Ausblick ganz ohne Ziel

Eine Nacht auf dem Puig de Maria ist Kurzurlaub vom Alltag: Der Kopf wird frei, das Morgen unwichtig

26.06.2015 | 11:42

Es gibt drei gute Gründe für einen Besuch im Kloster auf den Puig de Maria: Weil es nur zu Fuß zu erreichen und daher kein Ausflugsziel für Massen ist. Weil man das Cap Formentor so noch nie gesehen hat. Weil Herbergsvater Toni seine Gäste leidenschaftlich gern bekocht.

Das alles ahnt man noch nicht, wenn man am Nachmittag den Aufstieg von Pollença aus in Angriff nimmt. Maximal fünf Autos können an der Ma-2220 kurz vor Kilometer 52 parken, dort wo ein Holzschild zum Puig de Maria weist. Nach wenigen Minuten Fußmarsch liegen die letzten Häuser mit ihren farbigen Blumengärten hinter uns, Kurve um Kurve erklimmen wir den kegelförmigen Gipfel. Die Asphaltstraße führt durch einen schattigen Stein­eichenwald, noch käme man hier auch mit dem PKW voran. Abstellmöglichkeiten oder einen Parkplatz gibt es weiter oben aber nirgends.

Circa 45 Minuten dauert die Wanderung auf den Klosterberg, zehn Minuten vor dem Ziel endet die Straße abrupt und weiter geht´s über einen holprigen Fußweg – eine Miniaturausgabe der antiken Römerstraße Via Augusta. Ein zweites Wanderpärchen haben wir bereits auf halber Strecke abgehängt, und so erobern wir die Klosteranlage ganz allein. Eine L-förmige Festungsmauer sichert den 333 Meter hoch gelegenen Kirchplatz zur Talseite, hier saßen früher bestimmt schon die Mönche, ließen die Beine unter der Kutte baumeln und blickten zu den steilen Klippen vom Cap Formentor rüber. Wie ein überdimensionaler Scherenschnitt schieben sich die Bergspitzen milchig-fahl in den blassblauen Himmel.

Die erste Frauen-Kommune
Dieser Blick war es auch, der Flor Ricomana Simon dazu inspiriert haben soll, 1362 mit zwei Freundinnen auf den Puig de Maria zu ziehen. Bereits 1348 war auf dem Berg eine kleine Kapelle errichtet worden, da man hier laut Legende eine Abbildung der Heiligen Maria fand. Die drei Frauen lebten in einer Art Mini-Kommune über den Dächern von Pollença, als Dones de Can Salas und erste Feministinnen gingen sie später in die Inselgeschichte ein. Nach der schwarzen Pest erklommen Augustiner­nonnen den heiligen Ort und gründeten 1389 offiziell ein Kloster. Sie erbauten Wachturm, Mauer sowie Teile der Wohngebäude. Doch die frommen Frauen mussten nach dem Konzil von Trient nach Palma umziehen, danach stand das Kloster erst mal 300 Jahre leer. Bis sich 1892 Eremiten auf dem Berg niederließen und für einige Jahre geduldet wurden. Zu den letzten Dauer­bewohnern zählten Mönche vom Herz-Jesu-Orden, die 20 Jahre lang bis 1988 im Kloster lebten.

Anschließend wurde der Puig de Maria zum sonntäglichen Ausflugsziel für Wanderer. Seit Ende der 90er Jahre kümmern sich Toni (52) und seine Frau Cati (45) um deren Wohl, sie betreiben Restaurant, Küche und Herberge. Viele Mallorquiner kommen am Wochenende nur wegen der Paella von Toni auf den Berg, sie sitzen im ehemaligen Speisesaal der Nonnen und genießen zum Glas Rotwein frisch gezapftes Quellwasser, das per Knopfdruck aus einem Messing­hahn fließt.

Auch wir haben zur Übernachtung Verpflegung gebucht, möchten aber vor dem Essen unsere Klosterzelle beziehen. Toni drückt uns Bettbezüge, Handtücher und den Schlüssel mit der Nummer 9 in die Hand. Über eine schmale Treppe mit einem schmiedeeisernen Geländer steigen wir von der Eingangshalle in den ersten Stock, wo sich sechs Mehrbettzimmer befinden. Weitere vier sind in Gebäuden außerhalb des Klosters untergebracht. Unsere Zelle ist großzügig, aber spartanisch eingerichtet. Telefon und Fernseher gibt´s nicht, das Gemeinschaftsbad liegt auf dem Flur. Das Doppelbett im mallorquinischen Stil ist komfortabel und sogar liegend kann man noch durchs Fenster in die hügelige weite
Landschaft sehen.

Cati, Toni und ihre 13-jährige Tochter leben das ganze Jahr über in dem luftigen Horst, die Familie hat zusätzlich eine Wohnung in Pollença, wo sie ab und zu übernachtet, wie uns Toni erzählt. Zum Sonnenuntergang ordern wir bei ihm zwei Bier und haben fast ein schlechtes Gewissen als wir hören, dass der Herbergsvater nicht nur jede Bierdose, sondern alles von der Milchtüte bis zum Putzeimer mit einem Quad auf den Berg transportieren muss. Geht mal ein Kühlschrank kaputt, befördert Toni das neue Gerät ebenfalls auf dem robusten Vierrad. Extrem große Dinge wie der Herd in der Küche müssen per Hubschrauber eingeflogen werden.

Ein Fotograf, der kochen kann
Bis zum Abendessen gegen 20.30 Uhr ist noch etwas Zeit, wir sehen uns die Kapelle an, die im Laufe der Jahrhunderte mehrmals umgebaut wurde, und erkunden über kleine Trampelpfade das Klostergelände. Terrassenförmig angelegt sind mehrere Picknickplätze mit Blick aufs Meer, in der großen Gemeinschaftsküche kann man den Kamin mit seinen altertümlichen Kochgelegenheiten bewundern. In den ehemaligen Gemüsegärten leben jetzt Ziegen, eine Horde Katzen begleitet uns durch einen gemauerten Rundbogen zurück zum Kloster. Über der Eingangstür wacht eine geschnitzte Heiligenfigur.

Im Esszimmer sitzt schon ein Paar vor einem riesigen pa amb oli, wir bekommen zu selbst eingelegten Oliven sopa mallorquina, Schweinekoteletts und hausgemachte Pommes serviert. Toni stammt aus Pollença und war früher mal Fotograf, bevor er den Beruf für seine Leidenschaft an den Nagel hängte. Seither kümmert er sich auf dem Puig de Maria vor allem ums Kochen, und wir müssen ihm versprechen, für seine berühmte Paella wiederzukommen. Vor dem Schlafengehen wollen wir noch mal raus und tasten uns ohne Taschenlampe bis zum Kirchplatz vor. Über unseren Fußspitzen sehen wir jetzt die leuchtenden Punkte von Pollença tanzen, Cap Formentor ist nicht mehr zu sehen. Wir sitzen auf der Mauer im Dunkeln, um uns herum liegt große Stille. Wir wissen nicht so genau warum, spüren aber beide: Ein Besuch auf dem Puig de Maria wirkt wie ein Stärkungsmittel.

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