Les Talaies de Can Jordi: Heute erforsche ich einen Talaiot

Die Fundstätte bei Santanyí ist touristisches Niemandsland. Zum Glück

01.04.2016 | 10:49
Fotogalerie: Besuch in der Fundstätte Les Talaies de Can Jordi
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  • Mallorca hat zahlreiche weitere Zeugnisse aus der Talaiot-Zeit zu bieten als etwa Ses Païsses in Artà und Son Fornès in Montuïri – wobei letztere Fundstätte vor allem wegen des gleichnamigen Museums einen Besuch wert ist. Einen hervorragenden Überblick bietet die neue Website ArqueoMallorca (www.arqueomallorca.com), die auch vollständig in passablem Deutsch abrufbar ist. Als praktisch erweist sich vor allem die interaktive Karte, mit der sich leicht Routen planen lassen.
  • Das Netzwerk ArqueoMallorca war nach einem Fachtreffen im Jahr 2014 in Montuïri und mithilfe von EU-Geldern ins Leben gerufen worden und soll Mallorcas archäologische Fundstätten langfristig bekannter machen.

Wer den Talaiot von innen sehen will, muss auf die Knie. Christoph Rinne krabbelt voraus durch den kleinen Tunnel, der zwischen den kreisförmig aufgetürmten Quadersteinen ins Innere führt. Die frühere Zwischendecke des einst wohl rund fünf Meter hohen Bauwerks ist nicht mehr erhalten, aber eine mächtige Mittelsäule im Zentrum des Talaiot, die sie trug. Holzstöcke und verrostete Eisenstangen stützen die aufgetürmten Steinplatten, die man lieber nicht berühren mag. Der Archäoinformatiker beruhigt: „Die stehen schon seit 2.500 Jahren" – unwahrscheinlich, dass sie gerade jetzt einstürzen.

Wer Les Talaies de Can Jordi in der Nähe von Santanyí im Südosten Mallorcas besucht, ist garantiert ungestört. Selbst im Ort wissen die wenigsten von der Fundstätte, wenn man nach dem Weg dorthin fragt. Dennoch rangiert sie für Rinne ganz weit oben auf der Liste der interessantesten frühgeschichtlichen Zeugnisse Mallorcas. Der Forscher der Universität Kiel ist gerade auf der Insel, um mit Kollegen von der Balearen-Universität in der nahe gelegenen Talaiot-Siedlung Es Rossells bei Cas Concos Ausgrabungen vorzunehmen.

Auch in Les Talaies de Can Jordi hat die Forschung erst begonnen. Rinne verweist auf ein Studienprojekt von Archäologin Beatriz Palomar. Es läuft im Zeitraum 2015 bis 2019, wie auch ein Schild am Eingang der Finca erklärt. Abgesehen von der Infotafel ist der Besucher aber auf sich alleine gestellt – er sieht schwarze Folien, die die ersten Schnitte vom August vergangenen Jahres abdecken, Stümpfe von Bäumen, die abgekohlt wurden, damit sich ihre Wurzeln nicht noch weiter zwischen die Mauern bohren, und Steine unterschiedlicher Größe und Form.

Das ist der Laienblick. Rinne dagegen erkennt Strukturen, die nicht nur auf eine frühere Siedlung, sondern sogar auf eine Stadt schließen lassen, die drei bis vier Mal so groß wie die erhaltenen Reste gewesen sein dürfte – eine Stadt im Sinne der Abgrenzung nach außen, mit eigenen Machtsstrukturen und womöglich einem eigenen Rechtsrahmen.

Der 48-jährige Deutsche blendet zunächst einmal die umliegenden Trockensteinmauern aus – die Bauwerke aus viel jüngerer Zeit, mit denen Bauern ihre Felder abgrenzten, sind an den deutlich kleineren, fischgrätenartig gestapelten Steinen zu erkennen. Die Umgrenzungsmauer der einstigen Stadt dagegen besteht aus massiven, vertikal aufgetürmten Brocken, die auf einem sorgsam mit kleinen Steinen nivellierten Fundament aus Steinplatten ruhen und ein Portal ins Innere freigeben. Die im 4. und 3. Jahrhundert vor Christus errichtete Mauer dürfte keine militärische Funktion gehabt haben – dafür wäre der Standort in der Ebene ungünstig gewählt –, sondern eher eine soziale Funktion der Abgrenzung. Die Fundstätte war wohl wichtiger Knotenpunkt im Wegenetz zwischen zwei Dutzend Siedlungen auf der Insel. Rinne spricht von einer Kommunikationsachse zwischen dem Meer an der Südküste und Es Rossells, wo ein Eingang der ­Siedlung direkt hierher nach Can Jordi zeigt.

Es sind vor allem solche Begrenzungsmauern, die derzeit die Forscher in den Bann ziehen. Die zuvor errichteten Talaiots – turmähnliche Rundbauten, die der Zeit auch ihren Namen geben – wurden bereits in den vergangenen Jahrzehnten ausführlich erforscht. Anders die posttalayotische Zeit, in der sich die Siedlungsstrukturen veränderten und die Kontakte sowie der Handel mit der Außenwelt zunahmen. Sie endete mit der Ankunft der Römer auf Mallorca im Jahr 123 vor Christus. Das sei ein noch vergleichsweise unbekannter Zeitraum, so Rinne, „erst danach wird die Insel als Einheit wahrgenommen und tritt ins Licht der verschrifteten Geschichte."

Les Talaies de Can Jordi war in der posttalayotischen Zeit wohl durchgehend besiedelt, im Gegensatz zur früheren Bronzezeit. Erkenntnisse darüber muss aber noch die Analyse der künftigen Funde liefern. Werden etwa auch hier Scherben von schwarz engobierten Keramikgefäßen gefunden, aus denen die damaligen Eliten Wein tranken? Dass es hierarchische Strukturen gab, dafür spricht jedenfalls der heute von einem Baum teilweise überwucherte Talaiot, der nicht nur ein einfacher Aufbewahrungsort für Rinderhälften gewesen sein könnte, sondern auch als Versammlungsort gedient haben dürfte.

Warum sonst sollte ein so gewaltiger Aufwand zum Bau betrieben worden sein? Wie wurden die Felsplatten der zentralen Säule im Talaiot aufgetürmt, die pro Kubikmeter bis zu zweieinhalb Tonnen wiegen? Eine Theorie: Der Talaiot wurde zur Konstruktion mit Sand gefüllt, der anschließend wieder abgetragen wurde. Eine von vielen Fragen, über die Besucher hier nachdenken können, ohne von der Gegenwart gestört zu werden.

Anfahrt: In Santanyí vom Carrer de Ravandella im Kreisverkehr auf den Carrer de Felanitx Richtung Cas Concos (Ma-14) und nach 1,7 km rechts in den Camí de Can Jordi einbiegen. Nach 1,2 km auf der linken Seite (39°22´37.0"N, 3°08´10.7"E).

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