Mit Fischern auf dem Meer: Ablegen zu Sonnenuntergang

Kalamare fangen, Sprichwörter lernen, die Tonleiter der Gefühle spielen: ein Abend auf dem Boot vor Mallorca

22.08.2015 | 07:57
Die Zeit fließt unsichtbar an einem vorbei – oder man ist selbst Zeit, reine Gegenwart, ganz wie man es sehen will ?

Es heißt, das Meer setze allerhand Emotionen frei. Manchmal ist man vor Aufregung durchgeschwitzt, noch bevor es an Bord geht. Auf der Suche nach der „Calabruix", wie das Boot von Mateo Fuster heißt, wird uns abwechselnd heiß und kalt. Um 19.45 Uhr fahre er raus, so Mateos knappe Ansage am Telefon zwei Tage zuvor. Nun suchen wir seit zwanzig Minuten im Hafen von Portocristo ein Hotel mit dem Namen Drac. Hier soll das Fischerboot des Mallorquiners liegen, auf dem wir einen Abend lang mitfahren und Tintenfisch fangen wollen. Das Handy klingelt. „Wo seid ihr?" ruft Mateo und klingt kein bisschen verärgert. „Im Hafen, aber wir finden dich nicht". Mateo ruft: „Ich sehe euch!" Und schickt uns von der anderen Seite des Hafenbeckens einen scharfen Pfiff. Ganz klar: Wir stehen auf der falschen Seite. Statt uns den 15-minütigen Fußmarsch über die Brücke aufzubürden, holt uns Mateo mit dem Boot ab: „No hay problema".

Probleme und Alltagssorgen lösen sich für Mateo in Luft auf, sobald er am Steuer seiner „Calabruix" steht und gemütlich durch den Hafen von Portocristo tuckert. Der acht Meter lange Kahn ist mit einem 100 PS-Motor, drei Sitzbänken und zwei Rettungsringen ausgestattet, mehr braucht es nicht, um Kalmare vor der Küste Mallorcas zu fischen. Meist bleibt der ­Mallorquiner drei, vier Stunden draußen, manchmal die ganze Nacht. „Te cura el coco", was so viel heißt wie: ´Das heilt die Birne´, ist eine der ersten Redewendungen, die wir an diesem Abend über das Meer und das Fischen lernen.

Inzwischen fahren Mateo und Lorenzo, der mit an Bord ist, rein aus Spaß aufs Meer, Geld verdienen müssen sie auf See nicht mehr. 15 Jahre lang teilten sich die zwei Männer aus Portocristo die Kosten für ein Boot und fuhren zum Nachtfischen mit Licht raus. Bevor Lorenzo Fischer wurde, verkaufte er Möbel, jetzt ist er pensioniert. Mateo machte vor vier Jahren Schluss, nach insgesamt 25 Berufsjahren auf dem Meer. „Die Doppelbelastung wurde mir zu viel", sagt der 53-jährige Familienvater, der auch ein kleines Fisch-­Restaurant, Las Golondrinas, im Dorf betreibt. In Portocristo sind von über 30 Fischern vor zehn Jahren heute nur fünf übrig geblieben.

Wir passieren den Leuchtturm an der Hafenausfahrt, spüren den kühlen Fahrtwind auf der Haut. Die Bedingungen für unseren Ausflug sind perfekt: eine leichte Brandung, kaum Wind. Weiter draußen schaukeln bereits zwei, drei Fischerboote, vielleicht sind die auch hinter Tintenfischen her oder lauern Zahnbrassen und Meerbarben auf. Die Sonne steht bereits tief. Kalmare fängt man am besten zwischen einer halben Stunde vor und einer Stunde nach Sonnen­untergang.

Rund 1.500 Meter vom Ufer entfernt stellt Mateo den Motor aus. Heftige, plötzliche Stille macht sich breit. Das Wasser ist hier draußen undurchdringlich blau, wie Tinte. Die Männer bereiten die Angeln vor, die Schnur wird direkt neben der Bootswand von einem Stück Blei beschwert senkrecht ins Wasser gelassen. „Wir sind vom alten Schlag", sagt Lorenzo und meint damit die einfache Angelmethode ohne Rute.

Um Kalmare zu fischen, braucht es Wissen und Glück. Man muss wissen, wo man die Angel auswirft, und dann heißt es warten. Er und Mateo schwören auf einen speziellen Köder, der statt Haken einen Zahnkranz besitzt. Sie nennen ihn Messi-Köder, wie den Fußball-Gott. Ein Fachmann in Portocristo fertigt ihn nach einem 80 Jahre alten System an.

