auch er schnell in das Visier des Assad-Regimes geraten. Eine Zukunft in Syrien war für ihn nicht denkbar. Er hatte Familie in Spanien, bekam ein Visum und einen Studienplatz in Ciudad Real, südlich von Madrid, wo er einen Bachelor in Biochemie machte. Sein Spanisch ist fließend, locker streut er typische Redewendungen ein, sein breites Lachen steckt an.

22 Jahre hat er in Aleppo gelebt, ist dort zur Schule gegangen und zur Uni. Als Kurde spürte er oft Repressalien, er und seine Freunde durften in der Öffentlichkeit nicht auf Kurdisch sprechen. Dabei betont er: „Ich bin vor allem Mensch. Und erst dann Kurde und Syrer." Siwars Eltern leben noch in der Nähe von Aleppo, seinen Vater sah er zum letzten Mal vor sieben Jahren. Die beiden Geschwister haben die Flucht nach Deutschland geschafft. „Als einige der Letzten, bevor die Grenzen geschlossen wurden."

Siwar engagiert sich bei der Menschenrechtsorganisation Amnesty International in Spanien und hält Vorträge über den Bürgerkrieg. Er plädiert für einen absoluten Stopp der Waffenlieferung und ein Flugverbot über Syrien. „Lasst das syrische Volk den Krieg alleine lösen." Ob das realistisch sei, um den Frieden herbeizuführen? „Nein", gibt er zu, das sei es nicht.

Hinter der Universität von Palma liegen Hänge mit Olivenbäumen. Das Thermometer misst spätsommerliche 20 Grad, dabei ist es Mitte November. Siwar trägt ein T-Shirt und genießt das milde Klima. Das sei ein Stück Heimat, sagt er. In dem Dorf seiner Eltern gebe es auch Olivenbäume. Die Insel hilft dem Kurden dabei, durchzuatmen. Siwar sehnt sich wie Abdul und Djamila nach Normalität. „Manchmal möchte ich auf reset drücken und ganz neu anfangen", sagt er. Heimat? „Mein Land ist dort, wo ich in Würde leben kann." Als Kurde wurde ihm dieses Recht bisher vorenthalten, gleichzeitig erkenne er Syrien als sein Land an, 22 Jahre des Lebens ließen sich nicht einfach wegwischen, sagt er.

Siwar wirkt stark. Er lacht viel, mischt sich unter Leute, treibt Sport und spielt Gitarre. „Am Wochenende werde ich mit der Erasmus-Gruppe wandern gehen", erzählt er. Sogar zur Uni geht er zu Fuß, 1,5 Stunden, um die Gegend besser kennenzulernen.

Und dann blitzt kurz eine andere Seite hervor: „Wenn ich das alles von außen sehe, erfüllt mich
eine tiefe Trauer um mein Land. Und ich habe ständig Angst um meine Eltern." Sekunden später ist der optimistische Siwar wieder da: „Venga, cuídate – lass es dir gut gehen", sagt er, als er sich lachend vom Interviewtermin verabschiedet. Aufmunternde, warme Worte, die er selbst auch gebrauchen kann. * Name geändert

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