Warum Ignacio Uriarte mit Eddings und Kulis große Kunst macht

Der "Bürokünstler" hinterfragt den Sinn von Produktivität und Norm

29.04.2017 | 01:00
„Ich träume jeden Tag vom Süden": Uriarte in Andratx.

Ignacio Uriarte sitzt der Schalk im Nacken. Von seinem Werdegang spricht er mit einem Lächeln auf den Lippen. Er spart nicht an lustigen Anekdoten und komischen Szenen, wenn er schildert, wie aus einem Betriebswirt ein minimalistischer Konzeptkünstler wurde. Bis Ende April genießt der Spanier noch seinen Arbeitsaufenthalt in einem der vier Künstlerstudios des Centro Cultural Andratx (CCA). Die sind mittlerweile so beliebt, dass Bewerber zwei Jahre auf eine Zusage warten müssen.

Vielleicht lacht Uriarte auch deshalb so gerne, weil ihn Mallorcas Landschaft zu Ausflügen und Wanderungen lockt. „Ich träume jeden Tag vom Süden", sagt Uriarte, Sohn spanischer Auswanderer, aufgewachsen in Krefeld, wo er 1972 geboren wurde. Nach einem BWL-Studium in Mannheim und Madrid lebte er einige Jahre in Guadalajara (Mexiko) und Barcelona. Nun ist er „schon viel zu lange" in Berlin. Er traue sich noch nicht weg, gesteht er, denn für seine Laufbahn sei die Stadt wichtig.


Malen, falten, kritzeln, stempeln

Seit rund zehn Jahren lebt Uriarte von dem, was er mit Büromaterial anstellt. Galerien in Deutschland, Italien, Spanien und Island handeln mit seinen Arbeiten. Über Gelegenheiten, sie auszustellen, kann er sich nicht
beklagen.

Uriarte macht Bürokunst, wie er selbst sagt, und das bringt einen tatsächlich erst einmal zum Lachen. Man stellt sich gelangweilte Sachbearbeiter vor, genervte Angestellte, die auf DIN-A4-Papier und mit Schreibmaschinen, Büroklammern, Bleistiften, Kulis, Tuschefüllern, Eddings oder Computerprogrammen wie Excel Dinge machen, die ihren Chefs nicht gefallen würden: malen, falten, kritzeln, stempeln.


Vom rechten Pfad abgekommen

Uriarte war wohl selbst so einer. Der pünktliche, pflichtbewusste Büromensch, dem die langen Stunden am Schreibtisch zur Qual wurden, der mit Bleistiften und Büroklammern schon früh etwas anderes machen wollte als vorgeschrieben.

Wahrscheinlich war der Leidensdruck höher, als Uriarte jetzt noch wahrhaben will. Beim Zuhören sieht man ihn am Arbeitsplatz, verzweifelt, mutlos. In Mexiko sollte er die Außenhandelsabteilung einer Firma aufbauen, nach Feierabend machte er zu Hause mit Excel Farbfeldmalerei: viele bunte Zeilen und Spalten. Schließlich rang er sich durch, ­absolvierte in Mexiko ein Zweitstudium in Audiovisueller Kunst. „Da bin ich vom rechten Pfad abgekommen", sagt er lachend. Doch danach nahm er erst mal eine Stelle in einer Firma für Messinstrumente an, in Barcelona. „Mein schlimmster Job", sagt er knapp. Dann war Schluss. Es folgten zwei Jahre des Experimentierens, des Lebens mit Stipendien und „allen möglichen Jobs, von Messeaufbau bis Übersetzer", dann erste Ausstellungen, Kontakte zu Galeristen, 2007 der Umzug nach Berlin.

Man kann viel falsch machen

Seitdem scheint Uriarte Freude am Leben zu haben. Obwohl er zugibt, dass „Kunst machen auch nur ein stinknormaler Job ist, mit all den langweiligen Dingen des Erwachsenenlebens: planen, koordinieren, erledigen."
Doch weil er erkannt hat, dass feste Strukturen hilfreich sein können, hat sich Uriarte geregelte Arbeitszeiten mit Feierabend und freien Wochenenden verordnet und, „ganz wichtig": Momente der Langeweile, denn dann kommen die Ideen. „Als freier Künstler kann man viel falsch machen", sagt er. „Erfolg basiert auch auf vielen Stunden Arbeit." So sitzt er am Schreibtisch seines Berliner Studios oder derzeit des lichtdurchfluteten Studios in Andratx und macht mit Stiften und Papier das, was er schon immer wollte: stempeln, falten, malen.

„Meine Kunst ist total reduziert", sagt er trocken. Das ist offensichtlich und gleichzeitig wichtig, denn je repetitiver, unsinniger, öder die Arbeiten auf den ersten Blick wirken, desto heftiger ist ihre konzeptuelle Wirkung: Uriarte hinterfragt den Sinn von Ordnung, System und Norm, von Strukturen, die die Produktivität vo­rantreiben, die die Weltwirtschaft am Laufen halten. Sie wirken wie Maschinen, die aus dem Takt geraten sind oder Programme, die Unsinn vorschreiben.


Die Rache des erschöpften Büromenschen

Uriartes Arbeiten sind subversiv. Sie sind die Rache des total erschöpften Büromenschen, der am Punkt maximaler Entfremdung anfängt, Excel-Felder mit Farben zu füllen anstatt Bilanzen zu ziehen, der mit extra dickem Edding auf handgeschöpftes Papier Flimmerbilder mit optisch verwirrenden Effekten stempelt, anstatt damit Kartons und Paletten zu beschriften, der Druckerpapier so faltet, dass es zusammengeklebt an der weißen Wand wie eine Wellenlandschaft im Dunst aussieht.

Uriartes Ideen und deren Umsetzung überzeugen immer mehr Sammler und Museen. Auch der Leiter der spanischen Kunstmesse Arco, Carlos Uroz, hat sich ein Werk von Uriarte gekauft: Der hat ihm die Arbeit aus gefalteten DIN-A4-Blättern eigenhändig über dem Sofa an die Wand geklebt, „mit Ersatzblättern und Faltanleitung, falls etwas kaputtgeht", erzählt er mit einem verschmitztem Lächeln. Wer stellt sich nicht gerne einen Sammler beim Basteln nach Anleitung vor, besonders dann, wenn es ein Mensch ist, der eigentlich Wichtigeres zu tun hätte?

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