Straßen der Stadt: Eine Schneise durchs Gassengewirr

Die Prachtstraße Jaume III. ist gar nicht so alt, wie manche glauben mögen. Unter Franco wurde hier in den 40ern eine alte Stadtlandschaft zerstört

22.04.2016 | 13:50
Hier soll eine gewisse Erhabenheit wirken.
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Avinguda Jaume III. in Zahlen

  • Länge: ca. 700 Meter Hausnummern: 29 Querstraßen: 5 Bars/Restaurants/Cafés: 2 Hotel: 1 Banken: 4 Kaufhaus: 1 Antiquitätengeschäft: 1 Hochzeitskleidungsladen: 1

Auch die Gegend nordwestlich der gemeinhin als Schildkrötenplatz bekannten Plaça Joan Carles war früher, so wie die gesamte Altstadt von Palma, ein verschachteltes Gewirr aus verwinkelten Gassen. Und das bis in die 40er-Jahre hi­nein. Als der Diktator Francisco Franco regierte, durfte Stadtplaner und Architekt Gabriel Alomar Esteve (1910–1997) Palma nach Gutdünken modernisieren, um Platz und schnellere Verbindungen für die immer zahlreicheren Autos zu schaffen. Eines der großen realisierten Projekte ist die Avinguda Jaume III. Sie wurde nach einem König benannt, der zwischen 1324 und 1343 über Mallorca herrschte. Jaume III. musste die Insel schließlich an Pedro IV. von Aragonien abtreten und verlor 1349 in einer Schlacht bei Llucmajor sein Leben.

Bei den Bauarbeiten in den 40er-Jahren verschwanden ganze Straßen wie etwa der Carrer de les Voltes de Can Fuster zwischen der Concepció-Gasse und dem Borne. Andere wie die Carrers Protectora, Can Ribera und l´Aigua wurden in jeweils zwei Teile zerschnitten. Tausende Menschen verloren ihre Wohnungen.

Am 10. August 1949 wurde die neue, mit meist neobarocken Mehrfamilienhäusern und überdachten Bürgersteigen gesäumte, monumental wirkende und fast schnurgerade Schneise feierlich eröffnet. Die mit schmiedeeisernen Leuchten verzierte Prachtstraße ist eine schnelle Verbindung zwischen den Stadtteilen im Westen (Poniente) und dem mittelalterlichen Stadtkern. Sie wirkt manchmal etwas surreal, etwa wenn an einem Wintersonntag kaum jemand dort flaniert und fährt oder wenn – wie am 4. März zuletzt geschehen – einfach vergessen wurde, die Lampen am Tag auszuschalten. Die Avinguda Jaume III. kreuzt den ebenso gediegenen Passeig de Mallorca und endet hinter der mit Liebesschlössern versehenen Brücke über den Riera-Sturzbach.

Gabriel Alomar entwarf auch einige der Marèsstein-Gebäude, so etwa das Hotel l´Almudaina mit der Hausnummer 9 im italienisierenden Stil. Auch Josep Ferragut (1912–1968), der das Gesa-Gebäude baute, durfte sich hier austoben. Das Haus an der Nummer 24 stammt von ihm.

So elegant wie der Borne-Boulevard ist die Avinguda Jaume III. nur am Anfang, wo sich ein High-End-Geschäft an das andere reiht – das Label Loewe etwa oder eine Filiale der Piel-de-Toro-Kette, die vom Sohn der 2014 verschiedenen Herzogin von Alba, Cayetano Martinez de Irujo, gemanagt wird, oder die Edelboutique Brunello Cucinelli, wo Schuhe um die 700 Euro kosten. Die Quadratmeter­preise für Geschäftsflächen lagen hier Ende 2015 bei über 2.000 Euro. Das ist viel, wiewohl es sich im Vergleich zum Beispiel zur Fifth Avenue in New York (über 33.000 Euro/Quadratmeter) bescheiden ausmacht.

Je mehr man sich vom Schildkrötenplatz entfernt, desto herkömmlicher wird´s. Aber das Ganze sinkt nicht auf Souvenirschuppen-Niveau ab. Zahnkliniken und Banken häufen sich auf Höhe der 20er-Hausnummern, im argentinischen MDQ-Café kann man günstig speisen. Durch die gediegene Architektur und durch das seit 1995 von Corte Inglés gemanagte Kaufhaus bleibt aber auch hier eine gewisse Basis-Eleganz erhalten.

Gema, Mitarbeiterin der Parfüm-Abteilung des Warenhauses, weiß immerhin von Alt-Königin Sofía zu berichten. „Die kommt seit Jahren im August immer mal wieder hierhin", sagt sie. „Sie nimmt sich immer Zeit." Dass in manch einem Hauseingang ganz in der Nähe dieses bis 1995 Galerías Preciados genannten Kaufhauses nachts Wohnungslose schlafen, wird die Königin a.?D. möglicherweise nicht wissen.

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