13 Jahre später hat es sich ausgetackert

Die Rückentherapie der Kovacs-Stiftung gehörte über Jahre zu Mallorca wie die Ensaimada. Jetzt wird die "Neurorreflejoterapia" nicht mehr bezahlt

16.12.2015 | 10:08
"Das pikst nur ganz leicht": Mario Gestoso, der Ärztliche Leiter der Kovacs-Stiftung, beim Einsetzen der Tacker-Nadeln in den Rücken einer Patientin.

Was ist die Stiftung Kovacs?

  • Das Aushängeschild der 1986 in Palma gegründeten Kovacs-Stiftung ist die neurorreflejoterapia, die von René Kovacs, dem Vater des heutigen Stiftungspräsidenten Francisco Kovacs, entwickelt wurde, um chronische Rückenschmerzen zu behandeln. Dabei werden den Patienten im betroffenen Nacken- und Rückenbereich etwa fünf bis 20 Klammern aus Stahl in die oberste Hautschicht getackert, die die Nerven stimulieren. Auf diese Weise sollen sich Schmerzen, Entzündungen und Verkrampfungen lösen. Nach maximal drei Monaten werden die Klammern wieder entfernt.
  • Neben der Behandlung von Rücken­leiden widmet sich die Stiftung der Forschung und Weiterbildung auf diesem Gebiet. Bis 1992 finanzierte die Stiftung ihre Arbeit allein über ihre Schirmherren, darunter namhafte Unternehmen wie El Corte Inglés, die Sparkasse Sa Nostra, das Rote Kreuz oder die Blindenorganisation Once. 2011 stammten – wie Francisco Kovacs damals in einem Interview erklärte – nur noch 5 Prozent der Gelder von Sponsoren, während der Rest selbst „erwirtschaftet" wurde, da die Anwendung der bisherigen Forschungsergebnisse inzwischen finanziell ertragreich sei. Ein Großteil dieser „Einnahmen" dürfte allerdings auf die von IB-Salut bezahlten neurorreflejoterapia-Anwendungen zurückzuführen sein.
  • Seit 2002 betreibt die Stiftung die Website „La Red Española de Investigadores en Dolencias de la Espalda (REIDE)", das spanische Netzwerk für Forschung im Bereich Rückenleiden, die zumindest bis 2014 eine jährliche Subvention von der Balearen-Regierung erhalten hat.
  • Ehrenpräsident der Fundación Kovacs ist König Juan Carlos, im Stiftungsrat sitzen u. a. der spanische Gesundheitsminister, derzeit Alfonso Alonso (PP), und eigentlich auch der Balearen-Premier. Ministerpräsidentin Francina Armengol (PSOE) verzichtete am 10. September jedoch auf dieses Amt.

Ab dem 10. Dezember bekommen Patienten auf den Balearen keine neurorreflejoterapia zur Behandlung von Rückenschmerzen mehr von der Seguridad Social bezahlt. Dass in Zeiten klammer Kassen bisher kostenlose medizinische Leistungen gestrichen werden, ist keine große Überraschung. Und dennoch lohnt ein Blick hinter diese Nachricht – denn in die Röhre schauen von nun an nicht nur rund 1.800 Patienten pro Jahr, sondern auch die Stiftung Kovacs (siehe Kasten), die mit ihrer alternativen Therapie für das Volksleiden Nummer 1 viele Jahre lang gutes Geld verdient hat.

Im September 2002 schloss Francisco Kovacs, Mediziner und Vorsitzender der gleichnamigen Stiftung, erstmals einen Kooperationsvertrag mit der balearischen Gesundheitsbehörde IB-Salut. Demnach sollten gesetzlich versicherte Patienten mit Rückenschmerzen zunächst befristet für drei Monate in den Genuss der neurorreflejoterapia-Behandlungen kommen. Aus der Probephase wurde durch zahlreiche Vertragsverlängerungen – vorgenommen durch PP- wie linksgeführte Landesregierungen – eine 13 Jahre andauernde Zusammenarbeit. Rund 20.000 Patienten sind Stiftungsangaben zufolge in dieser Zeit von den Hausärzten in den öffentlichen Gesundheitszentren an die Kovacs-Kliniken in Palma sowie auf Menorca und Ibiza überwiesen worden. Zwischen 2003 und 2015 zahlte IB Salut der Stiftung hierfür fast zehn Millionen Euro – wobei anfangs rund 630 Euro für das „Tackern" und knapp 50 Euro pro Nachsorgesprechstunde, später aber nur noch Pauschalen von 500 Euro pro Patient abgerechnet wurden.

Allein 2011 floss so eine gute Million Euro an die Fundación Kovacs. Das mögen angesichts des jährlichen IB-Salut-Gesamtbudgets, das damals bei knapp 1,15 Milliarden lag, Peanuts sein – zumal die ehemalige Gesundheitsministerin Aina Castillo (PP) bereits 2005 verkündete, dass die Behandlungsmethode im Vergleich zu herkömmlichen Therapien mit Medikamenten, Rückengymnastik oder gar Operationen 3,2 Millionen Euro eingespart habe. 2012 war es der parteilose Gesundheitsminister Toni Mesquida, der gemeinsam mit Kovacs vor die Presse trat und erklärte, dass man dank der Therapie bis dato Mehrausgaben von 42 Millionen Euro vermieden habe. Auch Mario Gestoso, ärztlicher Leiter der Stiftung, legt gleich zu Beginn des MZ-Interviews solche Zahlen auf den Tisch – und betont: „Das sind Kalkulationen, die die Gesundheitsbehörde selbst erstellt hat."

