Ulrike Lunacek: ein Regenbogen-Schal für den Papst

Die Vize-Präsidentin des EU-Parlaments, Gast beim Lesben-Festival Ella auf Mallorca, über Hass in sozialen Netzwerken, den Mut zum Outing und schwule Flüchtlinge

31.12.2016 | 02:30
Präsenz in der Hetero-Öffentlichkeit zeigen: Lunacek beim Fototermin vor dem Museum Es Baluard.

Traut euch, das Leben ist nach dem Outing viel leichter und macht mehr Spaß – mit dieser Botschaft ist Ulrike Lunacek nach Mallorca gekommen, um am Donnerstag (29.12.) auf dem Lesben-Festival Ella zu sprechen. Die österreichische Grünen-Politikerin und Vizepräsidentin des EU-Parlaments hat die Schwerpunktthemen Internationale Politik und Menschenrechte. Die 59-Jährige, die mit einer gebürtigen Peruanerin zusammenlebt, engagiert sich darüber hinaus in einer fraktionsübergreifenden Interessengruppe für die LGBTI-Community, also Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Intersexpersonen.

Wer in der Öffentlichkeit steht, wird gerade über die sozialen Netzwerke leichter angefeindet. Welche Zielscheibe bieten Sie?
Ich merke schon, dass Hassreden in den sozialen Medien zugenommen haben. Das habe ich aber früher auch erlebt, da wurde das anonym per Post geschickt. Bei mir mischen sich allerdings die Themen, etwa wegen meiner Rolle als Berichterstatterin für den Kosovo. Die schlimmsten Situationen habe ich direkt vor Ort erlebt, bei Regen­bogenparaden in Ländern, in denen die Gesellschaft noch weniger offen ist. In Bratislava wurden mir einmal trotz Polizei-Abriegelungen rund um den Platz Steine auf die Bühne geworfen. Für Menschen, die jetzt erst ihr Coming-out haben, mag die Hetze in den sozialen Netzwerken einschüchternd wirken. Ich jedenfalls gehe offen damit um. Sonst fürchtest du dich dein Leben lang.

Der Präsident des österreichischen Bundesrats, Mario Lindner, hat nach einer Attacke auf einen schwulen Bekannten aus Solidarität ein Foto auf Facebook veröffentlicht, auf dem er einen Mann küsst. Wie weit würden Sie gehen?
Als ich vor 21 Jahren in die Politik ging, kandidierte ich offen als Lesbe. Ich war als Erste in Österreich überhaupt öffentlich sichtbar. Es gab lesbische und schwule Politiker, aber das hat keiner laut gesagt. Ich war sehr froh über die Aktion von Mario Lindner. Mit Privatfotos halte ich mich jedoch aus Rücksicht auf meine Partnerin zurück. Wichtig ist, dass ich Position beziehe. Stellen Sie sich vor, in meiner Schulzeit kannte ich das Wort lesbisch gar nicht. Deswegen ist es mir heute wichtig, in der Hetero-Öffentlichkeit zu zeigen, dass Lesben und Schwule Menschen sind wie alle anderen auch.

Wie viel Verständnis haben Sie dafür, wenn lesbische Karrierefrauen ihre sexuelle Identität für sich behalten wollen?
Das hält sich in Grenzen. Es gibt mittlerweile genügend Unternehmen, in denen das sehr wohl akzeptiert wird. Wir müssen uns als Lesben und Schwule diesen öffentlichen Raum nehmen und ihn größer machen für andere. Ob im Ministerium oder im Sportverein – oft ist die Angst vor Diskriminierung größer als das, was dann tatsächlich passiert. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.

Wie groß ist die Sorge, auf die Rolle als Lesbe reduziert zu werden?
Als ich 1995 erstmals für die Grünen kandidiert habe, war schon klar, dass sich viele Medien vor allem für die Lesbe in der Öffentlichkeit interessierten. Ich war auch die Erste, insofern war das in Ordnung. Das Thema ist mir wichtig, aber ich habe immer darauf geachtet, dass es etwa neben Außenpolitik und Menschenrechten nicht mein einziges Thema ist.

Auch in der Rolle als Vizepräsidentin im EU-Parlament?
Ich bin nun einmal die erste in der Position, die offen lesbisch lebt. Als zum Beispiel vor zwei Jahren der Besuch des Papstes im EU-Parlament anstand, habe ich mich gefragt, wie ich mich verhalten sollte. Als Feministin und Lesbe war ich schließlich schon vor fast 40 Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten. Ich wollte nicht einfach wegbleiben beim offiziellen Empfang. Ich schenkte ihm dann einen Schal in den Regenbogenfarben – als Zeichen für Frieden, für Indigene, aber auch für Lesben und Schwule. Und sagte ihm auf Spanisch, dass ich hoffe, dass er die angekündigten Dinge umsetzt.

Wie hat er reagiert?
Er hat den Schal genommen, gelächelt und ist weitergegangen.

Bekommen Sie auch manchmal zu hören: ´Wir haben noch andere Probleme in dieser Welt.´
Hin und wieder schon, gerade bei den Regenbogenparaden. Es ist okay, über religiöse und ethnische Minderheiten zu sprechen, aber weniger über Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender. Das hat damit zu tun, dass immer das Thema Sexualität mitschwingt. Es heißt oft: Müsst ihr immer so laut sein? Aber solange es Hass und Diskriminierung gibt, müssen wir offensiv damit umgehen.

Inwieweit kann die EU-Antidiskriminierungsrichtlinie helfen?
Eine Richtlinie hinsichtlich rassistischer Diskriminierung ist ja bereits umgesetzt. Eine weitere, in der es um Schutz vor Diskriminierung hinsichtlich Alter, politischer Weltanschauung, Religion, Behinderung, aber eben auch sexueller Orientierung außerhalb der Beschäftigung geht, hängt seit 2009 im Rat fest. Es gibt in Deutschland die Sorge, dass die nötige Barrierefreiheit den Unternehmen teuer zu stehen käme. Ich bin als Berichterstatterin im Parlament für lange Übergangsfristen. Und Deutschland hat schon fast alles umgesetzt, und blockiert inzwischen nicht mehr im Rat, aber es geht derzeit auch nicht vorwärts. Schutz vor Diskriminierung muss aber europaweit einheitlich für alle Minderheiten sein.

Die Balearen-Regierung plant ein Gesetz gegen Diskriminierung, das auch Geldstrafen vorsieht.
Bei massiven Beleidigungen oder Gewaltandrohungen befürworte ich so etwas. Aber man muss mit Strafen sehr vorsichtig sein. Wir brauchen eher Aufklärung, Unterstützung und mehr Zivilcourage, um die Gesellschaft zu verändern.

Der schwule, aber konservative CDU-Politiker Jens Spahn hat Homophobie bei Einwanderern thematisiert.
Bei patriarchalisch geprägten Muslimen erweisen sich Frauenrechte schon als Problem, von der Anerkennung von Lesben und Schwulen ganz zu schweigen. Aber in allen Religionsgemeinschaften sind die Fundamentalisten erstarkt, auch bei katholischen oder orthodoxen Christen, und evangelikale Gruppen bringen sich massiv ein. Die erkämpften Freiheitsrechte müssen gegen egal welche Religion verteidigt werden. Andererseits sollte die Normalität von Lesben und Schwulen auch bei der Integration, etwa in Deutschkursen vermittelt werden. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass Menschen flüchten, weil sie lesbisch oder schwul sind.

Veranstaltungskalender: Programm des Festivals

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