Grafik-Avantgarde im dörflichen Untergrund

In Sineu schlägt das Herz der Kunstvereinigung Sant Marc, in Esporles zeigt sie „Miniwelten?

03-11-2011  
Marcos Vidal und Irene Peukes im Atelier Sant Marc, Geburtsort der gleichnamigen Künstlervereinigung
Marcos Vidal und Irene Peukes im Atelier Sant Marc, Geburtsort der gleichnamigen Künstlervereinigung Foto: Fitzner

THOMAS FITZNER Mit drei Schritten hat man das winzige Kreativ-Kleider-Lokal von Irene Peukes durchmessen, dann führt eine Stiege in eine Kunst-Kaverne, ein altes Weinlager (Mallorquinisch: celler), in dem heute neben einem riesigen Uralt-Fass vor allem Ideen lagern.

Das Atelier Sant Marc von Marcos Vidal in Sineu ist die Geburtsstätte einer gleichnamigen Kunstvereinigung, die sich vor allem der Grafik verschrieben hat. Im kürzlich eröffneten Kulturzentrum Sa Fàbrica d‘Esporles, einer ehemaligen Textilfabrik, zeigt sie derzeit die Arbeiten ausgewählter Künstler unter dem Titel „Prenprenta Illenca Travessera“.

Das Wortgulasch bedeutet so viel wie quergedachte Insel-­Druckerei. Neben fünf Spaniern – ­Jokín Aizpurua, Tomeu Coll, Pere Serra, Joan Vallespir und Amable Villarroel – sind auch Vidals deutsche Ehefrau Irene Peukes sowie die Österreicherinnen Eva Choung-Fux und Eva Möseneder vertreten.

Die Designerin Irene Peukes ist vor allem durch ihre Arbeit mit guatemaltekischen Textilhandwerkerinnen bekannt. Vor ein paar Tagen ist sie wieder losgeflogen, um einen Monat lang mit ihren Weberinnen in Quetzaltenango neue Designs zu entwickeln. Demnächst wird sie ein ähnliches Projekt in Bangladesh in Angriff nehmen. Kunst betreibe sie vor allem, um den Kopf freizukriegen und sich ein Beet frischer Ideen
anzulegen, statt immer nur an Designs und deren handwerkliche Umsetzung oder Anwendung denken zu müssen.

Ihre Arbeit findet dabei durchaus künstlerische Anerkennung. Irene Peukes hat ihre Textilkreationen im Museum Es Baluard vorgestellt und mit dem Videokünstler Eder Santos einen Film gemacht. Ein weiteres Video, von der Mallorquinerin Clara Catalán im celler gedreht, befindet sich in der Endphase der Produktion. Die Grafiken, die sie in Esporles zeigt, tragen denn auch den Titel „Sobre cuerpos y vestidos“: über Körper und Kleider. Design und Kunst gehen ineinander über, genauso wie sich in ihrem Mini-Shop Kleider aus Guatemala mit Skulpturen und Bildern ihres Ehepartners und anderer Künstler vermischen.

Eva Möseneder ist eine unter anderem auf Grafik spezialisierte Künstlerin, Professorin am Salzburger Mozarteum und Kuratorin mit internationalem Einsatzgebiet. Als Grafik-Editorin hat sie mit Größen wie Arnulf Rainer gearbeitet. Ihre in Esporles gezeigten, in spartanischem Schwarz-Weiß gehaltenen Bilder gehen von den Assoziationen aus, die der Begriff „Verbindlichkeiten“ ermöglicht – Grafik aus dem Alpenland mit einem Hauch von visueller Poesie à la Joan Brossa.

Eva Choung-Fux ist eine alte Bekannte der mallorquinischen Kunstszene, vor kurzem erst stellte die 75-Jährige im Museum Can Prunera in Sóller aus. Sie lebte zehn Jahre lang in Tokio und Seoul und unterrichtete danach 15 Jahre lang an der (damals so genannten) Akademie für angewandte Kunst. Seit 1958 stellt sie eigene Werke aus. In Esporles zeigt die in Campos lebende Künstlerin Linolschnitte, die umrisshaft ein Pärchen abbilden. Untertitel: „Taggedicht und Nachtgedicht“. Choung-Fux ist auf kein Medium fixiert, sie hat schon Projekte mit Video und Fotoserien durchgeführt, aber auch das Buntglasfenster für eine kleine Kapelle bei Campos entworfen. Grafik nimmt jedoch einen besonderen Platz in ihrem Schaffen ein, sie arbeitet in ihrer eigenen Werkstatt.

