Vor 70 Jahren: Abschied von 35.000 internationalen Brigadisten

23.10.2008 | 02:00
Die Spanien­kämpfer bei ihrer Verabschiedung in Barcelona am 28. Oktober 1938.
Die Spanien­kämpfer bei ihrer Verabschiedung in Barcelona am 28. Oktober 1938.

Jener 28. Oktober hinterließ bei dem damals 15-jährigen katalanischen Maler Antoni Tàpies bleibende Eindrücke. Nie wieder habe er auf der Diagonalen, einer der großen Prachtstraßen Barcelonas, eine solche Begeisterung erlebt wie an diesem Tag, als etwa eine Million Menschen an den Rändern der Avenida ein Spalier bildeten, um die mehr als 10.000 Mitglieder der Internationalen Brigaden zu verabschieden. Die ausgemergelten und vom Krieg gezeichneten Männer marschierten über einen Teppich von Blumen und wurden von ?Viva"-Rufen begleitet, schreibt der Künstler in seinen Memoiren. Die Soldaten hielten die Faust an die Schläfe. Es war das Zeichen der Republik. Viele hatten bei der Verabschiedung Tränen in den Augen. ?Es war ein erhebendes Gefühl", erzählt der Österreicher Hans Landauer, einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen und ehemaligen Brigadisten im
Interview mit der Mallorca Zeitung.

Hinter den meisten Spanienkämpfern lagen zwei Jahre Krieg, in denen sie an allen Fronten des Spanischen Bürgerkrieges die Republik gegen die aufständischen Truppen von General Francisco Franco verteidigt hatten. Nun sollten sie in ihre Heimat zurückkehren, weil die linke Volksfrontregierung unter Präsident Juan Negrín glaubte, dass durch den Rückzug der Spanienkämpfer auch Hitler und Mussolini ihre militärische Unterstützung für den Faschisten Franco einstellen würden. Doch Negrín wurde enttäuscht - allen voran von den sich neutral verhaltenden Westmächten, von denen er sich erhofft hatte, sie würden nun, nach Abzug der Brigaden, ihren Druck auf Hitler erhöhen. Frankreich und Großbritannien ließen den Diktator gewähren. Ausdruck ihrer Schwäche war wenige Wochen später das Münchener Abkommen. ?In München wurde nicht nur die Tschechoslowakei, sondern auch die Spanische Republik geopfert", so der französische Historiker Rémi Skoutelsky.

Bei der Verabschiedung von Barcelona mischten sich deshalb Tränen der Rührung mit bitterer Enttäuschung. ?Ich fühlte mich verraten und verkauft", sagte der deutsche Brigadist Kurt Julius Goldstein, der im vergangenen Jahr im Alter von 93 Jahren in Berlin verstarb, einmal der MZ. Denn mit der Verabschiedung in Barcelona war auch sein Traum begraben worden, den Faschismus zu besiegen. Darum war es den meisten Ausländern gegangen, die ihre Freunde und Familien verlassen hatten, um fern ihrer Heimat in den Krieg zu ziehen. ?Den meisten ging es nicht um das damals rückständige Spanien", so der Historiker Paul Preston. Für die meisten Brigadisten stand ihre Weltanschauung auf dem Spiel. Faschisten gegen Antifaschisten. Spanien war zum Schlachtfeld der Ideologien geworden.

Arbeiter und Intellektuelle
Unter den Freiwilligen waren Intellektuelle wie der Schriftsteller George
Orwell oder der Journalist Egon Erwin Kisch, Gewerkschaftler, vor allem aber Arbeiter, deren Anteil Skoutelsky auf 80 Prozent schätzt. Besonders unter den deutschen Spanienkämpfern waren viele Kommunisten und Sozialisten, die aus Nazi-Deutschland geflüchtet waren. Auch der Österreicher Hans Landauer stammte aus einer familia roja, einer roten Familie. Beide Großväter waren sozialdemokratische Bürgermeister in kleinen Landgemeinden südlich von Wien und Mitglieder der sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Landauer musste erleben, wie in Österreich 1934 die Demokratie durch den Faschisten Dollfuß ausgelöscht wurde. Nach dem Putsch von Franco erfuhr er durch ein Flugblatt von der Aufstellung einer internationalen Streitkraft, die der linken Volksfrontregierung in Spanien zur Hilfe eilen sollte. Landauer setzte sich mit der Kommunistischen Partei in Verbindung und erhielt 150 Schilling für die Reise nach Paris. Dort befand sich die Zentrale der kommunistischen Internationale (Komintern). In der französischen Hauptstadt organisierte der spätere jugoslawische Staatschef Josep Broz (?Tito") den Transport der Freiwilligen. Hans Landauer, der gerade einmal 16 Jahre alt war, fälschte seine Identität und sein Alter. Im Juni 1937 wurde er in die Brigaden aufgenommen.

