Flagge zeigen auf Mallorca gegen den "Frexit"

„Mallorca en marche": Warum ein Deutsch-Franzose für Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron trommelt

29.03.2017 | 14:49
Kommt aus Deutschland, wohnt auf Mallorca, lehrt in England und liebt Frankreich: Olaf Bachmann.

Der erste Schritt ist getan: Am vergangenen Montag (20.3.) schaute Olaf Bachmann beim französischen Honorarkonsulat in Palma vorbei, um das Wahlregister einzusehen. Er will wissen, wer am 23. April beim ersten Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahlen auf der Insel stimmberechtigt ist. Die Insel-Franzosen können dann wie auch woanders in Spanien auf dreierlei Weise abstimmen – per Briefwahl, per Vollmacht sowie auch direkt im Konsulat in Palma, wo ebenfalls eine Urne aufgestellt wird.

Egal, auf welchem Weg sie ihre Stimme abgeben, sie alle soll Bachmanns Initiative „Mallorca en marche" (in etwa: Mallorca auf dem Weg) erreichen – ein Insel-Ableger der Bewegung „La France en marche". Dass sich ein Deutscher auf Mallorca dafür einsetzt, dass die Mallorca-Franzosen an den Präsidentschaftswahlen teilnehmen und ihre Stimme möglichst dem früheren Wirtschaftsminister Emmanuel Macron geben, erscheint nur auf den ersten Blick ungewöhnlich. Die Entscheidung zwingt sich aber geradezu auf angesichts des Werdegangs, der Arbeit und auch des Privatlebens von Olaf Bachmann.

Ein waschechter Europäer

Der gebürtige Bielefelder ist so etwas wie der Prototyp eines Europäers: Studium in Großbritannien, verheiratet mit einer Französin, deutsche und französische Staatsbürgerschaft, Wohnsitz in Palma, Lehrauftrag am King's College in London für Kriegswissen­schaften und damit Experte für nationalistische Bewegungen, die fast immer „ins Desaster geführt haben". Und nun will Bachmann nicht mitansehen, wie sich populistische und fremdenfeindliche Strömungen, für die auch die Extremistin Marine Le Pen steht, dazu anschicken, die Errungenschaften Europas abzuschaffen. „Das wird eine Wahl, die über Wohl und Wehe der Europäischen Union entscheidet."

Dass sich sein Engagement nicht auf die Stimmabgabe beschränken kann, das wurde dem 56-Jährigen nach dem Referendum zum Brexit klar. Die Auswirkungen spürte der Gastdozent, der jede Woche nach London pendelt, umgehend am eigenen Leib. Da er für seine Lehrtätigkeit in Pfund bezahlt wird und dieses mit einem Mal um 20 Prozent nachließ, standen schwierige Neuverhandlungen seines Vertrags an. Der Universität drohen reihenweise Forschungsgelder abhanden zu kommen. Und richtig kompliziert dürfte es für den Gastdozenten werden, sobald England dann ganz aus der EU raus ist: Dann wird in Folge des Wegfalls des jetzigen Steuerabkommens auch noch die Mehrwertsteuer auf die Gehaltsrechnung aufgeschlagen werden müssen. „Der Brexit zieht einen Rattenschwanz von Problemen nach sich", so Bachmann.

Nicht auszudenken, wenn nun die Rechtspopulistin Marine Le Pen in Frankreich an die Macht kommen sollte – und dem europäischen Projekt sowie dem Euro den Rücken kehren würde. Laut Umfragen ist dies zwar keine unmittelbare Gefahr: Le Pen liegt zwar derzeit leicht vor Macron – spätestens im zweiten Wahlgang am 7. Mai dürften sich die Demokraten aber auf den Gegenkandidaten von Le Pen einschwören. Doch „wir dürfen uns keine Leichtsinnigkeit und Überheblichkeit leisten", so Bachmann. Schließlich hätten auch die wenigsten mit Brexit und Donald Trump gerechnet.