Dennoch will IB-Salut nun auf einmal nichts mehr von der Tacker-Therapie wissen – und das obwohl der Gesundheitsbehörde nun wieder ­Juli Fuster vorsteht, der sie schon während des ersten Mitte-Links-Bündnisses (1999-2003) leitete und den ersten Kooperationsvertrag mit der Stiftung eigenhändig unterschrieben hat. „Das war damals ein Pilotprojekt, wobei wir durchaus die Hoffnung hatten, dass die Methode sich als effizient erweist und vielleicht sogar in die spanienweite Liste der kostenlosen medizinischen Leistungen aufgenommen wird", erklärt Fuster. Doch bis heute hätte die Stiftung keine wissenschaftlichen Nachweise für den medizinischen Nutzen der Therapie vorlegen können. „Es gibt zwar viele Studien, aber die stammen alle von der Stiftung selbst." In Zeiten, in denen das Gesundheitswesen dringlichere Probleme habe, etwa gefährlich lange Wartelisten für Operationen, sei es deshalb nicht länger tragbar, diese Leistung weiterhin mit öffentlichem Geld zu finanzieren.

Warum aber brauchte es für diese Einsicht zwölf Jahre – von denen mindestens fünf zweifelsfrei als Krisen­jahre gelten? Vielleicht weil die Stiftung stets mit angeblich unabhängigen Studien hausieren geht? Oder gerne auf eine Broschüre verweist, in der anscheinend sogar die EU-Kommission zur neurorreflejoterapia rät – wobei die Kommission den „Klinikleitfaden" nur mitfinanziert hat, erstellt wurde er allein von der Fundación Kovacs. Kritiker der Stiftung haben für die Treue, die ihr vonseiten des Gesundheitsministeriums in all den Jahren widerfuhr, eine andere Erklärung parat: Der Vater des Stiftungspräsidenten sei ein Freund von König Juan Carlos und habe die Inselpolitiker seit jeher zu steuern gewusst – und zwar unabhängig von deren Couleur. Kovacs übe Druck auf die Politiker aus, um seine Millionen-Verträge zu bekommen, prangerte der ehemalige sozialistische Gesundheitsminister Vicenç Thomas 2014 in einem Interview mit der MZ-Schwesterzeitung „Diario de Mallorca" an – hatte die Verträge während seiner Amtszeit (2007-2011) aber ebenfalls verlängert.

Von den Medien kritisch ins Visier genommen wurde die Fundación Kovacs erst mit Anbruch der Ära von PP-Ministerpräsident Bauzá (2011-2015), als IB-Salut der Stiftung mit fast 1,1 Millionen Euro die höchste Summe aller Zeiten überwies – wobei die Gelder noch vom sozialistischen Vorgänger Antich zugesagt wurden. Auch die jährliche Subvention von 100.000 Euro, die die Stiftung von der Balearen-Regierung unter anderem für die Pflege ihrer Forschungs-Website zum Thema Rückenschmerzen erhielt, wurde nun auf einmal hinterfragt – obwohl sie seit Jahren floss.

Ein Skandal schien sich anzubahnen, als Mitte 2014 ans Tageslicht kam, dass der IB-Salut-Beamte, der 2013 in einer positiven Evaluierung zur Beibehaltung der Kooperation mit der Stiftung riet, seit 2009 zusammen mit Francisco Kovacs mehrere wissenschaftliche Artikel über die neurorreflejoterapia verfasst hatte. Aus dem damals von Martí Sansaloni (PP) geführten Gesundheitsministerium hieß es daraufhin lediglich, dass dieser Sachverhalt nicht bekannt gewesen sei – und es zudem keinen anderen Beamten gäbe, der für die Einschätzung der Wirksamkeit von Kovacs Therapie besser geeignet sei.

Anfang 2015 rechtfertigte IB-Salut schließlich eine Nachzahlung von gut 630.000 Euro, die für ohne vertragliche Basis erbrachte Behandlungen zwischen 2012 und 2013 fällig geworden war, damit, dass Kovacs´ Therapie für Patienten mit Rückenleiden das „einzig wirksame und effiziente" Mittel sei. Und: Man erwäge sogar, die alternative Methode in den offiziellen Leistungskatalog des öffentlichen balearischen Gesundheitssystems aufzunehmen, wie es hieß.

Doch dann kam im Mai die Linksregierung ins Amt und beschloss, den im Dezember auslaufenden Vertrag mit der Stiftung nicht mehr zu verlängern. Man sei nach wie vor bereit, „zum Wohle der Patienten" mit der Balearen-Regierung zu verhandeln, sagt Mario Gestoso von der Fundación Kovacs – wohlwissend, dass der Andrang nun deutlich zurückgehen dürfte: 85 Prozent der Patienten waren bisher Versicherte der Seguridad Social – die nun spanienweit nur noch in Asturien und Katalonien für die neurorreflejoterapia aufkommt. Doch Juli Fuster will von Verhandlungen nichts mehr wissen. „Die Entscheidung ist gefallen." Und Patienten mit Rückenschmerzen werde man künftig andere Leistungen wie Physiotherapie oder Rückengymnastik anbieten.

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