Die wackeren Flechterinnen von Mallorca

15-05-2008  
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Mit der wichtigste Arbeitsschritt: Die Palmblätter-Streifen werden zu breiten Bändern geflochten.
 Foto: N. Bendgens

Nur noch zwei kleine Frauengruppen in ­Capdepera und Artà beherrschen die Kunst des Llata, des Flechtens von Palmblättern. Sie treffen sich fast jeden Nachmittag - und haben dennoch Zweifel, ob ihr Handwerk überleben wird

NINA KUSCHNIOK Margalida Tous sitzt auf einem kleinen Stühlchen in einem kleinen Kreis von Frauen. Einfacher Rock, einfache Hausschuhe, eine große Brille, dahinter wache Augen, vorhin hat sie noch das Mittagessen für ihre zehn Enkel gekocht. Mit ihren 80 Jahren ist sie wahrscheinlich die älteste Frau auf der Insel, die die jahrhundertelange Tradition des Llatra beherrscht. ýSchreiben Sie ja nicht Llatra mit ?r´!" sagt sie in einem Mix aus Katalanisch und Spanisch. ýIch habe vor Jahren eine Sprach-Studie an der Universität in Auftrag gegeben. Ursprünglich heißt dieses Handwerk nämlich Llata. ?Llatra´ - so wie es in Artà ausgesprochen wird - ist ein Barbarismus. Bei uns hier, in Capdepera, gab es das Wort schon viel früher. Wir sind die Ersten, die die Blätter der kleinen Zwergpalme geflochten haben!"

Und vielleicht sind sie auch die Letzten. Sieben Frauen aus Capdepera treffen sich fast jeden Nachmittag, um in kleiner Runde Taschen, Schächtelchen und Sitzhocker aus den weichen Palmenblättern zu flechten. Die Jüngste von ihnen ist vor kurzem 65 geworden.

Neben Capdepera gibt es nur noch in Artà eine weitere kleine Gruppe von Flechterinnen, die sich um Aina Pistola zusammengefunden haben. Pistola ist Präsidentin der Handwerksfrauen auf der Insel und lehrt in Kursen an der Nordküste das jahrhundertealte Handwerk.

ýFrüher gab es noch Frauengruppen in Pollença, Alcúdia und Andratx. Aber dort ist heute niemand mehr. Vielleicht sitzen einige noch vereinzelt zu Hause", sagt Margalida Tous (die übrigens nicht mit der gleichnamigen Sprachenbeauftragten der Landesregierung verwandt ist). Mit dem aufkommenden Tourismus wurde das Llata-Handwerk vergleichsweise unrentabel und verschwand beinahe vollständig. Die Schwefel-Öfen - die noch in vielen Häusern stehen und zur Präparierung der Blätter dienen - verstaubten. Der Tourismus versprach den Menschen schlicht und einfach mehr Geld.

1981 brachte Margalida Tous ein paar Frauen zusammen und hielt so die Tradition am Leben. Wie in alten Zeiten schwärmen seither die Männer an einem Tag im Frühsommer wieder aus, um die Palmblätter zu ernten, die von den Frauen benötigt werden. ýDie Zwergpalmen wachsen wild, und die Männer ziehen mit einer speziellen Zange die jüngsten Blätter aus der Mitte der Palme heraus", erzählt Tous. Die Zange sei übrigens von einem Mann aus Capdepera erfunden worden - und nicht von einem aus Artà. Tous macht es sichtlich Spaß, die latente Rivalität der Gruppen zu pflegen.

Zur Palmernte wird zudem ein kleines Fest veranstaltet, bei dem die Frauen als Lohn und Dank für die Männer ein traditionelles Reisgericht kochen. Die Ernte, im vergangenen Jahr rund 40 Kilogramm, kommt im Anschluss zur Lagerung in eine alte Garage. Nach Bedarf präparieren die Frauen die Blätter: Erst werden sie gewässert, dann kommen sie für zwei Wochen in den Schwefel-Ofen. ýJe länger, desto weicher und bleicher werden sie", sagt Margalida Tous. Der Ofen ist kaum größer als eine kleine Vorratskammer.

Sind die Blätter präpariert, setzen sich die Frauen zusammen. Sie arbeiten gemeinsam an einem Flechtstück. Aus den 40 Zentimeter langen und einen Zentimeter breiten Streifen aus Palmblatt, die sie sich zurechtgeschnitten haben, flechten sie lange Bänder. ýIch habe immer neun Streifen in der Hand", sagt Margalida Tous´ Nachbarin - einen zehnten Streifen hat sie im Mund. Ist ein Palmblatt zu kurz, legt sie ein neues in ihr Flechtwerk ein und verlängert es so. Poc a poc entstehen mehrere Meter lange breite Bänder. Für die Herstellung von Taschen werden sie übereinandergelegt und dann zusammengenäht - wie bei einem Tongefäß, dass von unten nach oben wächst.

Vor Jahrzehnten haben auch noch die Männer mitgearbeitet und dünne, starke Seile für ihre Esel geflochten. ýWenn man das Flechtwerk richtig lagert und es nicht feucht werden lässt, kann es über 100 Jahre alt werden", meint Tous.

Ihr Sohn war einmal Kulturbeauftragter von Capdepera - und förderte die traditionelle Handwerkskunst nach Kräften. 2005 wurde in der Gemeinde sogar das Llata-Jahr ausgerufen (ýohne r"). Es gab eine Dauerausstellung und Öffentlichkeitskampagnen. Die Gemeinde gab Flechtarbeiten in Auftrag. Und so mussten die Frauen über hundert der runden Hocker flechten, die mit Stroh gefüllt in vielen alten mallorquinischen Häusern zu finden sind. Die Hälfte von ihnen wurde von bekannten Künstlern bemalt und von der Stadt für einen guten Zweck verkauft. Als Lohn erhielt jeder Künstler einen eigenen Hocker.

Seit einiger Zeit gibt es in Capdepera aber einen neuen Kulturbeauftragten. ýDem ist das ziemlich egal, was wir hier machen", heißt es im Frauenkreis. Zum Glück ist durch die vorherigen Aktionen die Gruppe über die Stadtgrenzen hinaus bekannt geworden. Erst vergangene Woche waren sie in Inca in einer Schule und haben den Kindern das alte Handwerk gezeigt. ýDie wollten gar nicht mehr nach Hause gehen", freut sich Tous.

Trotzdem machen sich die Frauen nur wenig Hoffnungen, dass ihr Handwerk überleben wird. Als Hobby wird es kaum von jungen Leuten weitergeführt, und als Lebensgrundlage trägt es nicht. ýWir verkaufen die Taschen, an denen wir Stunden gearbeitet haben, für 15 Euro", sagt Tous. ýDie aus China und Nordafrika kosten nur drei Euro."

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