Bloß keine Protestwahlen

Ganz klar, das Parteiensystem ist in die Krise gekommen, die Glaubwürdigkeit der Eliten bröckelt, die Bevölkerung entfernt sich zusehends vom politischen System. Doch „Protestwahlen haben Konsequenzen", so Bachmann. „Man handelt sich für das kurze Gefühl, jemanden bestraft zu haben, viele Nachteile ein." Wie schnell Dinge, die in Jahrzehnten aufgebaut wurden, mit einem Schlag kaputt gemacht werden können, das weiß der Deutsch-Franzose nur zu gut aus seinen Forschungen, in deren Rahmen er sich auch Regime in Zentralafrika aus der Nähe angeschaut hat. Und gerade in Europa steht sehr viel auf dem Spiel. „Schauen Sie, für meinen Ehering habe ich Stahl gewählt, das Material, aus dem im Zweiten Weltkrieg die Kanonen gemacht wurden." Die Montanunion von 1951 besiegelte den Frieden zwischen Deutschland und Frankreich und schuf die Basis für die spätere EU. Und stählern ist auch das Symbol der grenzübergreifenden Ehe, die es dem Deutschen erlaubte, die französische Staatsbürgerschaft zu beantragen. „Ich lebe Europa", so Bachmann.

So leidenschaftlich er für die europäische Idee eintritt, so rational hat er den Kandidaten Macron zu seinem Favoriten gewählt. „Es ist kein perfekter Kandidat, er ist aber besser als das kleinste Übel." Zum einen habe er die größten Chancen, die „Faschistin" Le Pen zu verhindern – im Gegensatz zum konservativen Fillon, gegen den ein Strafverfahren läuft, und zum abgeschlagenen Linkssozialisten Hamon. Zum anderen gefallen Bachmann die Idee eines „Vertrags mit den Franzosen" und die Pragmatik Macrons, etwa bei der versprochenen Umsetzung von einer Art Gutschein von 500 Euro im Jahr, den die Franzosen für Bildung, Kultur oder Medien ausgeben können.

Netzwerken für Macron

Die Botschaft ist also klar, nun muss ein Weg gefunden werden, sie an die Insel-Franzosen zu bringen. Bachmann braucht Unterstützung, um seine Seite des comité local sowie seine Facebook-Gruppe „Mallorca en Marche" auf der Insel bekannt zu machen. Da wäre zum einen ein französischer Business-Club mit 400 eingeschriebenen Mitgliedern, die sich regelmäßig treffen. Da wären die Adressen des Wahlregisters. Da wären die Ciudadanos Europeos. Und da wären die internationalen Medien, auf die Bachmann setzt, nicht nur auf den französischsprachigen „Le Courrier d'Espagne" – die Ausländer seien schließlich oft gut vernetzt, viele Deutsche hätten auch Franzosen in ihrem Freundeskreis.

In Spanien haben sich inzwischen ein halbes Dutzend Komitées gebildet, die die Kandidatur von Macron unterstützen, etwa in Madrid, Barcelona oder Valencia. Auch auf die Stimme der in Großbritannien lebenden Franzosen setzt Bachmann – allein rund 300.000 in London, „sie sind ein enormes Potenzial, sie wissen, was der Brexit bedeutet."

Mut macht dem Wahl-Mallorquiner außerdem, dass sich inzwischen verstärkt die Gegner von Populismus und Fremdenfeindlichkeit in Europa Gehör verschaffen. Dazu gehört der glimpfliche Ausgang der Wahlen in den Niederlanden oder auch die Euphorie um den neuen SPD-Vorsitzenden Martin Schulz in Deutschland, der sich das bedingungslose Ja zur europäischen Einigung auf die Fahnen geschrieben hat. Und gerade auf Mallorca dürften deren Vorteile sowie auch die möglichen Konsequenten eines „Frexit" jedem Wähler schnell einleuchten, hofft Bachmann.

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