Ein Genpool für die Mandel

Auf der Musterfinca Sa Canova bei Sa Pobla wachsen 180 Mandelbäume mit 67 verschiedenen alten und neuen Sorten. Sie können das Erbgut für weitaus produktivere Inselplantagen der Zukunft liefern

07.02.2016 | 01:00
Ein Genpool für die Mandel

Die Mandelbäume auf dem ­Mustergut Sa Canova bei Sa Pobla stehen dicht an dicht. „So werden die Plantagen der Zukunft aussehen", sagt Pere Miralles (51), Agraringenieur aus Montuïri. Seit 1986 arbeitet er auf der Finca, die damals noch der Sparkasse Sa Nostra gehörte. Heute ist sie im Besitz von Prof. Michael Popp, Geschäftsführer der Firma Bionorica, einem weltweit führenden Hersteller pflanzlicher Arzneimittel. Auf den Feldern von Sa Canova wachsen im großen Rahmen auch Heilkräuter.

„Dieses Jahr ist nicht normal", sagt Miralles. Der gesamte Dezember war zu warm und zu trocken. Auch der Januar zeigt sich sonnig, Bienen und Hummeln sind geschäftig unterwegs, um die Blüten der Mandelbäume (Prunus dulcis bot., almendro span., ametler kat.) zu bestäuben. Doch die Frühlingsstimmung ist nicht ungetrübt. „Im Februar wird es sicherlich zu Minusgraden kommen", fürchtet der Agraringenieur. Die Blüten werden dann schon Fruchtstände gebildet haben, die den Frost nicht überstehen und abgeworfen werden.

Doch das ist nicht neu. Immer wieder drohen der Insellandwirtschaft Verluste durch die Frühblüher oder durch das Fehlen der 400 Stunden Kälte, die der Mandelbaum für seine Fruchtproduktion benötigt. Deshalb bemüht man sich schon seit Langem um spätblühende Sorten. Ein Beitrag dazu ist die Musterplantage auf Sa Canova, die kurz nach der Jahrtausendwende eingerichtet wurde. In der Nähe des Sitzes des Landwirtschaftsministeriums La Granja gab es damals sortenreiche Mandelfelder. Als die damalige PP-Regierung das Industriegebiet Son Castelló erweitern wollte, plante man, die Mandel­bäume zu fällen.

Joan Rallo, der kürzlich ein Buch über die Bestäubung der Feigenbäume veröffentlichte (die MZ berichtete), arbeitete damals für das Landwirtschaftministe­rium und rettete die Mandelbäume. Die Zusammenarbeit zwischen dem Landwirtschaftministerium und der Sparkasse machte es möglich, dass auf Sa Canova eine Kollektion der wichtigsten mallorquinischen Mandelsorten entstand.

Doch die Bäume nahe dem Industriegebiet waren schon zu alt für eine Verpflanzung. Deshalb nutzte man „Mutterbäume" als Unterlage der mallorquinischen Sorte borde (Bastard), die aus Samen gezogen wurden. Zwei Jahre später veredelte Rallo sie mit dem Edelreisig der gefährdeten Bäume am Rande des polígonos.

Heute sind in Sa Canova rund 180 Bäume 67 verschiedener Sorten etwa zwei Meter hoch. „Bei den alten Sorten handelt es sich größtenteils um Frühblüher", sagt der Experte. Durch gezielte Bestäubungen entstanden über mehrere Pflanzgenerationen außerdem Hybride, bei denen sich der Zeitpunkt der Blüte immer weiter nach hinten verschiebt. Eine von ihnen ist die „Ferragnès", eine Kreuzung zwischen der südfranzösischen „Ai"-Mandel und der ­italienischen „Cristomorto". Auch bei der „Guara", der „Garrigues" und der „Mas Bovera" handelt es sich um spätblühende Sorten. Die Agrartechniker des Landwirtschaftsministeriums analysierten die Sorten auf ihre DNA, um aus dem Genpool die produktivsten herauszufinden.

„Die Mandeln der Hybride enthalten einen niedrigeren Öl­anteil als die alten Sorten", sagt der Agrartechniker aus Montuïri. Für die Turrón-Fabrikationen in Jijona ist das keine gute Nachricht: Mit almendras ohne hohen Ölanteil fällt das Weihnachtsgebäck zu ­trocken aus.

Doch der Markt verändert sich. Auch Russland und China interessierten sich neuerdings für Mandelimporte. Bisher belieferte Kalifornien vier Fünftel der Welt mit Mandeln. Für eine einzige Mandel kamen dort vier Liter Gießwasser zum Einsatz. Nun hat die Dürre im Westen der USA auch Auswirkungen auf die Mandelproduktion. „Bei den Preisen für die Inselernte 2015 war die Krise in Kalifornien schon spürbar", sagt Miralles. Bis dahin bekamen die Insellandwirte vier bis fünf Euro pro Kilogramm Mandelkerne. Im vergangenen Jahr stieg der Preis auf acht bis zehn Euro an.

Als Reaktion darauf rüsten nun auch die Landwirte von der Insel und dem spanischen Festland auf und legen neue Plantagen an. Die Kollektion der Mandelbäume von Sa Canova kann ihren Beitrag dazu leisten, indem sie die geeigneten Sorten liefert. Eine Mandelbau-Sorte aus ­Felanitx beispielsweise kommt auf einem Terrain am Fuße der Serra de Tramuntana nicht unbedingt zurecht. Denn, so klein die Insel auch scheint, verfügt sie doch über viele verschiedene Wetterzonen.

Auf den neuen Plantagen stehen die Bäume eng beisammen und können bewässert werden. Das fördert die Produktion. Heute suchen sich die Landwirte obendrein Felder mit guter Erde aus, die nicht unbedingt in den herkömmlichen Mandel­anbaugebieten wie Santa Maria, Bunyola, Lloseta, Capdepera und Santanyí liegen. Hier pflanzte man früher Mandeln vor allem deshalb an, weil die Erde arm an Nährstoffen war. Fruchtbarer Boden war für Getreide, Wein und Gemüse reserviert.

„Auf der Insel hat man sich nie viel Gedanken um die ­Produktivität der Bäume gemacht", sagt der Mallorquiner. Die almendros zählten zu den Trockenkulturen, die mit den winterlichen Niederschlägen zurecht kommen mussten. Deshalb setzte man die Bäume in großen Abständen. So konnten sich Wurzeln entwickeln, die das Wasser tief aus der Erde aufsaugen konnten. Die Plantagen boten Schafherden im Winter Weideflächen, die Mandelbäume liefen eher nebenher. Diesem Jahres­kreislauf setzten schließlich EU-Subventionen ein Ende. Der Bezug der Gelder war an ein Verbot für die Aussaat von Weidegras gekoppelt.

„Auf den neuen Feldern könnte sich bei der Inselmandel eine ähnliche Entwicklung abzeichnen wie bei den Oliven, die man mit neuen Züchtungen von der Serra de Tramuntana in die Ebene holte", sagt Miralles, „wir können die richtigen Mandelsorten dafür liefern". Der neue Besitzer von Sa Canova, Prof. Michael Popp, habe zwar vieles verändert. Doch seine Wertschätzung für das Erbgut alter Sorten wäre groß. Auch die Zusammenarbeit mit dem Landwirtschaftministerium führe er so fort, dass Forschungen auf der perfekt gepflegten Anlage möglich sind. Und vielleicht noch wichtiger: Er unterstützt weiterhin, dass Schülergruppen dort lernen, welche Sorten ihre Urgroßväter pflanzten und welche sie vielleicht selbst einmal setzen werden.

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