Als neunfache Mutter braucht man Spaß am Chaos

Insel-Residentin Silvia Czaja hat neun Kinder und Bremen noch ein zehntes Baby: einen Techno-Club

22.10.2017 | 01:00
Da fehlen noch zwei: Silvia Czaja mit Mathilda, Stella (li.), Clara (re.), die Zwillinge Elias und Aron, Johanna und ganz hinten Emily.

Indianer kennen keinen Schmerz, Silvia Czaja schon. Als sich die dreijährigen Zwillinge Aron und Elias auf den Rücken ihrer am Boden liegenden Mutter werfen, sich mit ihren kleinen Hände in den langen blonden Haaren festkrallen, stöhnt Silvia Czaja auf. „Jetzt ist aber gut, das tut Mama weh!" Die Kleinen lassen von ihr ab, fallen dann aber doch wieder auf sie drauf. „Ich laufe lieber einen Marathon, als ein Familienfoto zu machen. Das ist weniger anstrengend", sagt die 44-Jährige gebürtige Bremerin und lacht. Silvia ist neunfache Mutter.

Wir besuchen sie auf ihrer Finca im Osten der Insel. Seit vier Jahren wohnt sie mit ihrer Familie in einer Gegend, in der man eigentlich kein Haus mehr erwartet. Eine Schotter­piste führt zu einem geschwungenen Eisentor, das sich nach dem Klingeln ferngesteuert öffnet. Über das Knirschen der Räder legt sich das baritonale Bellen der Deutschen Dogge Kurt.

Von Silvia Czajas Veranda aus hat man einen herrlichen Blick auf eine sanft geschwungene Hügelkette in der Ferne. Direkt vor dem Haus befindet sich ein kleiner Spielplatz mit Schaukeln, Trampolin und einem Kletterhaus samt Rutsche. Links davon, zur Sicherheit mit einem Zaun versehen, ein kleiner Swimmingpool. Auf der Veranda will Motte, eine Olde English Bulldogge, gestreichelt werden.

Alle wollen eins: Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit fordern auch die Zwillinge Johanna und Emily ein, beide sieben Jahre alt. Das jüngste Familienmitglied Mathilda kam vor fünf Monaten auf die Welt. Clara ist fünf, Stella 15 Jahre alt und geht in Lüneburg auf ein Internat. „Es war ihr Wunsch. Sie hat sich mit Mallorca nie anfreunden können, da habe ich sie schweren Herzens ziehen lassen", sagt Silvia Czaja. Ebenfalls in Deutschland leben Sophie (21), die in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik studiert, „unser Einstein." Die älteste Tochter Romina (24) hat eine Ausbildung zur Opernsängerin gemacht und besucht die Stage School in Hamburg, wo sie zur Musicaldarstellerin ausgebildet wird.

Romina, Sophie und Stella kommen sozusagen aus erster Ehe, nur dass Silvia Czaja nicht mit ihrem damaligen Partner verheiratet war. Geheiratet hat sie im Jahr 2004 Axel Czaja, er hat ihr nach drei Wochen Beziehung einen Heiratsantrag gemacht. „Ich habe einfach Ja gesagt." Kennengelernt haben sich die beiden im Shagall, einer Disco in Bremen, wo sie neben ihrem Wirtschaftsingenieur-Studium an der Theke gearbeitet hat. Heute gehört ihr der Club. Aber dazu später mehr.

Wie ein Sechser im Lotto


Sechs Jahre bekommt das Paar keine Kinder. Dann wird Silvia Czaja mit Johanna und Emily schwanger. „Sie waren wie ein Sechser im Lotto." Doch als die beiden 2010 zur Welt kommen, merken die Eltern schnell, dass etwas nicht stimmt. „Johanna hat sich wund gekratzt, ständig hat sie sich in der Wiege bewegt." Bei der Kleinen wird Neurodermitis diagnostiziert, viel machen könne man da nicht, sagen die Ärzte. Ein Klimawechsel könnte ihr guttun, empfiehlt einer von ihnen. Es bräuchte ein mediterranes Umfeld mit einem Flughafen, der hervorragende Anbindungen nach Hamburg bietet, damit Axel Czaja seinen Job als Gebäude-Ingenieur nicht aufgeben muss und am Wochenende zu der Familie fliegen kann. Warum nicht Mallorca?

