Mit „Moodfood" gegen Kummer und Speck

Die Balearen-Universität sucht Teilnehmer für eine europaweite Studie, die den Zusammenhang zwischen Übergewicht und Depressionen untersucht

09.10.2015 | 09:13
Clara Homar zeigt wie´s geht: Obst und Gemüse für ein sonniges Gemüt

Clara Homar telefoniert wieder einmal. „Wie groß sind Sie?" fragt sie, dann: „Wie viel wiegen Sie?" Es folgen einige Fragen zum Gemütszustand der Person am anderen Ende der Leitung. Das Ergebnis: Die Kriterien sind erfüllt.

Clara Homar ist Mitarbeiterin am Institut für Psychologie der Balearen-Universität (UIB). Seit Anfang des Monats suchen sie und ihre Mitarbeiter 250 Freiwillige für „Moodfood" – eine europaweite, interdisziplinäre Studie, die die Bereiche Psychiatrie, Ernährungswissenschaften, Verbraucherverhalten und Präventionspsychologie umfasst. Insgesamt 13 Institutionen aus neun Ländern nehmen teil.

Nicht nur die UIB sucht derzeit Teilnehmer für die klinische Studie, auch in Leipzig, Amsterdam und Exeter sollen jeweils 250 Erwachsene bis 75 Jahre teilnehmen. Voraussetzungen: leichtes bis deutliches Übergewicht, genauer gesagt ein Body-Mass-Index (BMI) zwischen 25 und 40, sowie leicht depressive Symptome. Denn „Moodfood" widmet sich zwei Krankheiten, die auf dem besten Wege sind, sich zu einer Art Epidemie zu entwickeln: Obesität und Depressionen. Die psychische Störung ist der WHO zufolge in den Industrienationen heute bereits der dritthäufigste Krankheitsgrund. Nach derzeitigen Schätzungen soll sie bis zum Jahr 2030 an erster Stelle stehen.

Mit Kummer und Speck ist es ein wenig wie mit Henne und Ei: Es gibt bislang keine hinreichenden Belege dafür, wer zuerst da war. Doch der Verdacht auf einen direkten Zusammenhang scheint sich zu erhärten. „Es gibt Hinweise, dass insbesondere mediterrane Kost mit viel Fisch, Gemüse und reich an Omega-3-Fettsäuren das Risiko einer Depression um 30 Prozent senken kann", sagt Elisabeth Kohls. Die Psychologin koordiniert die klinische Studie an der Universität Leipzig. Kohls und Homar verweisen zudem auf Untersuchungen, in denen bei Depressiven ein Mangel verschiedener Nährstoffe festgestellt wurde, von Zink über Vitamin-D bis Folsäure. Im Laufe der Studie wollen die Wissenschaftler nun die Zusammenhänge zwischen Nahrungszusammenstellung, Ess- und Ernährungsgewohnheiten, Übergewicht und Psyche aufdecken.

Die Europäische Union fördert das Projekt über einen Zeitraum von fünf Jahren mit insgesamt 8,9 Millionen Euro. „Ohne diese Unterstützung wäre Moodfood nicht möglich", sagt Kohls. Das Geld scheint gut angelegt: Immer mehr EU-Bürger sind betroffen, die Zahl der Krankmeldungen steigt, was wiederum Wirtschaft und Krankenkassen belastet. Wer an Depressionen leidet, fällt auf der Arbeit teils über Wochen aus. Und wer deutlich zu viel auf die Waage bringt, hat ein erhöhtes Risiko für zahlreiche Folge­erkrankungen, von Gelenk­problemen über Diabetes bis hin zum Herzinfarkt.

In den Mitgliedsstaaten rangiert die Rate der übergewichtigen Frauen zwischen 8 und knapp 24 Prozent, bei Männern zwischen 7,6 und 24,7 Prozent. Zudem erkranken durchschnittlich 20 Prozent der Frauen und 10 Prozent der Männer mindestens einmal im Leben an einer Depression. „Mithilfe der Studie wollen wir praktische Ratgeber für die Prävention entwickeln", sagt Homar.

Die jetzt auf Mallorca anlaufende klinische Studie liefert einen wichtigen Teil der Daten. Ausgewertet werden sie am Ende aber an der VU University Amsterdam, wo das Projekt im Januar 2014 unter Leitung gestartet war – in einer ersten Forschungsphase waren für das Studiendesign unter anderem Daten des Statistischen Bundesamtes ausgewertet worden.

Ob in Palma oder Leipzig – die Studienteilnehmer werden per Zufallsverfahren in vier Gruppen eingeteilt. Alle bekommen ein Jahr lang entweder Nahrungsergänzungsmittel oder ein Placebo, also ein wirkungsloses Produkt. Innerhalb dieser beiden Gruppen nimmt zudem jeweils die Hälfte an einer professionellen Beratung zu gesunder Lebensweise und Ernährung teil. Diese besteht aus 21 Einzelsitzungen und sechs Gruppenterminen.

Die Sitzungen sollen den Freiwilligen Wege aufzeigen, wie sie mit Problemen und Stress umgehen sowie emotionale und ernährungsbedingte Muster ändern können. „Dazu gehört auch, Aktivitäten zu finden oder wiederzuentdecken, die gut für das Wohlbefinden sind", sagt Homar. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Beratung die positiven Effekte guter Ernährung verstärkt. „Wir wollen herausfinden, ob schon die Nahrungsergänzungsmittel allein helfen, Depressionen vorzubeugen", sagt Kohls. Denn ist das der Fall, wären sie eine einfache und günstige Methode zur Vorsorge.

Die Universität Leipzig hat bereits 38 Teilnehmer eingeschlossen, so der Fachbegriff. Sie erfüllen nicht nur die grundsätzlichen Kriterien, die über einen kurzen Online-Fragebogen abgefragt werden, sondern haben auch ein 15-minütiges Telefon­interview und eine persönliche Befragung über eine Stunde absolviert. „Wir müssen genau abklären, dass die Probanden an keinen anderen psychischen Erkrankungen leiden", sagen die Wissenschaftlerinnen.

Ganz so weit ist die Studie in Palma noch nicht. Aber sowohl Kohls als auch Homar bestätigen: „Das Interesse ist riesig." Bei beiden Wissenschaftlerinnen klingelte das Telefon in den ersten Tagen nach dem Aufruf zur Teilnahme häufig. „Ich denke, das Thema beschäftigt die Menschen sehr". sagt Kohls. „Wir haben viel positives Feedback bekommen."

Weitere Informationen und Online-Test für interessierte Teilnehmer in Palma und Leipzig unter: www.moodfood-vu.eu

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