Auch Kurt Julius Goldstein war bereits als Jugendlicher ein bekennender Kommunist gewesen und nach der Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933 aus Deutschland nach Palästina geflüchtet. Er lebte in Haifa, als ihn der Ruf der Brigaden ereilte. Goldstein war einer von schätzungsweise 7.000 Juden, die den Spanienkämpfern angehörten. Viele von ihnen waren aus Nazideutschland nach Spanien geflüchtet, wo ihnen die linke Volksfrontregierung Schutz bot. Die deutschen Juden wurden dem deutschsprachigen Thälmann-Bataillon zugeordnet. Dessen Chef war Max Friedmann, der sich nach seiner Flucht aus Deutschland in Barcelona niedergelassen hatte.

Im November 1936 erreichte Goldstein über Marseille auf der Fähre ?Ciutat de Barcelona" die katalanische Hauptstadt. Das zentrale Rekrutierungslager für die Spanien­kämpfer befand sich in Albacete, wo die Freiwilligen eine einmonatige militärische Ausbildung erhielten, ehe sie an die Front geschickt wurden.

Die ersten Brigadisten waren bereits im Oktober 1936 bei der Verteidigung von Madrid zum Einsatz gekommen. Dabei handelte es sich vor allem um Deutsche, Italiener, Franzosen und Polen. Viele von ihnen hatten am Ersten Weltkrieg teilgenommen und waren kampferprobt. Die republikanischen Truppen profitierten davon. Die Brigadisten kamen noch rechtzeitig, um sich dem Ansturm von Francos Truppen auf Madrid entgegenzustellen. Wenngleich der Wert der Einheiten nach Auffassung des Historikers Carlos Collado Seidel von der republikanischen Propaganda überhöht wurde, so habe das Eintreffen der Brigadisten doch zumindesten eine psychologische Wirkung auf die Kampfmoral der Verteidiger der Hauptstadt gehabt.

Aus diesen Tagen stammte auch die Parole der Kommunistenführerin Dolores Ibárruri (?La Pasionaria"), No pasarán (Sie werden nicht durchkommen), der zum Schlachtruf der Verteidiger der Republik wurde. Die wichtigste Phase des Einsatzes der Internationalen Brigaden waren laut Collado Seidel die ersten Monate des Jahres 1937, als schätzungsweise 25.000 Mann in fünf Brigaden zusammengefasst gewesen seien. Ihre Aktionen galten als entscheidend für den Ausgang der Schlachten am Fluss Jarama, bei Guadalajara und Brunete. Über die militärische Bedeutung der Brigaden sind sich die Historiker uneins. Sicher sei nur, dass sie den Niedergang der Republik zumindest herauszögern konnten, meint Paul Preston.

Doch der Preis dafür war hoch. Denn von allen Einheiten, die auf republikanischer Seite kämpften, verzeichneten die Brigaden insbesondere zu Beginn des Krieges die höchsten Verluste. Skoutelsky machte vor allem die Unerfahrenheit vieler Freiwilliger für die hohen Verluste verantwortlich. Bei den Kanadiern verlor jeder zweite sein Leben an der Front. Insgesamt wurden etwa 20 Prozent der Brigadisten getötet. ?Für uns hieß es täglich Abschied nehmen", so Goldstein, ?nie wussten wir, ob wir den Abend noch erleben sollten." Die Mehrheit der Freiwilligen wurde zudem bei den Kämpfen mitunter schwer verletzt. Hans Landauer erwischte es bei Mediana, Goldstein, der an fast allen großen Schlachten teilnahm, bei Seguro los Baños. Beide kämpften nach ihrer Genesung weiter. ?Die Hoffnung, den Faschismus zu besiegen, hielt uns aufrecht", so Goldstein.

Kein Weg zurück
Nach der Verabschiedung in Barcelona konnten nur die Brigadisten aus demokratischen Herkunftsländern wie den USA oder Großbritannien in ihre Heimat zurückkehren. In Österreich oder Deutschland hätte den Kommunisten und Sozialisten die Todesstrafe gedroht. Einige Deutsche und Österreicher schafften die Flucht nach Großbritannien oder in die USA. Viele, die in die Sowjetunion gingen, fielen dort dem Stalinismus als vermeintliche Spione zum Opfer.

Die meisten Deutschen und Österreicher blieben in Spanien und schlossen sich den regulären Truppen an. Sie hofften beim Ansturm von Francos Truppen auf Katalonien vergeblich auf ein weiteres Wunder wie zu Anfang des Krieges in Madrid. Nach Francos Durchbruch blieb ihnen letztlich nur die Flucht über die Grenzen nach Frankreich, wo sie ein klägliches Dasein in Internierungslagern fristeten. Sowohl Hans Landauer als auch Julius Goldstein wurden nach dem deutschen Einmarsch in Frankreich von der Gestapo in deutsche Konzentrationslager verschleppt. Landauer überlebte ­Dachau, Goldstein Auschwitz und den Todesmarsch nach Buchenwald, wo er am 11. April 1945 befreit wurde. ?Spanien lag mir mein Leben lang am Herzen", sagte Goldstein.

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