Das Brooklyn von Inca

Die alte Textilfabrik Ramis öffnet wieder: Ab Oktober trifft sich in dem Jugendstil-Bau die Kulturszene. Das Projekt bringt frischen Wind in die sonst eher schmucklose Stadt

07.08.2015 | 12:12

Kreativität gehört zu Juan Ramis Fachgebiet, an der bekannten Hochschule Esade in Barcelona lehrt er, wie man Unternehmen innovativer macht. Theorie ist eine Sache, in seiner Fábrica Ramis in Inca arbeitet der Sozialwissenschaftler seit drei Jahren daran, wie die Erneuerung des Überholten aussehen kann. Imposant. Überraschend. Attraktiv. Das sind die ersten Eindrücke, wenn man vor der ehemaligen Textilfabrik Ramis an der Gran Via de Colón im Zentrum steht. Der solide Bau aus den 20er Jahren und der charakteristischen Ziegelschornstein erstrahlen in frischem Weiß, das holzvertäfelte und von Säulen getragene Vordach erinnert an das eines Theaters oder Opernhauses. Eine breite Treppe führt zu mächtigen, gläsernen Eingangstüren, links und rechts davon laden hölzerne Sitzbänke Besucher zum Verweilen ein.

Lieber möchte man gleich hinein stürmen, den im Patio angelegten Garten über kreuz und quer verlegte Holzbohlen erkunden und sich in den Gebäude­flügeln umsehen. Doch Juan Ramis stoppt uns im bosque del Archiduque, den „Wald" legte er nach Ideen des Erzherzogs Ludwig Salvator mit fünf verschiedenen Beeten an. Er verehrt den österreichischen Gelehrten, auf dessen Spuren er zuletzt das Mittelmeer durchsegelte (MZ berichtete). „Intuitiv wollte ich immer weg aus Inca", erzählt der vielgereiste Sohn aus traditionsreicher Unternehmerfamilie. Dass der 47-Jährige nun ausgerechnet in seiner Heimatstadt ein solches Projekt aufzieht, hat wohl mit seinem schöpferischen Geist zu tun. „Die Fábrica ist ein eigener Planet, aufregender als eine Weltreise", so der Mallorquiner.

Er sieht Potenzial in Inca und wünscht sich, dass die Trabantenstadt wieder zu einem lebendigen, attraktiven Ort wird, der auch Menschen aus der Peripherie anzieht. Gelingen könnte es, denn in der Kreativ-Fabrik wird ab Mitte Oktober gearbeitet, gefeiert, gegessen. Theater gespielt, Sprachen gelernt, Yoga gemacht. Vier Hallen à 1.000 Quadratmeter stehen für das abwechslungsreiche Programm zur Verfügung. Ins Erdgeschoss ziehen ein Restaurant mit Cocktailbar sowie eine Showküche für Kochkurse ein. Im Flügel gegenüber gibt´s eine große Bühne, das Studio kann für ­Theateraufführungen, Ausstellungen, Mini-Kongresse und Konzerte gebucht werden. Unterm Dach entstehen ein Coworking-Büro sowie acht Kurs­räume für Workshops aller Art. Am Ende der Halle liegt der große Yoga- und Tanzsaal.

Juan Ramis betreibt das Res­taurant, die übrigen Bereiche vermietet er auf Zeit, die Fabrik soll ein (Denk-)Ort für (Klein-) Unternehmer werden, wo sich Menschen und Ideen begegnen, Synergien entstehen, Veränderungen Gestalt annehmen. Dass sein Projekt kein Selbstläufer ist, weiß der Intellektuelle nur zu gut. Die größte ­Herausforderung sei es, Veranstalter anzuziehen, die mit ihrem (festen) Programm die Hallen beleben. Das können lokale Musik- und Theateraufführungen, aber auch internationale Happenings sein. 30 Prozent der Einnahmen gehen an Ramis, für den Yogaraum und die Showküche sieht er einen festen Mietpreis pro Stunde und tageweise vor, auch die Arbeits­plätze im Coworking-Büro sind individuell buchbar (z. B. eigener Schreibtisch 100 Euro/Monat). Das Anmieten der Räumlichkeiten funktioniert unkompliziert über die dreisprachige Homepage der Fabrik (Spanisch, Katalanisch, Englisch), dort werden auch alle Events und Workshops präsentiert. Teilnehmer können sich mit einem Klick anmelden, Eintrittskarten und Kursge­bühren online bezahlen.

Was sich für einige Freunde bereits nach Stadtgeschichte anhört, ist Juans Familie bisher nur ein Kopfschütteln wert. „Mein Vater und Großvater haben die Fabrik traditionell geführt, sie können sich nicht vorstellen, dass es auch anders geht", sagt der jüngste Spross, dessen älterer Bruder Schuhläden in Palma betreibt. Doch Juan Ramis hat schon in vielen Orten der Welt gelebt und gesehen, wie unterschiedlich Zukunft interpretiert wird. Trotzdem sei auch der Blick zurück, auf das, was andere vor uns geschaffen haben, wichtig, findet Ramis.

Mit den Stoffresten, die sich noch kistenweise in der Fabrik stapeln, will er die Sitzmöbel im Restaurant beziehen, ein Dutzend alter Nähmaschinen kommt als Skulptur an die Wand und erzählt Fabrikgeschichte. Auch die original Fenster, Eisensäulen und offenen Ziegeldecken blieben erhalten – und wurden mit modernster Ausstattung kombiniert. Dazu gehören ein spezieller Boden im Yogaraum sowie die unter der Decke verlaufende Warmwasserheizung. Im Winter soll in der Fabrica Ramis niemand frieren müssen.


Inca kommt

Fábrica Ramis,
Gran Via de Colón, 28, Inca,
www.fabricaramis.com

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