„Früher kamen wir mit 400 Tintenfischen am Abend zurück", erinnert sich Lorenzo, „heute freuen wir uns, wenn es 20 pro Kopf sind." Umweltverschmutzungen, doch vor allem die Hochseefischerei mit ihren großen ­Fangnetzen, die bis 1.500 Meter tief reichen, hätten das Gleichgewicht im Meer zerstört, sagt der Fischer mit dem Seemannsbart. Auch der Klimawandel verändere die Gewohnheiten der Meerestiere. Seepferdchen und Meerspinne sind vor den Küsten Mallorcas inzwischen ausgestorben, die Zahl an Seeigeln ist erheblich dezimiert. „Dafür findet man heute viele Große Rote Drachenköpfe, was früher nicht der Fall war", so Mateo.

Es dämmert, wir schauen gen Westen, wo der Himmel jetzt goldrot leuchtet. Im Wasser erwachen die Tiere der Nacht, nach Sonnenuntergang verlassen ­Oktopusse, Kalmare und Meerbarben für die Futtersuche ihre Verstecke. Die Fischer halten stumm die ­Angelschnur und schauen aufs Meer. „Natürlich kann man beim Angeln reden, aber ich k­onzentriere mich lieber", sagt Lorenzo. Der Kapitän befiehlt, die Schnüre wieder einzuholen, er will noch mal die Position wechseln. „Das ist bloß ein Gefühl, keine Mathematik", sagt Mateo und lenkt das Boot ein paar hundert Meter weiter raus, dort wo Neptungras den Meeresboden bedeckt. Früher orientierten sich die Fischer von Portocristo an den Hügeln südlich der Bucht und dem Berg von Sant Salvador, um ihre Position zu bestimmen. Heute benutzt Mateo ein GPS- und ein Sonargerät, mit dessen Schallimpulsen er zudem ortet, was sich unter Wasser befindet.

Verlassen würde er sich aber nach wie vor auf sein Gespür, sagt er. Man müsse wachsam sein, denn oft verrät nur ein Zucken oder leichtes Nachgeben der auf der Kuppe des Zeigefingers ruhenden Angelschnur, dass sich in über 30 Meter Tiefe etwas tut. An Lorenzos Köder macht sich offenbar etwas zu schaffen. Rasch nimmt er die Schnur zwischen die Finger, es ruckt wieder, diesmal stärker. Er holt die Schnur ein, jetzt muss man den Köder gleichmäßig hochziehen, will man seine Beute nicht verlieren. „Nunca sabes como terminará la fiesta" – noch ist nichts entschieden, weiß der Fischer aus Erfahrung. Tatsächlich ist der Köder leer, nur ein wenig schwarze Farbe verrät, dass ein Tintenfisch ihn gestreift haben muss.

„Fischen erfordert Geduld", sagt Mateo, „und wenn man ­nervös ist, fängt man gar nichts." Das Meer sei ein Lehrmeister der Gefühle: „Du kannst Wut spüren, wenn nichts anbeißt, und ­natürlich bist du stolz, wenn die Beute am Haken baumelt." Oder man ist ­cabreado, stinksauer, weil der ­Kollege schon ein Dutzend Exemplare gefangen hat und man selbst noch kein einziges. „Cuajarán", ruft Lorenzo seinem Freund im Heck zu. „Si no es hoy, es otro día." Es wird schon klappen, ­früher oder später.

Inzwischen ist es stockdunkel. Umringt von einer Sternenpracht hängt der Mond als Sichel am Firmament. Nur ein Lämpchen auf dem Bootsdach zeigt den anderen Nachtschwärmern auf dem Wasser an, wo wir treiben. Auf Handy und Uhr gibt man hier draußen nichts, die Zeit fließt unsichtbar an einem vorbei – oder man ist selbst Zeit, reine Gegenwart, ganz wie man es sehen will. Wir lauschen dem
Plätschern der Wellen, jeder schickt seine Gedanken in die Nacht.

Als wir um kurz vor elf unterhalb des Hotels Drac wieder anlegen, schallt uns Lounge-Musik entgegen. Die Straßen sind hell erleuchtet, am Fisch-Imbiss am Eck drängeln sich Touristen und Einheimische. Nach gerade mal drei Stunden auf See, blicken wir ein wenig befangen auf das ganz gewöhnliche Treiben an Land. ­Mateo drückt uns eine Tüte mit dem Fang des heutigen Abends in die Hand: fünf kleine Kalmare. „El ­hombre feliz no tenía camisa", erklärt Lorenzo und spielt damit auf eine Erzählung von Leo Tolstoi an, in der es um einen armen, aber glücklichen Mann geht. Mateo sagt zum Abschied: „Nur kurz in der Pfanne mit Deckel anbraten und dann die Kalmare in ihrer Tinte genießen."

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