Viele der in Esporles ausgestellten Arbeiten entstanden jedoch auf der Presse von Marcos Vidal, die zunächst im celler stand, mittlerweile aber in ein neues Atelier in Inca geschafft wurde. Das Sant-Marc-Projekt ­Vidals hatte seinen Anfang genommen, als der seinerzeit in Valencia lebende Mallorquiner auf die Insel zurückkehrte, um ein der Familie gehörendes Dorfhaus in Sineu zu übernehmen. Das riesige Weinlager bot Platz, um einen Traum zu verwirklichen: eine Grafik-Werkstatt anderer Art. „Normalerweise gibt der Künstler seine Vorlage ab, und die Werkstatt kümmert sich um den Rest“, erklärt Vidal. „Hier wird der Künstler eingeladen, die Ärmel hochzukrempeln und selbst am Herstellungsprozess
teilzunehmen.“

Damit, dachte Vidal, könnte man der Grafik das Kalte, Unpersönliche nehmen, das der Betrachter zuweilen empfindet: Kunst, die von Handwerkern reproduziert wurde, nur die Signatur das Resultat des direkten Kontakts des Urhebers mit seinem Werk.

Natürlich war Sant Marc bald mehr als „nur“ ein Druck-Atelier. Der Raum inspirierte Vidal und sein Umfeld zu Happenings und Lesungen. Einige der abgefahrensten Ausstellungen der Insel fanden hier, im ländlichen Sineu, einen Steinwurf von der Kirche entfernt statt – mit und ohne Grafik.

Zum Beispiel unter dem Titel „Souvenirs“. Vidal schickte an ihm bekannte Künstler eine ironisch formulierte Aufforderung, ihr egozentrisches, idealistisches Schaffen ruhen zu lassen und endlich mal was Nützliches zu kreieren, nämlich Mitbringsel für Touristen. Woran sich natürlich die Kreativität entzündete: Eines der bildhauerischen Highlights waren ensaimadas aus Zement.

Ähnlich beschwingt gingen die ansonsten so ernsten Kulturschaffenden an das Thema Fußball heran, ein soziales Phänomen, für das Vidal eine morbide Faszination empfindet. Aus der 2007 erstmals gezeigten Ausstellung „Futbólicos“ ist mittlerweile ein Projekt geworden, mit dem der Mallorquiner im vergangenen Februar bei der alternativen Kunstmesse ­„Supermarket“ in Stockholm vertreten war.

Wobei Vidal mittlerweile ein wenig erschöpft ist von diesem kreativen Parforceritt, und seine Energien mittlerweile auf wenige Projekte konzentriert. Deswegen hat er auch die Presse aus dem Keller geschmissen. Er wolle den Kopf frei haben für Wichtigeres, zum Beispiel die Zukunft der Grafik. Vor kurzem reisten er und Irene Peukes nach Bukarest, wo die weltweit erste Biennale für experimentelle Grafik stattfindet.

Vidal kam tief beeindruckt zurück: Wenn ein Mexikaner mit Papier Abdrücke von Unfallautos abrubbelt, erscheinen viereckige Drucke in handlichen Formaten etwas überholt. „Was wir hier machen, ist noch viel zu klassisch. Bei der nächsten Ausstellung werde ich auf mehr Experimente drängen“, nimmt sich Vidal vor.

Dieser Esprit ist in seinem Vorwort zum Katalögchen der ­aktuellen Ausstellung wiedergegeben. Darin spricht er von „undefinierter Suche“ und „Miniwelten, die außer Kontrolle geraten“, und richtet eine Liebeserklärung an das Unerklärliche im künstlerischen Unterfangen.

„Prenprenta Illenca Travessera“, Grafiken, Centre Cultural Sa Fàbrica d‘Esporles, Mo-Fr 16 bis 20 Uhr. Bis 16.11.

<strong>In der Printausgabe vom 3. November (Nummer 600) lesen Sie außerdem:</strong>
- Vom Tagebuch zum Bilderbuch: Foto-Ausstellung in Binissalem
- Festival MúsicaMallorca setzt doppelten Schlusspunkt

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