Explosive Ladung an Bord

Wie ein mit Sprengzündern und Chemikalien beladener Frachter an der Nordküste von Menorca zerschellte

07.07.2015 | 11:52
Die 1962 in Rotterdam vom Stapel gelaufene „Francina" transportierte Frachtgüter zwischen Südfrankreich und Nordafrika.

Ein Sturmtief mit bis zu 10 Windstärken, haushohe Wellenberge, messerscharfe Klippen und eine hochexplosive Ladung an Bord. Keine Frage: die Voraussetzungen für ein Schiffsunglück hätten an diesem Januarmorgen des Jahres 1974 wohl nicht fataler sein können.

Keine 24 Stunden vor seinem Untergang war der unter liberischer Flagge fahrende Frachter „Francina" von Marseille nach Algier aufgebrochen. Unter Deck hatte die 13-köpfige Mannschaft neben mehreren Tonnen Orangen auch einen Container Sprengzünder sowie zwei Dutzend Fässer Chemikalien geladen.

Im Laufe der Reise verschlechterten sich die Wetterbedingungen dramatisch. Nur wenige Seemeilen vor der Nordwestküste Menorcas kämpfte sich die „Francina" gerade durch meterhohe Wellen als die Besatzung eine Explosion im Frachtraum vernahm. Kurze Zeit später stieg eine schwarze Rauchsäule aus der hinteren Ladeluke empor – das Schiff hatte Feuer gefangen und der holländische Kapitän zögerte angesichts seiner explosiven Fracht keinen Augenblick, S.O.S. zu funken.

Es war wohl sein letzter Befehl. Bei dem nachfolgenden Versuch eines der Rettungsboote ins Wasser zu lassen, fiel der Kapitän über Bord und verschwand innerhalb von wenigen Sekunden in der tosenden See. Die in Panik geratene Mannschaft flüchtete sich anschließend in zwei aufblasbaren Rettungsinseln und überließ die weiterhin unter Maschine fahrende „Francina" führerlos ihrem Schicksal.

Nur vier Besatzungsmitglieder überlebten

Der Notruf des Frachters hatte währenddessen die Küstenwache von Menorca auf den Plan gerufen, doch war an eine Rettungsaktion von See aus aufgrund der extremen Wetterlage nicht zu denken. Mittlerweile hatten sich an den Steilklippen der Cala Morell Dutzende von Schau­lustigen eingefunden, die das brennende Schiff und die beiden hilflos auf die Felsküste zutreibenden Rettungsinseln beobachteten. Aus Angst mit ihren Gummibooten an den Klippen zu zerschellen, sprangen die Besatzungsmitglieder schließlich in die Brandung – nur vier von ihnen wurden lebend geborgen. Noch zwei Wochen nach dem Unglück schwemmte das Meer drei Leichen in die Bucht, der Kapitän gilt bis heute als „vermisst".

Der aus dem Ruder gelaufene und brennende Frachter krachte schließlich am Mittag des 3. Februars zwei Kilometer westlich der Cala Morell in die Klippen und brach dort wenige Stunden später auseinander. Sowohl die Fässer mit den Chemikalien als auch die Sprengzünder konnten wenige Tage nach dem Unglück von Tauchern geborgen werden.

Die Unfallursache ist bis heute ungeklärt

Die genauen Umstände, die zu der Explosion an Bord der „Francina" geführt haben, sind bis heute ungeklärt. Nach Aussage einer der Überlebenden soll sich die Ladung während des Sturms verschoben haben, was womöglich zu einer Reaktion der Chemikalien und der daraus resultierenden Explosion führte. Die Fässer selbst wurden jedoch allesamt unbeschadet aus dem Wrack geborgen.

Sowohl die Untersuchung des genauen Unfallhergangs als auch weitere Ermittlungen über den Empfänger und Verwendungszweck der mysteriösen Fracht der „Francina" wurden von der damaligen Militärkommandantur in Ciutadella allerdings keine drei Monate nach der Tragödie eingestellt.

Die Überreste des Frachters liegen heute in einer Tiefe von rund 15 Metern unterhalb des Kaps Punta Natí und sind als offiziell gesicherter Tauchspot registriert. Vollständig erhalten ist von der „Francina" allerdings nur noch der große Dieselmotor, indem Muränen, Zackenbarsche und Korallen ein neues Zuhause gefunden haben.

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