Ein Freund in Manacor hilft bei der Wohnungssuche, 2011 zieht die Familie um. Nur ein Jahr später wird Silvia Czaja erneut schwanger, 2012 wird Clara geboren. „Dann wollten wir unbedingt noch einen Jungen", sagt Silvia. Und weil das Schicksal Sinn für Humor hat, kommen die Jungs im Doppelpack. „Die Zwillinge waren als Babys extrem anstrengend", sagt Silvia Czaja. Keine zwei Stunden hätten sie am Stück ­geschlafen. „Auch heute haben die beiden jede Sekunde Unfug im Kopf."

Drei Nannys helfen


Silvia Czaja stellt drei Nannys ein. Zwei helfen in der Woche, eine am Wochenende. Das Familienleben ist organisiert, was gibt es sonst noch zu tun? „Ich wollte endlich wieder arbeiten", sagt sie. „Wir veranstalten in Deutschland jedes Jahr eine Gartenparty. Da kam die Idee auf, eine Houseparty zu organisieren." Silvia gründet die Agentur Vinyl Sound Museum. Die Partys laufen so gut, dass sie bald nach einem eigenen Club sucht, um sich nicht mehr einmieten zu müssen. Ein Freund erzählt ihr, dass das Shagall in Bremen zu haben ist. „Ich habe meinem Mann immer den Rücken freigehalten, jetzt war ich einmal dran."


Marusha kommt


2015 kaufen sie den Club. „Wir haben eine Ruine übernommen und renovieren nach und nach." Im Shagall finden Mottopartys statt. Mal Rock, mal Grufti, mal Gay, aber immer wieder Techno. „Techno ist meine Leidenschaft." Silvia Czaja schreibt ihre Helden aus den 90er-Jahren E-Mails. Immer wieder bittet sie darum, dass sie in ihrem Club auftreten sollen. Bis Dr. Motte, Mitbegründer der Love Parade in Berlin, zusagt. ­Mittlerweile war auch WestBam schon da, im Dezember kommt Marusha.

2016 wird Silvia Czaja noch einmal schwanger. „Das war so eigentlich nicht geplant." Aber Mathilda sei ein Baby zum Genießen. „Sie wacht nur einmal in der Nacht auf", sagt sie. „Bei der Entlassung im Krankenhaus haben sie gesagt: 'see you soon', aber mehr Kinder müssen es wirklich nicht sein."

Das Shagall sei ihr zehntes Baby. Per Whatsapp-Gruppe managt sie während der Woche den Club, ihre beste Freundin Christine Jahn hält für sie die Stellung. Jedes zweite Wochenende fliegt Silvia Czaja nach Bremen, um das Team zu treffen. Doch statt Personalversammlungen gehe man zusammen bowlen oder essen, um die Teamfähigkeit zu fördern. Ist das alles nicht irre anstrengend?

„Ich bin seit 25 Jahren im Mutti-Geschäft, der Körper gewöhnt sich an wenig Schlaf." Und man müsse „Spaß am Chaos" haben. Außerdem spiele neben der Familie und dem Shagall Sport eine sehr große Rolle. Mit einer Shagall-Sportgruppe nimmt sie zum Beispiel an größeren Läufen teil, Marathon gehört dazu, aber auch
Crossfit. „Das brauche ich als Ausgleich und versuche auch, möglichst viele Menschen zum Mitmachen zu motivieren."

Die größeren Kinder gehen auf die Luis-Vives-Schule in Palma, zu Weihnachten kommt die gesamte Familie zusammen. „Darauf bestehe ich." Und sie wünscht sich jedes Jahr ein Familienfoto. „Auch wenn das Knochenarbeit ist", sagt sie und lacht.

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