Gilbert & George: „Wenn du nicht mehr glaubst, wirst du kreativ´

Das Künstlerpaar hat für Macià Batle ein Flaschen-Etikett kreiert. Ein Weihnachts-Interview

24.12.2013 | 01:00
Gilbert Proesch (re.) und George Passmore lernten sich bereits in den Sechzigern kennen
Gilbert Proesch (re.) und George Passmore lernten sich bereits in den Sechzigern kennen

Es ist schon „very british", was das Paar Gilbert & George seit Jahrzehnten künstlerisch so anstellt: Die beiden 70- und 71-Jährigen sind bereits seit Ende der 60er Jahre aktiv, stehen in der Regel in feinstes Tuch gehüllt starr nebeneinander und machen Fotos von sich. Dann verfremden sie diese oder auch nicht, wobei die Stilrichtungen bis hin zum Comichaften und Ultragrellen reichen. Und immer ist alles mit jeder Menge gepfefferter Selbst-Ironie gewürzt. Für ein Flaschen­etikett des bekannten mallorquinischen Weingutes Macià Batle lichteten sie sich jetzt in der bekannt wachsfigurenhaften Positur ab und behandelten das Ganze künstlerisch.

Wie war das mit dem Etikett für die Flaschen der „Reserva Privada 2010"?
Es ist das dritte Mal, dass wir so etwas für ein Weingut kreieren. Wir haben das schon mal im Jahr 1987 in London und 1993 in China gemacht. Wir wollen die Menschen, die zum Essen diesen Wein trinken, dazu einzuladen, so etwas wie ein Techtelmechtel zu beginnen. So wie wir das gern machen, in Form zweier Personen aber eines einzigen Künstlers.

Schmeckt Ihnen Rotwein?
Ja, uns mundet Rotwein außerordentlich. Mit Fisch ist er perfekt.

Eine Frage zu Ihrem momentanen Wirken. Mit welchen Themen befassen Sie sich gerade?
Wir arbeiten an einer Foto­serie namens „The Scape Goat" („Sündenbock"/laut Bibel wurden die Sünden des Volkes Israel mit einem Bock in die Wüste getrieben). Man kann sich das Ergebnis ab Juli in Ausstellungen in London und Paris anschauen. Die Fotos handeln von Themen, die in den Nachrichten vorkommen: Politisches, Militärisches, Krankenhäuser, moderne Katastrophen € Es handelt sich um die gleiche künstlerische Linie, die wir seit jeher verfolgen, nur diesmal mit Bomben und Burkas.

Wieso äußern Sie sich so oft über Sex, Religion oder Geld?
Machen Sie das etwa nicht? All dies ist Teil des Lebens. Beischlaf, Moral, wie man sich verhält, was man glaubt €

Kommen wir zu Papst Franziskus. Hat sich durch ihn denn etwas geändert?
Abgesehen davon, dass wir antireligiös eingestellt sind, ist ihre Frage unzulässig. Letztendlich sind Vatikan, Bibel und der Katechismus im Wesen das Gleiche. Sie haben sich nicht verändert. Es ist doch so, dass die Religion seit jeher die Menschen manipuliert und mit ihren Ängsten spielt. Das ist wie mit dem Koran, es handelt sich um eine Art Glaubens-­Faschismus. Mit Gottes Wort glauben sie, töten zu können. Sämtliche Religionen wurden von Menschen erfunden, um Menschen zu beherrschen. Das Gefährliche ist, dass jede einzelne dieser Religionen davon ausgeht, im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein.

Glauben Sie an die Kunst?
Wir glauben an die Menschen. Wir müssen selbst herausfinden, wie wir in einer Art Räderwerk mit­einander zurecht kommen können. Aber den Leuten sollte klar sein, dass dieses Räderwerk veränderbar ist, wenn es nicht mehr funktioniert. In dieser Hinsicht kann die Kunst außerordentlich hilfreich sein. Wenn du nicht mehr glaubst, wirst du kreativ.

Ist das Geld nicht der neue Gott?
Das glauben wir nicht. Das Geld ist Teil des normalen Lebens, der Wirtschaft. Wir verteufeln es nicht, wie das im Sozialismus üblich ist. Für uns ist der Kommunismus eine Katastrophe. Es reicht, sich Russland oder China anzuschauen. Für uns ist das Individuum wichtiger als die Masse. Denn die ist sehr leicht zu manipulieren.

Sex, Geld, Religion € Wir sprechen hier zum Teil über Macht. Ist Kunst Macht?
Sie hat eine begrenzte Macht. Mächtig war die Kunst nur, als sie von der Religion instrumentalisiert wurde. Und die hat sie benutzt, um die Menschen zu manipulieren und ihnen Angst einzuflößen. Deswegen sehen wir in der Sixtinischen Kapelle in Rom das wohl hässlichste Kunstwerk, das jemals geschaffen wurde. Es hat die Menschen wohl größtmöglich negativ beeinflusst.

In Ihren Arbeiten kommen kaum Frauen vor. Warum?
Wir machen nicht das, was alle Welt macht. 99 Prozent der von Menschen gemachten Kunst handelt von nackten Frauen. Unsere Philosophie ist eine andere. In diesem Moment stellen Sie Fragen. Für uns wirft allerdings das Foto oder Bild einer nackten Frau keinerlei Fragen auf.

Würden Sie das Bild von Prinzessin Diana für eines Ihrer Werke benutzen?
Es gibt niemanden, der die britische Krone mehr als wir unterstützt. Wir würden nichts gegen sie unternehmen. Das ist etwas für Anti-Establishment-Leute.

Beunruhigen Sie die bei Versteigerungen erzielten Preisrekorde für Werke etwa von Francis Bacon?
Nein. Es sind einzigartige Gemälde, und es ist komplex, den angemessenen Preis in so einem Verfahren zu erreichen. Sie steigen und fallen. Und wenn jemand bereit ist, solche Preise zu zahlen €

Kehrt die „echte" Malerei zurück?
Wir glauben, dass das mit einer Kamera aufgenommene Foto mächtiger ist als das gleiche Motiv, wenn man es malt.

Sie sympathisieren mit den „Tories". Wird das wenig akzeptiert?
Ja. Die Konservativen passen zum Individualismus, an den wir glauben. Die Linken sind kollektivistischer. Außerdem war Francis Bacon ebenfalls ein Tory.

Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 24. Dezember (Nummer 712) lesen Sie außerdem:

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