Hospital General in Palma de Mallorca: Wo man sich fast wünscht, krank zu sein

Das Hospital ist das letzte mittelalterliche Krankenhaus Spaniens, das noch in Betrieb ist. Was ist von über 550 Jahren Geschichte übrig? Eine Spurensuche

24.12.2017 | 07:57
Hospital General in Palma de Mallorca: Wo man sich fast wünscht, krank zu sein

Man rechnet mit einem dicken Bildband oder zumindest mit einer üppig ausfallenden Festschrift, die einem gereicht wird, wenn man sich für die Geschichte des Hospital General in Palma interessiert. Schließlich existiert das Krankenhaus, das heute in der Nähe der Rambla liegt, seit über 550 Jahren und ist noch immer in Betrieb.

Besichtigen kann es jeder, der den Vorplatz des Hospitals oberhalb des ehemaligen Armenhauses Misericòrdia überquert und das große Eingangsportal passiert. In dem Innenhof spätgotischen Ursprungs, von dem aus man auch die im Volksmund La Sang genannte Kirche betritt, die späteren Datums ist (circa 1515), sind wir mit José Maria Carbonero verabredet. Wir möchten mit dem Krankenhausdirektor die Geschichte des Gebäudes erkunden, das früher an die mittelalterliche Stadtmauer grenzte.

„Das Hospital General wurde viele Male umgebaut, vom Originalgebäude steht nur noch das Erdgeschoss", so Carbonero, der uns sogleich erklärt, dass kein Buch über die Geschichte des Krankenhauses existiert. Die heutige Fassade und die Ausstattung der Räume stammen aus den 80er-Jahren, als das Krankenhaus Teil des allgemeinen Gesundheitssystems wurde. Die letzte größere Modernisierung erfolgte 2010 für die Eröffnung einer Tagesklinik. Das Hospital ist heute in das Universitätskrankenhaus Son Espases integriert und beschäftigt an die 150 Angestellten.

Wir folgen Carbonero in den ersten Stock des linken Flügels und weiter durch einen schmalen Flur, um über eine Seitentreppe in sein Büro hinabzusteigen. Der Blick aus dem großen Fenster fällt auf den Vorplatz des Krankenhauses, direkt unter dem Fenster befand sich bis 1981 die Notaufnahme. Das Gebäude, von dem heute nur noch einige Teile als Krankenhaus genutzt werden, ist über die Jahrhunderte immer verschachtelter geworden. „Es gab mehrere Ein- und Ausgänge für Kranke, Obdachlose und Arme, die Essen oder ambulante, ärztliche Versorgung suchten, sowie einen Innenhof für Findelkinder, in dem Säuglinge und Kleinkinder anonym abgegeben werden konnten", erzählt Carbonero.

Noch immer folge das Hospital General seiner Tradition, sich für sozial schwache und alte Menschen in der Stadt einzusetzen. In der Blütezeit des Krankenhauses Mitte des 20. Jahrhunderts gab es um die 400 Betten, aktuell sind es 100, die sich auf die Abteilungen Konvaleszenz, Pathologie, Geriatrie und Paliativmedizin verteilen. „Wir haben keine Parkplätze, sind dafür aber gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen", sagt Carbonero. Praktisch für ältere Menschen und solche ohne Auto. Die Bevölkerungsstruktur wandle sich rasant, fährt er fort, weil die Menschen immer länger lebten und die Zahl der Neugeborenen sänke. „In Zukunft wird es hier weniger Ärzte geben, dafür mehr Krankenpfleger und hoch spezialisiertes Personal, um chronisch kranke Patienten zu pflegen", so seine Einschätzung.

Eine wichtige Aufgabe übernimmt dabei die hauseigene Apotheke, die sich im Erdgeschoss befindet und mit einer original hölzernen Inneneinrichtung aus dem 19. Jahrhundert aufwartet. Den größten Raum zieren Regale mit alten Flakons, an die 900 sind es, erklärt die Leiterin Anabel Martínez. Die Flaschen mit Glaspfropf enthalten Flüssigkeiten und Pülverchen und haben kunstvoll beschriftete Etiketten. Sie werden nicht berührt, nur regelmäßig abgestaubt, da sie unter dem Schutz des Inselrats stehen. „Da wir ein kleines Krankenhaus sind, können wir die pharmazeutische Arbeit aber in diesen Räumlichkeiten fortführen", sagt Anabel Martínez. Früher wurden im botanischen Garten Heilpflanzen gezüchtet, um daraus Tinkturen und Salben für die Kranken herzustellen. „Heute sind fast alle Medikamente synthetischen Ursprungs", so die Apothekerin.

Im vergangenen Jahr ordnete der Inselrat eine Bestandsaufnahme aller alten Flakons an, die daraufhin fotografiert und katalogisiert wurden. „Wir selbst haben keine Zeit, uns mit der Vergangenheit der Apotheke zu befassen", sagt Anabel Martínez. Sie findet, das sei Arbeit eines Historikers: „Es braucht jemanden, der die Geschichte des Krankenhauses aufschreibt, damit sie nicht in Vergessenheit gerät."

So jemanden gibt es, zumindest im Nebenberuf, sagt José María Carbonero. Er gibt uns die Telefonnummer eines gewissen Jaume Moll und verabschiedet sich mit einem schnellen Händedruck.

Wir machen uns auf den Weg zum Universitätskrankenhaus Son Espases, wo Jaume Moll in der Personalabteilung arbeitet – und seit zehn Jahren alles sammelt, was mit der Geschichte des Hospital General zu tun hat. Verschanzt hinter einem Schreibtisch, auf dem sich Papierstapel türmen, empfängt uns der Beamte mit freundlichem Lächeln. Menschen, die sich für seine Arbeit als Chronist interessieren, sind immer willkommen. Mit einem Bildband kann zwar auch er nicht ­dienen, doch auf seinem Schreibtisch liegen zwei Denkschriften zum Hospital General, die erste verfasst 1878, die zweite 1961. Die Originale befinden sich im Ton- und Bildarchiv des Inselrats im Kulturzentrum La Misericordia und können dort eingesehen werden. Sie stützen sich vorwiegend auf Schriftstücke der sogenannten mayordomos. Diese Hausverwalter kontrollierten die Einnahmen und Ausgaben des Krankenhauses und hatten die Organisation des Personals unter sich.

„Als Geburtsstunde des Hospital General wird immer das Jahr 1456 genannt, obwohl in diesem Jahr nur das Dekret von König Alfonso V. von Aragonien erlassen wurde, Mallorcas Krankenhäuser zu einem weltlichen Krankenhaus zusammenzuschließen", erzählt Jaume Moll. Mit dem Bau begonnen wurde erst rund zehn Jahre später, schließlich benötigte man neben einem Generalbevollmächtigten (dem vom König ernannten Franziskaner Fray Bartolomé Catany, dessen Gebeine in einem Grab der Kapelle aufbewahrt werden) auch ein geeignetes Grundstück (das die Brüder Roig und Miquel Verd dem Krankenhaus stifteten) sowie einen fähigen Architekten (man nahm Mateu Forcimanya unter Vertrag, der 1460 mit seiner Familie von Neapel nach Mallorca übersiedelte). Zudem musste die Finanzierung stehen (wohlhabende Händlerfamilien spendeten Geld, um sich einen Platz im Himmel zu reservieren) und auch der Papst seine Erlaubnis für den Krankenhausbau geben (die päpstliche Bulle traf 1464 auf Mallorca ein).

„Aus den Schriften der Hausverwalter weiß man auch, wie vielfältig das Personal schon damals war", erzählt Jaume Moll. Anfang des 16. Jahrhunderts gab es beispielsweise einen Arzt, einen Chirurgen, einen Apotheker, eine Krankenschwester, einen Hausverwalter, je eine Frau, die sich um geistig Kranke und Findelkinder kümmerte, eine Reinigungsfrau, einen Bäcker, einen Kellermeister sowie eine Haus­hälterin und Köchin. ­Finanziert wurde das Krankenhaus durch Spenden der Patienten oder deren Angehörigen, der Hausverwalter ging zudem mit den Findelkindern in den Straßen rund ums Hospital betteln.

Die prekäre finanzielle Lage des Krankenhauses verbesserte sich erst mit dem Bau der Casa de las Comedias 1667, eines Schauspielhauses in Palma (heute steht an diesem Ort das Teatre Principal), das der Gran i General Consell in Auftrag gab und dem Hospital General vermachte. Die Einnahmen wurden mit den Darstellern geteilt, bis das Haus 1854 schloss. „Zu diesem Zeitpunkt oblag das Krankenhaus nicht mehr dem Rathaus von Palma, sondern dem Provinzialrat der Balearen, womit es 1847 seinen Namen verlor und fortan Hospital Provincial de Baleares hieß", erzählt Jaume Moll. Erst 1979 beschloss der Inselrat im Zuge der Umstrukturierung und Modernisierung des Krankenhauses den Originalnamen wieder einzusetzen.

Jaume Moll blättert in seinem dicken Aktenordner und zeigt uns Pläne, auf denen man die baulichen Veränderungen in den ­vergangenen drei Jahrhunderten erkennt. Auch er ist sehr dafür, dass ein professionelles Buch über die Geschichte des Hospital General verfasst wird – schließlich sei es das einzige spanische Krankenhaus aus dem Mittelalter, das noch heute in Betrieb ist. Von offizieller Seite gibt es bisher kein Interesse und auch kein Geld dafür. Also sammelt Jaume Moll einfach weiter. Und vertieft sich nach Büroschluss, manchmal sogar am Wochenende, in die Aufzeichnungen der früheren Hausverwalter, um ein weiteres Geheimnis des Hospital General zu lüften.

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